Heide saß die ganze Zeit bei den kranken Frauen, schnupperte an ihrem Atem, legte ihnen das Ohr aufs Herz, probierte ihre Pisse und kehrte kopfschüttelnd und grübelnd mit ihnen vom Scheißplatz zurück. Sie kochte beiden Frauen viele Becher Tee; Windhauch träufelte sie ihn durch ein Schilfrohr in den Mund. Größtenteils handelte es sich um Beifußtee, bitter und braun. Bei Windhauch gab Heide auch noch Mistelpollen hinzu und eine winzige Prise Wolfsflechte. Dieses leuchtend grüne Moos hinterließ Flecken an Heides Fingerspitzen und machte den Tee grüner, als man hätte meinen sollen; das Braun, mit dem es sich mischte, verschwand völlig. Wolfsflechte war giftig für Wölfe, aber Heide gab ihren Leuten oft kleine Mengen von schädlichen Pflanzen.
Bei Entchen hingegen schmierte sie die Beulen mit einer Salbe aus Bärenfett, geriebener Erlenrinde und anderen Stäubchen und getrockneten Blumen aus ihren kleinen bunten Beutelchen ein. Sie fütterte beide Frauen mit einem Brei aus Honig, Beeren und Kräutern, der leicht angegoren war wie die Maische für ihre Feste. Der Brei schmeckte schlecht, aber er schien den Leidenden etwas Erleichterung zu verschaffen.
Eines Nachts setzte Dorn den Bisonkopf auf und tanzte singend um Entchen herum. Mit einem Mal schrie er, sprang auf sie drauf und packte sie bei der Kehle, als wollte er sie erwürgen, und dann griff er in ihren Hals und zog eine weiße Masse heraus, die er in Richtung Fluss warf. Entchen starrte ihn verblüfft an.
Bei Windhauch saß er nur an ihrem Lager und spielte Flöte. Eines Morgens, als sie zu ihr kamen, um das zu tun, entließ er Eistaucher mit einem Klaps auf die Schulter. — Geh jagen, sagte er. Hier gibt es nichts mehr für dich zu tun.
Eistaucher verkniff sich den Hinweis darauf, dass es die ganze Zeit nichts für ihn zu tun gegeben hatte. Er war froh wegzukönnen. In der darauffolgenden Nacht starb Windhauch. Doch Entchen überlebte.
Sie brachten Windhauchs eingewickelten Leichnam zur Rabenplattform, stellten die Leitern auf, trugen sie hinauf und legten sie für die Vögel zum Fressen hin. Die Raben waren nicht weniger hungrig als alle anderen auch, und bald würde nichts mehr von Windhauchs Fleisch geblieben sein. Sobald die Knochen sauber waren, würden sie sie einsammeln und im Fluss bestatten, im Sommer, bevor sie ihren Marsch antraten.
Ehe sie Windhauch den Raben überließen, versammelte sich noch einmal das ganze Rudel um ihren Leichnam und weinte, während Dorn Flöte spielte. So hungrig, wie sie waren, wurden sie nur schwer damit fertig. All ihre Empfindungen waren wund, und alle hatten Windhauch geliebt und waren von ihr bemuttert worden. Ihr Fortgang aus dem Rudel war schmerzvoll. Sie alle seien Teil von Mutter Erde, sagte Dorn zwischen zwei Flötenstücken. Geburt, Paarung, Tod, alles waren Blütenblätter derselben Blume. Letztlich pflückte die Göttin jedes dieser Blätter ab: Sie gebar sie, vereinigte sie miteinander und führte sie dann in den Tod zurück.
In sich drin hörte Eistaucher etwas, das wie der Schrei eines Eistauchers in der Nacht klang. Es war das Lied seines Herzens, das Lied, das niemand außer ihm hörte.
Einige Raben hatten also Glück, doch alle anderen in der Großen Schlucht wurden immer hungriger. Schließlich flog eine Motte-nach-dem-Frost aus einem der Dickichte am Fluss hervor, und der sechste Monat brach an. In der Dunkelheit des sechsten Monds blieb Dorn die ganze Nacht singend auf und flehte die Sommergeister um ihre Rückkehr an, und gerade als er das Lied sang, das Eistaucher am anrührendsten fand, das über die Reise zwischen den Welten, erschienen die Farben der Nacht oben zwischen den Sternen und erleuchteten den schwarzen Himmel mit schimmernden, blauen und grünen Wellen, die so schön waren, dass Dorn alle aufweckte, damit sie sich das Schauspiel ansahen, um dann zu verkünden, dass dies ein Zeichen für die Rückkehr des Sommergeists von der anderen Seite des Himmels war. Sie alle sahen zu, solange das Licht zwischen den Sternen hervorsickerte und sich über den schwarzen Himmel ergoss wie eine Woge aus Libellenflügeln. Als es schließlich erlosch, schliefen sie wieder ein.
— Der Sommer sollte langsam mal kommen, brummte Heide, während sie zurück Richtung Bett stampfte. — Man kann keine Schneehuhnköttel essen, wenn es keine Schneehühner gibt.
Als sie an Eistaucher vorbeikam, sagte sie: — Trink nicht zu viel von der Milch deiner Frau. Dein Junge braucht sie zum Wachsen.
— Ich weiß, sagte Eistaucher. — Aber wenn ich dafür etwas zu Essen bringe.
Heide nickte. — Aber beeil dich damit.
Sie bekamen solchen Hunger, dass Schiefer und Dorn schließlich stromaufwärts zur Südseite der größten Eiskappe gingen, um das Rabenrudel zu besuchen und zu fragen, ob sie ihnen etwas von ihrem Essen abgeben konnten. Nach ihrer Rückkehr wollte keiner der beiden über die Reise reden, aber ihre Säcke waren voller Nüsse und Fett, und zwischen sich schleiften sie einen Beutel mit gefrorenen Enten.
— Bei ihnen ist es auch knapp, sagte Schiefer düster. — Es war sehr gut von ihnen, das für uns zu tun. Jetzt stehen wir in ihrer Schuld. Beim Acht-Acht müssen wir ihnen etwas Gutes geben, oder im Herbst.
Dann tauchten die Enten am Himmel auf und quakten ihre Botschaft heraus: Sommer! Sommer! Sommer! Die Wölfe warteten einen Tag und fingen dann gut zwanzig von ihnen in ihren Netzen. Während sie damit beschäftigt waren, kamen auch die Gänse in langen, ausgefransten Keilformationen angeflogen, mit knarzendem Gefieder, schnatternde, quäkende, zischende, keifende Nörgler.
Die Hungerzeit war für das Rudel vorbei. Sowohl Männer als auch Frauen gingen mit Netzen und Speeren auf Gänsejagd. Natürlich nahmen sie die erste Beute niemals an sich, aber wenn zahlreiche zwanzig Tiere auf einmal auftauchten, war das auch nicht nötig. Der Sommer war da. Viele von ihnen weinten vor Erleichterung, als sie wieder zur Jagd loszogen. Der Hungerfrühling hatte sie geschleift bis aufs rohe Fleisch.
Fünfter Teil
Unterm Eis
33
Am zweiten Abend des Acht-Acht-Fests in jenem Sommer, beim Tanz nach dem Feuerspektakel, fiel Eistaucher auf, dass Elga nirgendwo unter den Frauen war, die um das Hauptfeuer tanzten. Er tanzte einmal gegen den Kreis um das Feuer herum und ging dann zurück zu ihrem Lager, um sie zu suchen. Heide war dort, mit dem Kind und mehreren anderen der Jüngeren, aber Elga nicht. Er fragte Heide nach ihr.
Heide verzog das Gesicht auf eine Art, die seinen Herzschlag vor Sorge flattern ließ.
— Was ist?, wollte er wissen.
— Such sie. Heide blickte zu den Kindern. — Such sie, oder schick Dorn schnellstens her zu mir.
— Warum? Was ist denn los?
— Geh sie einfach suchen. Ich erkläre es dir später.