Erschreckt rannte Eistaucher los. Noch einmal umrundete er eilig das Hauptfeuer, um sich dann den Nebenfeuern zuzuwenden und schließlich den ganzen Ring von Lagern abzuklappern. Elga war nirgends zu finden. An einem der kleineren Feuer sah er Dorn inmitten seiner kleinen Gruppe von Schamanenfreunden, und vor Angst keuchend rannte er zu ihm und zog ihn beiseite.
— Ich kann Elga nirgendwo finden, und Heide hat gesagt, dass ich dich holen soll.
— Wie meinst du das? Er klang leicht angetrunken.
— Elga! Wir haben den Kleinen bei Heide im Lager gelassen und sind zum Tanz gegangen, und sie ist stehen geblieben, um mit irgendwem zu reden, und ich habe weiter im Kreis getanzt, und danach habe ich sie eine Weile nicht gesehen, aber ich dachte, sie wäre bloß auf der anderen Seite des Feuers, in der Frauenreihe. Als ich sie dann immer noch nicht gesehen habe, dachte ich, sie wäre zurück ins Lager gegangen, um etwas zu holen, also bin ich dorthin gegangen, aber da war sie auch nicht. Und Heide gefiel das irgendwie nicht, ich weiß auch nicht, warum.
— Dann wollen wir mal sehen, was sie will, sagte Dorn, die Stirn in Falten gelegt.
Als sie sich dem Lager näherten, kam ihnen Heide schon entgegen. — Das Mädchen kommt aus dem Norden, sagte sie zu Dorn. — Sie ist einem Rudel von dort oben davongelaufen. Ich fürchte, dass man sie zurückgeholt hat.
— O nein, sagte Dorn voll Entsetzen. Mit einem Blick zu Eistaucher fügte er hinzu: — Welches Rudel?
— Eines aus dem Norden. Eines, das nicht zu diesem Fest kommt.
— Warum waren sie dann hier?
— Ich weiß nicht, woher sollte ich auch? Geh Pippalott suchen und Schiefer, mal sehen, was die dazu meinen.
Dorn fasste Eistaucher an der Schulter, drückte ihn fest. — Geh Schiefer und Steinbock suchen und deine Freunde. Hol alle her. Sag ihnen von mir, dass wir ein Problem haben.
Eistaucher rannte zu den großen Feuern. Schnell fand er Schiefer und Steinbock und teilte ihnen mit, was passiert war. Innerhalb einer Faust hatten sich alle am kleinen Feuer in ihrem Lager versammelt. Dorn kehrte mit Pippalott im Schlepptau zurück, und der Reisende setzte sich zu ihnen ans Feuer, wärmte sich die Hände und hörte mit an, wie das Rudel der Wölfe die Lage besprach. Er nahm einen Wasserschlauch von Salbei entgegen und trank daraus, spritzte sich dann etwas Wasser ins Gesicht und schüttelte den Kopf, als wollte er die vom Feiern herrührende Benommenheit verscheuchen. Der Lärm der Menge um die Freudenfeuer half dabei nicht gerade.
Mit einem Mal wurde Eistaucher klar, dass Schiefer und Steinbock, aber auch Falke und Moos und Achtlos nicht die Absicht hatten, sich auf eine längere Suche nach Elga zu machen.
— Wir müssen sie retten!, rief er aus, als er das begriff. — Das können wir uns nicht von ihnen gefallen lassen!
— Sei still, sagte Schiefer zu ihm. — Die Entscheidung liegt nicht bei dir.
— Verteidigen müssen wir uns, bemerkte Dorn. — Wenn wir das nicht tun, wird es sich herumsprechen.
— Sie ist weggerannt. Sie hat nicht zu uns gehört, sie ist einfach nur bei uns aufgetaucht.
— Wir haben sie aufgenommen, erwiderte Heide. — Das kannst du nicht einfach widerrufen. Den ganzen Winter über hat sie zu uns gehört und hat uns beigestanden, und außerdem ist sie mit Eistaucher verheiratet und hat sein Kind zur Welt gebracht. Also rede nicht so von ihr.
Heides vernichtender Blick blieb bei Schiefer nicht ohne Wirkung. Er streckte die Hand aus. — Na schön, aber du hast gesagt, dass sie einem anderen Rudel davongelaufen ist. Und wir wissen nicht, wo sie hin ist.
— Und du würdest lieber weitertanzen, fügte Heide verächtlich hinzu.
Schiefer starrte sie böse an. Zweifellos hätte er sie am liebsten zum Schweigen gebracht, doch er wusste auch, dass man sich nicht so leicht mit Heide anlegte. Niemand sonst konnte jemanden so gut mit dem Bösen Blick belegen wie Heide, nicht einmal Dorn. Dies war nicht der richtige Augenblick für einen solchen Machtkampf. Und Schiefer merkte schnell, was das Rudel gerade brauchte, sonst hätte er es nicht zum Anführer gebracht.
Er setzte sich also neben Pippalott. — Weißt du, mit wem wir es zu tun haben?
— Vielleicht. Ich bin mir nicht sicher, wer sie mitgenommen hat. Aber ich habe Geschichten über die Gegend gehört, aus der sie kommt, und wenn es tatsächlich jene Leute waren, die sie sich geholt haben, dann kenne ich sie.
— Ist es ein großes Rudel?
— Die Rudel des Nordens sind meistens größer als die des Südens.
— Kannst du ihrer Spur folgen?
— Vielleicht. Es hängt davon ab, ob sie direkt nach Hause gezogen sind oder nicht.
— Warum sollten sie das nicht tun?
Pippalott sah ihn eindringlich an.
Schiefer stand auf und blickte ins Feuer. Als er sprach, sah er Eistaucher nicht an.
— Wir können nicht einer Frau nach Norden nachlaufen. Wir haben es gerade so durch diesen Frühling geschafft, wir sind noch immer geschwächt, und wir müssen hier unsere Rentiere verarbeiten und rechtzeitig zur Lachszeit am Lachsfluss sein. Und wir müssen genug zusammenbekommen, um den Raben etwas im Austausch für ihre Hilfe zu geben. Wir haben weder genug Nahrung noch die nötige Kraft, um sie zu verfolgen. So ist es nun einmal. Wir schaffen das nicht. Vielleicht können wir sie uns nächstes Jahr zurückholen.
Eistaucher verließ das Feuer. Außerhalb des Lichtkreises, auf einer niedrigen Anhöhe über dem Festplatz, blieb er stehen. In seinem Innern spürte er den Schlag der Trommeln vom großen Feuer. Er fühlte sich wie betäubt; er begriff das alles nicht. Er verstand zwar, was vorging, erkannte die Ungeheuerlichkeit des Geschehens, aber all das war so gewaltig und kam so unvermittelt, dass er es noch nicht wirklich spürte. Er war auf dieselbe Art benommen wie damals, als er einmal direkt gegen einen Baum gelaufen war, weil er beim Rennen über die Schulter geblickt hatte. Das hatte er danach nie wieder getan. Pass auf, wo du hinläufst! — den Spruch verstand er. Das Summen in seinem Inneren verwandelte sich plötzlich in einen Anfall von Übelkeit. Er stemmte die Hände auf die Knie und ließ für ein Weilchen den Kopf hängen.
Pippalott verließ ihr Lager, und Eistaucher folgte ihm. Er achtete darauf, ihn erst ein gutes Stück weiter einzuholen.
— Pippa! Ich brauche deine Hilfe!
— Wie meinst du das?, fragte der Reisende zurückhaltend.
— Kannst du mir zeigen, wo diese Leute aus dem Norden leben? Und welchen Weg sie dorthin nehmen?
— Das könnte ich dir schon zeigen, räumte Pippalott ein. — Aber hör mal, Junge. Ich will nicht, dass du dich mit den Nordleuten anlegst. Es wird nicht leicht für dich, deine Frau von ihnen zurückzustehlen, vor allem, wenn du allein bist. Und auch ein Zweiter ist keine große Hilfe.
— Ich tue es trotzdem, sagte Eistaucher. — Zeig mir einfach, wo sie sind, dann kannst du gehen.
Pippalott runzelte die Stirn. — Ich werde weggehen, sagte er nach langem Überlegen. — Das muss dir klar sein. Du bist auf dich gestellt. Ich werde nach Osten reisen.
— Na schön, ich verstehe. Das reicht mir. Mehr würde ich auch nicht erwarten.
— Das will ich hoffen.
Die Sommernächte in der Steppe waren kurz, und als Pippalott bei seinen Freunden auf dem Fest Erkundigungen eingeholt hatte, hellte sich der Himmel im Osten bereits auf. Eistaucher eilte an den Freudenfeuern vorbei, schlüpfte in ihr Lager zurück und setzte sich neben Heide, die neben dem Bett des Kleinen am Boden kauerte und vor sich hindöste. Sie schreckte auf, straffte sich und blickte ihn an.
— Ich nehme die Verfolgung auf, sagte er.
Sie zischte. — Ich glaube kaum, dass du das allein kannst.