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— Ich gehe. Kümmer du dich um das Kind. Ich werde vorsichtig sein.

— Das solltest du auch, sagte sie finster. — Und nicht nur das. Du wirst listig sein müssen und geduldig. Geh bei Nacht zu ihnen, wenn deine Gelegenheit kommt.

— Das werde ich.

Mit einem Mal streckte sie die Hand aus und packte ihn am Arm. — Ich finde nicht, dass du gehen solltest.

— Ich muss aber.

Und im Grau des dämmernden Morgens ging er, um sich mit Pippalott zu treffen.

Der Acht-Acht-Festplatz lag südlich eines Gebiets, das Pippalott als die Fünf Flüsse bezeichnete, wo mehrere Wasserläufe in den Lier mündeten. Während sie eilends den Ring von Lagern verließen, erklärte Pippa Eistaucher, dass die Nordleute höchstwahrscheinlich durch das Tal des Maia, der in den Lier mündete, wandern würden. Das Tal stieg in nördlicher Richtung leicht an und verlief an vielen Stellen so schnurgerade, dass der Fluss in seiner Mitte direkt auf den Spindelstern zeigte. Am oberen Ende des Maia gab es einen leicht zu querenden, breiten Pass, gefolgt von einem steilen Hang, der in ein flaches, von Osten nach Westen verlaufendes Tal führte, dessen Fluss weiter westlich in das große Salzmeer mündete. An der Nordseite dieses breiten Tals befand sich laut Pippa der große Eiswall, der alles im Norden bedeckte — das Ende der Welt in dieser Himmelsrichtung, gerade so, wie die Welt im Westen mit dem Salzmeer endete. An diesem Ort, wo Eis und Land und das Salzmeer zusammentrafen, lebten die Nordleute.

— Lebt dort oben sonst noch etwas? Was essen sie?

— Die üblichen Leute. Lachs und Rentier, Gänse und Enten, im Winter Robben von dem zugefrorenen Meer. Tatsächlich haben sie gut zu essen. Nur ist es dort immer kalt.

— Das könnte ich nicht ertragen.

— Sag das nicht, erwiderte Pippalott. Sag niemals laut, was du nicht willst, hat man dir das bei deinem Rudel nicht beigebracht?

Eistaucher antwortete nicht. Er folgte in den Fußspuren des geschwind wandernden Reisenden. Noch immer war ihm schlecht. Seine Eingeweide waren so verkrampft, dass er vornübergebeugt ging. Er wollte rennen, aber Pippa gab einen Wanderschritt vor. Einen schnellen Wanderschritt, zugegeben. Eistaucher biss die Zähne zusammen und folgte seinem Führer, wobei er im Dämmerlicht zu Boden schaute. Er hatte das Gefühl, dass Rennen ihm leichtergefallen wäre.

Pippalott atmete beim Laufen schwer durch die Zähne und gab einen pfeifenden Laut von sich, der wie ein kleines Lied klang, sein Lied vom schnellen Gehen. Reisende leisteten sich selbst Gesellschaft, und Eistaucher hatte schon viele Arten gesehen, auf die sie das taten: Manche von ihnen redeten unablässig, oft über Dinge, die niemandem aus dem Rudel der Wölfe eine Bemerkung wert gewesen wären; andere sangen, und wieder andere schlugen ihre Wanderstöcke zusammen, ehe sie sie wieder in die Erde rammten. Glücklicherweise tat Pippa nichts von alledem, er pfiff nur, und wie sich zeigte, war er schnell, sogar sehr schnelclass="underline" Eistaucher musste sich anstrengen, um mitzuhalten.

Lange gingen sie einen Pfad am Fluss entlang, bis ein tiefes Seitental sie zwang, diesem flussaufwärts bis zu einer Biegung und einem Höhenzug zu folgen, der an der Westseite des Maia verlief. Oben befand sich ein typischer Gratweg, breit genug, dass man hier im Morgenlicht gut dahineilen konnte.

Doch sie mussten vorsichtig sein. Wie so oft wuchs hier oben nichts mehr, und in der grauen Dämmerung konnten sie den Grat entlang weit voraus in die Höhe blicken; was bedeutete, dass jeder, der sich dort oben befand, zu ihnen herunterblicken konnte. Sie durften auf keinen Fall gesehen werden. Und da diese Leute eine Frau geraubt hatten, mochten sie sehr wohl einige Männer zurückgelassen haben, um mögliche Verfolger aufzuhalten. Ein schneller, kleiner Hinterhalt würde genügen, um sie loszuwerden. Inzwischen wurde es heller, bis schließlich nur noch der Morgenstern und wenige andere Nadelstiche an der grauen Kuppel funkelten, und so verließen sie den Grat und wanderten oberhalb des Maia zwischen Bäumen und Felsen am Hang entlang. Hier kamen sie nur langsamer voran, aber dafür konnten sie durch die Schatten kleiner Fichten und Birken schlüpfen, ohne ins Weidengestrüpp am Ufer zu geraten, und dabei immer wieder zu dem Grat hinaufschauen, der sich vor ihnen am Himmel abzeichnete. Es war die sicherere, wenn auch langsamere Art zu reisen, und wenn sie Deckung hatten, beeilten sie sich besonders, um die verlorene Zeit wieder wettzumachen.

Sie wanderten den ganzen Tag lang und machten nur zwei Pausen, bei denen sie sich hinsetzten, etwas aus ihren Rucksäcken aßen und ausgiebig aus zweien der kleinen Seitenflüsse tranken, die sie auf umgestürzten Bäumen überquerten. Pippa aß schnell. Seine langen, ausgreifenden Schritte wirkten niemals übereilt, und doch legte er in kurzer Zeit erstaunlich große Strecken zurück. Im Laufe des Tages erkannte Eistaucher, dass er seine eigenen Wege hatte, dass er Linien durch das Land folgte, die Eistaucher überhaupt nicht gesehen hätte, die sich jedoch unter seinen Füßen als schmale Pfade erwiesen.

— Ich bin ein Geradeläufer, sagte Pippa, als Eistaucher ihn auf diese Pfade ansprach. — Damit meine ich, dass ich auf einer schönen, ordentlichen Linie reise. Ich gehe nicht gerade gegen das Land an, wenn es keinen Sinn hat, aber ich halte nichts von Umständlichkeiten. Steigungen und Gefälle sind normalerweise nicht so stark, dass man wegen ihnen vom geraden Weg abweichen müsste. Wie dem auch sei, ich suche immer nach dem besten Weg, und wenn ich mich durch eine Gegend bewege, in der ich bereits zuvor war, halte ich immer Ausschau nach besseren Wegen als denen, die ich schon kenne. Und wenn ich eine neue Gegend erkunde, tja, dann gibt es nichts Besseres, als einen guten Weg zu finden.

— Erinnerst du dich an alle Orte, an denen du jemals warst?

— O ja. Natürlich.

— Und warst du schon einmal hier in der Gegend?

— O ja. Sonst würden wir nicht so schnell vorankommen. Wir müssten nach Wegzeichen suchen. Doch so, wie die Dinge liegen, wissen wir, wohin sie unterwegs sind. Außerdem habe ich einige Anzeichen dafür gesehen, dass sie hier vorbeigekommen sind, und zwar vor nicht allzu langer Zeit. Wir können sie also hoffentlich einholen. Du hättest sehr viel bessere Chancen, wenn wir sie noch einholen, solange sie unterwegs sind, anstatt erst bei ihrem Lager.

— Tust du so etwas denn oft?

Pippa zuckte mit den Schultern. — Dann und wann kämpfen sie gegen die anderen Nordleute. Und Frauen werden auch immer wieder gestohlen, wie du ja gesehen hast. Ja, dort oben gibt es schon seit einer Weile böses Blut zwischen einigen Rudeln. Manche behaupten, dass der große Eiswall ihnen Angst macht und sie in Wut versetzt, und andere meinen, dass sie vor Kälte nicht mehr klar denken können. Aber sie verhalten sich hitzig, deshalb bin ich mir da nicht so sicher. Sie sind wie Otter.

— Ah, sagte Eistaucher, und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Der unbezähmbare Otter, der mörderische Otter. — Das klingt sehr seltsam.

Pippa warf Eistaucher einen Blick über die Schulter zu, ehe er sich umdrehte und seine Wanderung fortsetzte.

— Du kommst aus einem guten Rudel. Ein gutes Rudel in einem guten Landstrich. Im Süden sind die Rudel alle sehr freundlich. Aber in manchen Landstrichen ist es anders. Die Nordleute sind zäh. Sie kämpfen dort oben ums Überleben.

— Aber warum?

— Was meinst du damit? Es gibt kein Warum. Es gefällt ihnen so. Sie kämpfen gerne, weil die, die überleben, es nicht weiter schlimm finden. Auf diese Weise kommen sie in den Besitz von Dingen, und dort oben ist es vielleicht das, worauf es ankommt.

Eistaucher seufzte und versuchte, den Gedanken an die Nordleute zu verdrängen. Vorerst kam es darauf an, Pippa dicht auf dem Fuß zu folgen und den Reisenden nicht aufzuhalten. Sei sein Schatten, wie es auf der Jagd hieß. Wie es um Elga stand, würden sie sehen, wenn sie die Nordleute einholten. Doch der Gedanke an sie war beinahe noch schlimmer als der an diese Otterleute. Er spürte, wie seine Eingeweide sich zusammenzogen, und ging wie ein ausgehungerter Wolf, das Rückgrat behutsam über den straffen Schmerz gekrümmt. Er versuchte, den Blick auf dem Boden unter Pippas Füßen zu halten und seine Schritte sorgfältig zu setzen.