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Hier in diesem lang gestreckten Tal war die Krume dünn. Oft kamen sie an großen, kahlen Steinplatten vorbei, in deren Spalten und Vertiefungen Moos und Kriechweiden wuchsen. Der Fels war von Flechten bedeckt, die wie Farbspritzer aussahen. Auf dem Pass am oberen Ende des Maia-Tals wuchsen blassgrüne Flechten in großen Ringen, die von innen nach außen abstarben, dabei andere Flechten vom Fels verdrängten und Kreise sauberen, rosafarbenen Gesteins hinterließen. Für einen kurzen Moment nahm Eistaucher diese Dinge wahr, ehe er wieder in seiner Angst versank.

Er und Pippa kauerten sich zwischen den rosafarbenen und grünen Flecken hinter eine Reihe von Felsbrocken und hielten Richtung Norden Ausschau, den weiten Weg entlang. Sie entdeckten nichts, und während des restlichen Tages stiegen sie einen Hang in das große, flache Tal hinab, das nach Westen verlief. Pippa sagte, er wolle den Fluss in seiner Mitte an einer ihm bekannten Furt queren, die etwas weiter westlich läge, und machte sich wieder auf den Weg.

Kurz vor Sonnenuntergang blieb er stehen. — Lass uns etwas essen und dann sehen, ob wir im Mondlicht weitergehen können. Das werden sie nicht tun, also holen wir sie vielleicht ein.

Er zog sein Essen aus dem Rucksack, kramte darin herum, holte seinen Gänselederbeutel mit Murmeltierfett hervor und hielt ihn Eistaucher hin, der sich etwas von dem dickflüssigen Fett mit dem Finger in den Mund schob. Murmeltierfett war so reichhaltig, dass man es normalerweise nicht pur aß; davon wurde einem schlecht. Normalerweise erwärmte man es zu einer Brühe und stippte kleine Fleischstückchen hinein. Doch auf der Jagd konnte man kleine Schlucke davon trinken, und nach einem langen Moment der Übelkeit breitete es sich im Bauch aus und verlieh einem letztendlich doch neue Kraft. Kleine Schlückchen, Faust für Faust; in manchen Rudeln war das die Hauptnahrung für die Jagd, und Pippa stammte wohl aus einem davon.

Es war der zwölfte Tag des achten Monats, und bei Sonnenuntergang stand der zunehmende Mond bereits im Osten am Himmel und erhellte das Land, während das Sonnenlicht versiegte. Pippa führte Eistaucher zu einem niedrigen Grat, auf dem sie Richtung Norden wanderten. Er ging nun langsamer, und als sie bestimmte Vorsprünge auf dem Grat erreichten, kauerte er sich hinter Felsbrocken, um sich nicht vor dem Himmel abzuheben, und spähte wachsam erst den Grat hinauf und dann ins benachbarte Tal. Eistaucher tat es ihm mit pochendem Herzen nach, doch sie entdeckten nichts. Der Großteil der Nacht war bereits verstrichen, der Mond ging im Westen unter, und langsam setzten sie ihren Weg in der kalten Luft fort. Eistaucher spürte den langen, anstrengenden Marsch in den Füßen. Doch als der Mond unterging und die Nacht entsprechend schwärzer wurde, stieg Pippa auf einen Vorsprung und setzte sich leise hin. — Bleib unten.

Eistaucher setzte sich und verschnaufte.

— Sieh dort, sagte Pippa und deutete nach vorne. — Ihr Feuer.

Weit unten im Tal, Richtung Norden, war ein winziges gelbes Flackern zu sehen.

— Ah ja, sagte Eistaucher. Hoffnung und Angst schlugen einen wilden Doppeltakt in seiner Brust. — Und jetzt?

Eine Weile schwieg Pippa. Dann sagte er: — Sie werden wahrscheinlich eine Nachtwache haben. Und bald bricht der Tag an. Ich glaube nicht, dass wir es heute Nacht schaffen können, ohne gesehen zu werden. Wenn wir sie morgen Nacht früher erreichen, können wir sie im Mondlicht auskundschaften und dann zuschlagen, wenn der Mond untergeht. Ich glaube also, dass wir jetzt, solange wir Gelegenheit dazu haben, ein wenig schlafen und ihnen morgen in einiger Entfernung folgen sollten. Sodass wir sie beobachten können, ohne dass sie uns sehen.

Eistaucher war so müde, dass er sich fügte. Sie suchten sich flache Stellen zwischen den Steinen und Moos, aus dem sie sich Betten herrichten konnten. Sie hatten beide Pelzdecken in ihren Bündeln; die von Eistaucher bestand aus Bisamrattenfellen, die so zusammengenäht waren, dass das Fell die Nähte verdeckte, und Pippa hatte eine halbe Bärenhaut. Sie rollten sich ein und schliefen schon bald.

Bei Sonnenaufgang erwachte Eistaucher. Pippalott schlief. Nachdem er einen Moment lang das Gefühl der Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht genossen hatte, schlief er wieder ein.

Er erwachte, als er auf die Füße gerissen wurde. Zwei große Nordleute hielten ihn fest, und drei weitere hatten ihn mit Speeren in der Hand umstellt. Pippalott war nirgendwo zu sehen.

34

Die Nordleute hielten ihm die Speerspitzen direkt an den Leib, was ihm schreckliche Angst einjagte. Als er aufhörte zu zappeln, zogen sie die Speere zurück und bedeuteten ihm, dass er mit ihnen über den Grat Richtung Norden gehen sollte, wenn er nicht an Ort und Stelle aufgespießt werden wollte. Schon bald stießen sie zu einer größeren Gruppe.

Gemeinsam ging es weiter. Der Höhenzug fiel ab und lief schließlich in einer Steppenlandschaft aus. Hier schlängelten sich seichte Wasserläufe um Gras- und Geröllfelder. Manchmal waren flache Felsstücke in einer Art Webmuster gesplittert, um die das Wasser rechtwinklige Rinnsale bildete.

Den ganzen Tag gingen sie auf der flachen, steinigen Ebene Richtung Norden. Bei ihrer ersten Pause bedeuteten sie Eistaucher, dass er ihnen alles geben solle bis auf seine Kleidung. Die meisten seiner Sachen befanden sich in seinem Rucksack, den sie ohnehin schon hatten, aber er gab ihnen auch seinen Gürtel mit der reich bestückten Tasche. Sie fesselten ihm die Hände mit etwas hinter den Rücken, das sich wie eine Lederkordel anfühlte. Während sie das taten, entdeckte er Elga. Sie stand inmitten der anderen Frauen und ließ Kopf und Schultern hängen. Einmal drehte sie den Kopf und sah zu ihm, nur um den Blick sofort wieder abzuwenden. Er zuckte zusammen und tat es ihr nach, weil er ihre Absicht zu verstehen glaubte. Vielleicht würde es ihr besser ergehen, wenn die Nordleute nicht erfuhren, dass sie einander kannten.

Obwohl diese das vielleicht ohnehin schon wussten. Sie sprachen eine Sprache, die fast richtig klang, aber oft verlor Eistaucher den Faden. Sie erinnerte an die Sprechweise der Steppenleute, doch die verstand Eistaucher besser. Diese Leute antworteten Eistaucher nicht, wenn er etwas sagte, und er vermutete, dass sie ihn ebenfalls nicht besonders gut verstanden. In dieser Situation wäre Pippalott, der so viele Sprachen kannte, ihm sicher von Nutzen gewesen. Was war aus ihm geworden? Hatte der Reisende ihn an die Nordleute verraten, ihnen einen Gefangenen verschafft und dafür etwas von ihnen bekommen? Das konnte Eistaucher sich nicht vorstellen, aber andererseits, wenn Pippa die Gefahr erahnt hatte und erwacht war oder sogar gewusst hatte, was ihnen drohte, warum hatte er Eistaucher dann nichts davon gesagt, sodass sie sich beide hätten davonschleichen können? Wäre das so viel schwieriger gewesen?

Letztlich konnte er nur davon ausgehen, dass Pippa ebenso von den Nordleuten überrascht worden war wie er, aber gerade noch rechtzeitig erwacht war, um sich mit seinen Sachen in die Dunkelheit davonzustehlen. Flink war der Reisende schließlich.

So oder so brauchte er keinen Übersetzer. Es war deutlich genug, was die Nordleute ihm mitteilen wollten: Geh! Ora! Also ging er.

Vielleicht würden sie ihn ihren Göttern opfern, vielleicht auch essen. Angeblich kam so etwas im Norden vor. Er war in einer schlimmen Lage, und die Aussichten waren noch fürchterlicher.

Aber Elga war da, und sie hatte ihn gesehen. Sie wusste, dass er ihr gefolgt war. Was auch geschehen würde, das konnte ihnen niemand nehmen. Er war also fest entschlossen durchzuhalten, ein gehorsamer und guter Gefangener zu sein und Demütigungen, die Elga zuteilwerden mochten, überhaupt nicht zu beachten. Er bekam mit, dass sie die Sprache dieser Leute sprach. Auf dem Fest hatte sie gesagt, dass sie fortgelaufen sei und dass dies ihr ursprüngliches Rudel gewesen sei. Sie ähnelte diesen Männern allerdings überhaupt nicht, war viel größer und so dunkelhäutig, dass sie vor dem Schnee fast schwarz aussah. Die Nordleute waren weniger dunkel, obwohl vor dem Schnee jeder aus einiger Entfernung schwarz aussah. Nicht so schwarz wie ein schwarzes Pferd, sondern eher schlammfarben, worum es auch in der Geschichte darüber ging, wie Rabe die Menschen erschaffen hatte, nämlich, indem er etwas Schlamm zu einer Kugel gerollt hatte. Deshalb waren die meisten von ihnen so braun wie die Winterwolle eines Bisons. Diese Nordleute hatten die hellbraunste Haut, die Eistaucher jemals gesehen hatte, und ihre Augen lagen tief im Schutz der faltigen Haut, die sie umgab. Die meisten dieser Leute waren klein und rundlich, obwohl ein Teil ihrer Rundlichkeit sicher von ihrer dicken Kleidung herrührte.