Выбрать главу

Zwei Männer, die Teile eines getöteten und zerlegten Rentiers trugen, stießen zu seinen Häschern. In jener Nacht grillten sie zuerst den Kopf, und Eistaucher sah, dass sie Geschmack an den gleichen Stücken fanden wie jeder andere auch: Sie aßen Zunge und Gehirn, aber auch die Wangen und die Fettpolster hinter den Augen. Anschließend grillten sie das Bruststück, die Rippen und das Becken.

Derweil gab man Eistaucher und den beiden anderen Gefangenen, die die Nordleute dabeihatten und deren Sprache er nicht verstand, die aber anders als die der Nordleute klang, die Lungen, das Herz und die Eingeweide, wenn auch nicht das Eingeweidefett, das die Frauen zuerst abkratzten, in langstieligen Geweihlöffeln schmolzen und in Beutel füllten.

Eistaucher kaute mit würdevoller Ausdruckslosigkeit auf dem harten Muskel des Rentierherzens herum, als dächte er an etwas ganz anderes. Es war nicht ratsam, zwischen diesen Leuten wie eine böse Erscheinung zu sitzen, oder wie ein schlimmes Omen. Er musste seinen Status akzeptieren und ihm so gut es ging entsprechen. Er verstand, wie es kam, dass Gefangene selbst zu ihrer Gefangenschaft beitrugen, einfach nur, um Sicherheit und Zeit zu gewinnen, für etwas Hoffnung.

Tag um Tag zogen sie weiter. Zuerst fiel die Steppe zu einem großen Fluss hin ab, der sich westwärts durch weites Sumpf- und Grasland schlängelte und großen Lärchen- und Erlendickichten in den Biegungen und an den Ufern Nahrung gab. Als sie ans Wasser kamen, fanden sie ein geflochtenes Lederseil vor, das an zwei hohen Fichten über den Fluss gespannt war. Auf beiden Seiten trieben Holzflöße im seichten Wasser. Sie stiegen auf eines davon, schlangen zwei Seile um das große Seil, das über den Fluss führte, und zogen sich mit den Händen daran entlang, indem sie die Schlaufen Stück für Stück weiterbewegten. Das Floß zog das große Seil stromabwärts, sodass sie angestrengt paddeln und ziehen mussten, während sie sich dem Nordufer näherten.

Sie fuhren hin und her und setzten so sich und ihre Sachen über. Als sie schließlich fertig waren, brachten einige der Männer beide Flöße ans Südufer, ließen eines dort und kamen mit dem anderen zurück.

Anschließend wanderten sie über die ansteigende Steppe nordwärts. Am zweiten Tag ihres Aufstiegs durchquerten sie die meiste Zeit einen seltsamen Wald, der zwar wie die meisten Wälder aus Fichten, Kiefern, Lärchen, Birken und Erlen bestand, die aber alle nur halb so groß waren wie im Süden und sich oft in die eine oder andere Richtung neigten, als habe der Boden unter ihnen nachgegeben. Anscheinend war das auch der Fall, denn sie kamen an tiefen, moosigen Becken vorbei, in denen das Wasser weit unter Bodenhöhe stand. Manchmal war der Grund am Rand dieser abgesunkenen Becken unterhalb der Wassergrenze seltsam weiß, sodass das Wasser darin himmelblau aussah. Da unten gab es Eis. Der Erdboden und die Kiefernnadeln, aus denen der Waldboden hier bestand, und all die Moospolster und Sumpfstellen, selbst die vielen Teiche — all das ruhte anscheinend auf einer Schicht aus Eis, zu der man hier und da hinabsehen konnte. Und wo dieses Fundament schmolz, kippten die Bäume darüber zur Seite wie betrunkene Feiernde. Es war seltsam, durch diesen Wald zu gehen.

Am oberen Ende des trunkenen Walds wichen die kleinen Bäume vereinzelten Kriechweiden und Kieferngestrüpp, und man konnte weit sehen, bis zu einer Hügelkette. Und dann, als sie auf einen Höhenzug kamen, der Richtung Nordwesten verlief, und dem breiten Pfad darauf folgten, konnten sie über die Hügelkette hinweg etwas ungeheures Weißes ausmachen, Eismassen, die als gewaltiger weißer Wall jeden Hügel überragten. Eisfinger zogen sich von diesem Wall hinunter, füllten die Täler zwischen den darunterliegenden Hügeln und ergossen sich auf die Steppe, die steilwandigen Endstücke wie Pferdehufe gerundet. Einige dieser Ausläufer hatten Wälder niedergedrückt, sodass ein Gewirr zerquetschter Bäume unter den Eishufen lag. Die riesige Masse darüber ähnelte den Eiskappen in den Bergen westlich der Urdecha, war aber sehr viel größer. Soweit das Auge nach Norden reichte, herrschte das Eis. Vielleicht reichte es unendlich weit, so wie sich nach Pippas Erzählungen das Land im Osten und das große Salzmeer im Westen in die Unendlichkeit erstreckten.

Sie kamen auf eine Anhöhe, von der aus sie in ein flaches Tal hinabsehen konnten. Vor dem Eis und den Hügeln zog es sich bis weit nach Westen, wo es in das große Salzmeer mündete. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tals, vor den Hügeln, stiegen Rauchsäulen von Lagerfeuern auf. Beim Näherkommen sah Eistaucher, dass eine Reihe von Pfählen wie Knochennadeln zwischen dem großen Salzmeer und den Rauchsäulen stand. Als sie noch näher heran waren, erkannte er, dass es sich um die abgestorbenen Stämme riesiger Bäume handelte, größer als alle, die er je gesehen hatte, und sehr viel größer als alles, was hier oben wuchs. Diese rindenlosen Stämme waren verkehrt herum in den Boden gesteckt, die Wurzelballen standen weiß und spröde vor dem Himmel, und an ihren Spitzen hingen Schädel an bunten Schnüren. Sie erinnerten sehr an die toten Bäume beim Acht-Acht, was Eistaucher irgendwie beruhigte.

35

Das Lager der Nordleute bestand aus zehn bis zwölf Häusern aus Holz, Knochen und Häuten. Sie waren in eine Senke zwischen einem Hang und der abgerundeten Eiswand gezwängt, der äußerste Ausläufer eines Eisfingers, der sich zwischen den Hügeln hindurchstreckte. Die Senke öffnete sich nach Süden hin, und die Eiswand befand sich im Osten. Selbst jetzt, in der zweiten Hälfte des achten Monats, gab es überall kleine Schneefelder. Und trotz der prallen Sonne blies von Norden ein kalter Wind. Ein seichter Bach entsprang unten aus dem Eishuf und floss Richtung Südwesten in das große Salzmeer, das man vom Lager aus gerade noch sehen konnte, eine lange, blaue Krümmung in der Ferne.

Sie zogen ins Lager ein. Als Eckpfeiler für ihre Häuser hatten die Nordleute weitere große, rindenlose Bäume verwendet. Da es in den letzten beiden Tagen ihrer Reise nach Norden überhaupt keine großen Bäume gegeben hatte, vermutete Eistaucher, dass es sich bei diesen gewaltigen Stämmen um Treibgut handelte, vom großen Salzmeer angeschwemmt, was wohl bedeutete, dass es irgendwo im Westen ein von Riesen bewohntes Land geben musste.

Das größte Haus war an jeder Seite zehn Schritte lang und etwa dreimal so hoch wie ein großer Mensch. Sie betraten es durch einen tiefen Einschnitt in der lehmigen Erde davor, eine Art längliche Fallgrube, in die man durch eine lange Rampe hineingelangte. Nachdem sie durch dieses Loch gegangen waren und sich unter dem großen Haus befanden, nahmen die Nordleute ihnen einige ihrer Oberkleider ab und traten dann auf einen großen Holzklotz, um sich durch ein menschengroßes Loch zu ziehen, auf eine Ebene, die etwas höher in die Erde gehauen war. Zur Hälfte war sie von Holzbrettern bedeckt, und auf einem der Bretter stand ein weiterer hoher Holzklotz, über den man erneut durch ein Loch hinaufsteigen konnte, auf einen reinen Bretterboden, der sich etwa kopfhoch über der Erde befand.