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Man wies die Gefangenen an, durch beide Löcher in das Haus zu klettern.

Im Innern stammte das einzige Licht von einem Feuer und einem Loch in Form eines ausgehöhlten Asts, der an der höchsten Stelle ins Dach eingelassen war. Die Wände waren mit überlappenden Häuten bedeckt. Die Luft auf dem untersten Bretterboden war kühl, doch darüber gab es eine Plattform, die etwa das halbe Haus einnahm und auf der die meisten der Nordleute saßen. Ein paar Kinder saßen sogar noch weiter oben, auf hölzernen Hochbetten dicht unterm Dach. Die Kinder waren nackt, und die Männer und Frauen auf der oberen Plattform trugen nur Beinlinge, die von den Hüften bis zu den Knien reichten. Oben bei ihnen verbreitete das Feuer nicht bloß Wärme, sondern Hitze, und auf den rundlichen braunen Körpern der Nordleute glänzte der Schweiß. Sie reichten Kellen mit Wasser aus Holzeimern herum und tranken beim Reden. Auf einem großen Herdstein unter dem Loch im Dach brannten mehrere Fettlampen, die um ein kleines Holzfeuer auf einem Glutbett herum aufgestellt waren. Das Feuer war so klein, dass man es ständig mit Nahrung versorgen musste, und Eistaucher sah, dass sich darum die Frauen der Nordleute kümmerten. Ihre Brüste waren von unterschiedlicher Form und Größe, genau wie bei anderen Frauen auch.

Er zählte ein Dutzend und elf Personen in dem düsteren Raum. Elga war nicht dabei: Anscheinend hatte man sie in ein anderes Haus gebracht. Es gab noch einige weitere Häuser; wenn das hier das Lager eines einzigen Rudels war, musste es sich um ein sehr großes Rudel handeln.

Im Gespräch untereinander lachten sie viel, doch zu Eistaucher und den anderen Gefangenen sprachen sie in barschem Tonfall. Nachdem diese einige Zeit auf dem ersten Bretterboden verbracht hatten und von einigen der Männer durchsucht worden waren, führte man Eistaucher und die anderen beiden neuen Gefangenen wieder in den Erdbereich unter dem Boden, wo sieben weitere Personen auf Fellen lagen sowie ein paar gefrorene Enten in Beuteln aus Zedernwurzel.

Unten auf dem Erdboden war es kalt. Über den Brettern, die sich von dem Holztritt aus gesehen am anderen Ende des Raums befanden, lagen mehrere Rentierfelle, in die sich die anderen Gefangenen gewickelt hatten. Sie schmiegten sich dicht aneinander, um es wärmer zu haben. Eistaucher erhielt keine Antwort, als er sie fragte, was hier vorging. Er wusste nicht, ob sie ihn überhaupt verstanden.

Die Nordleute weiter oben tauschten anscheinend Neuigkeiten aus. Sicherlich erzählten die Neuankömmlinge von der Reise, von der sie soeben zurückgekehrt waren. Einige zerlegten ein gefrorenes Rentier und reichten die Einzelteile an die Köche am Feuer weiter. Herz und Lungen warfen sie zu den Gefangenen hinab, und später, nachdem sie das Fett von ihnen abgekratzt hatten, auch die Eingeweide. Die unten Liegenden teilten die Mahlzeit ohne viel Aufhebens zwischen sich auf, jeder nahm ein paar Bissen und reichte die Stücke dann weiter. Als alle satt waren, war noch eine Menge von den Rentierinnereien übrig. Diese Reste schichteten sie sorgfältig in der gegenüberliegenden Ecke auf. Zwar handelte es sich um die schwer verdaulichen Teile, aber hungrig hätten sie auch diese noch gegessen.

Eistaucher wartete, bis alle anderen Gefangenen sich in ihre Felle gerollt hatten, ehe er zu einer unbenutzten Halbhaut krabbelte, die aus Hinterläufen und Rücken eines kleinen Rentiers bestand, und sich darin einwickelte, so gut es ging. Wenn er die Knie anzog, bedeckte sie ihn ganz. Er kauerte sich zusammen und versuchte, so zu schlafen, dass möglichst wenig von ihm durch das Fell auf den Boden drückte. Er brauchte eine zweite Haut zum Unterlegen, also stand er auf und holte sich ein Fellstück aus einer Ecke. Das Rentierfleisch lag ihm kalt und schwer im Magen. Er fühlte sich ebenso betäubt wie in der Nacht, in der man Elga gefangen genommen hatte. Irgendwie begriff er nicht recht, was geschehen war. Es war so schlimm, dass er sich kaum rühren konnte, und selbst in sein Fell eingewickelt und auf dem Fellstück liegend begann er zu zittern, wenn auch mehr aus Angst als vor Kälte.

Ich bin der dritte Atem Ich komme zu dir Wenn dir nichts geblieben ist Wenn du nicht mehr kannst Aber trotzdem weitermachst

Ich kam ihm zu Hilfe. Mit meiner Unterstützung konnte er zwischen den Welten wechseln, im Wachsein schlafen, im Schlaf wachen und in der Traumwelt weiterleben. Dort allein konnte er durchhalten und überleben.

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Einige der anderen Gefangenen sprachen auf eine Weise, die er mehr oder weniger verstand. Ihnen zufolge betrachteten die aus dem Norden ihre Gefangenen nicht als Leute. Für sie waren sie bloß Gefangene, die man am Leben hielt, damit sie den Jende, den echten Leuten, halfen, für sie arbeiteten.

Und so zogen sie tagsüber los, ein oder zwei Gefangene in Begleitung von zwei oder drei Jende-Männern mit Speeren und Klingen. Normalerweise führten die Jende-Männer sie stromabwärts an den Strand, von wo sie Schleifen und Schlitten mit Säcken voller Fische zurück ins Lager schleppen mussten oder auch ganze gefrorene Robben oder Haut- und Fettbrocken, die man aus riesigen pelzigen Robben oder gestrandeten Walen herausschnitt. Wenn weicher Schnee lag, gab man den Gefangenen Schneeschuhe. Die Schleifen, auf denen sie die Lasten schleppten, hatten flache Geweihstücke hinten an den Stangen, sodass sie durch ihre größere Auflagefläche höher durch den Schnee glitten. Die Schlitten hatten Kufen aus Walrippen. Die Jende trugen Rucksäcke an Holzgestellen, die sie am Strand befüllten und mitsamt Inhalt ins Lager trugen.

Sobald sie wieder im Lager waren, hoben die Gefangenen ihre Last auf eine Holzplattform auf einem dicken, abgestorbenen Baumstumpf, der so in den Boden getrieben war, dass sich das obere Ende ein gutes Stück über Kopfhöhe befand. Etwas weiter unten war eine weitere Plattform im Kreis um den Stamm gebaut worden, und auf diesem Hochboden lagen viele Zwanzig-Zwanzig Fische, alle hart wie Feuerstein gefroren und so aufgeschichtet, dass sie eine Wand um den Außenrand der Plattform bildeten. Am oberen Ende einer Leiter gab es eine Öffnung in dieser Wand. Rentierfelle schützten die Fische vor der Sonne.

Oben auf der Plattform, die Eistaucher an die Bestattungsplattform seines Rudels erinnerte, stellte er fest, dass innerhalb der Mauer aus gefrorenem Fisch Robbenhautsäcke in sorgfältig angeordneten Stapeln lagen. Jeder einzelne Sack bestand aus einer ganzen Haut, die man dem Tier abgezogen hatte, fast ohne sie einzuschneiden; die Löcher waren zugenäht, und nun waren all diese Häute prall gefüllt mit gefrorenem Fett, das man durch die Nähte sah. Einer der Jende schnitt die Fäden an einem dieser Säcke auf und schaufelte etwas halbfestes weißes Fett in einen Eimer. Der Anblick all dieser Säcke verblüffte Eistaucher so sehr, dass er für einen Moment aus seinem Wachtraum aufschreckte. Die Nahrungsvorräte auf dieser Plattform reichten, um die Leute im Lager für zwei oder drei Winter zu ernähren. So etwas hatte er noch nie gesehen. Diese Leute waren reich.

Nicht nur das, sie hielten auch Wölfe gefangen, genau wie sie Menschen gefangen hielten. Eistaucher schreckte erneut aus seinem Dämmerzustand hoch, als er das zum ersten Mal mitbekam: Dort am Ostende ihres Lagers, unter der ächzenden Eiswand, stand eine Art dachloses Haus, eine runde Wand aus zusammengebundenen hohen Erlensprösslingen, und darin war ein kleines Rudel Wölfe eingesperrt, die knurrten und schnappten, wann immer die Jende die kleine Tür zu dem Verschlag öffneten. Doch wenn die Jende hineingingen, schraken die Wölfe zurück, rollten sich auf den Rücken und bepinkelten sich, während sie flehentlich zu den Nordleuten emporstarrten und sich dabei hungrig die Schnauzen leckten. Die Nordleute warfen ihnen die gleichen Innereien vor, die auch die menschlichen Gefangenen zu essen bekamen, und die Wölfe schnappten sich eilig die Brocken und schlangen sie hinunter. Anschließend versammelten sie sich mit gesenkten Köpfen und schwanzwedelnd um die Nordleute, und die Nordleute griffen sie bei den Ohren und zogen ihre Köpfe hin und her! Und die Wölfe wedelten nur umso mehr mit dem Schwanz! Eistaucher sah mit offenem Mund zu und war noch erstaunter, als die Männer die Wölfe aus dem Gehege ließen und in Schneeschuhen losmarschierten, während einige der Wölfe fröhlich um sie herumrannten. Und als sie später ins Lager zurückkehrten, waren die Wölfe immer noch bei ihnen und zogen an Seilen Stücke von Holz und blutigem Fleisch durch den Schnee. Die Seile waren an Geschirre um ihre Vorderläufe befestigt, jenen ähnlich, die Menschen sich um die Hüften banden, um Schleifen zu schleppen.