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Eistaucher traute seinen Augen kaum. Diese Leute waren … er wusste nicht, was sie waren.

In den darauffolgenden Tagen begriff er, dass die Nordleute von ihren menschlichen Gefangenen nicht in erster Linie erwarteten, dass sie Nahrung vom großen Salzmeer heranschafften, was die gefangenen Wölfe genauso gut konnten; vielmehr sollten sie in den Spalten östlich des Lagers Feuerholz sammeln. So verbrachten sie sehr viel weniger Tage damit, an den Strand zu gehen und Fische und Robben und Fett zu tragen, als mit langen Wanderungen nach Osten, entlang der Hügelkuppe, zu den kleinen Tälern, die zu der großen Eiswand hin anstiegen. Die Talgründe waren von überraschend dichten Wäldern bedeckt, obwohl einem auch hier die größten Bäume kaum über den Kopf reichten. Größtenteils handelte es sich um die gleichen Baumsorten wie im Süden, allerdings gab es hier mehr Birken und Lärchen, weniger Kiefern und keine Eichen; doch alle Bäume blieben klein. Wenn Eistaucher den ganzen Tag zwischen diesen Bäumen herumlief, fühlte er sich, als hätte er ein Reich auf der anderen Seite des Himmels betreten, wo alles Leben kleiner war, wodurch gewöhnliche Menschen wie Riesen erschienen. Vielleicht war das einer der Gründe dafür, dass die Nordleute so seltsam waren.

Ihre Führer oder Wachen trugen Steinklingen, die seitlich an Ästen befestigt waren, und diese Klingen schwangen sie dicht überm Boden, um eine erste Kerbe in die Bäume zu schlagen. Anschließend schoben sie dann einen Keil in den Schnitt und ließen die Gefangenen mit Steinen oder mit den dicken Enden fester Zweige auf ihn einhämmern, bis der Baumstamm splitterte und fiel. Die Gefangenen wurden in den steilen Tälern auch nach oben geschickt, um Fallholz zu suchen oder tote Äste, die sich von Bäumen abbrechen ließen.

Die Jende gaben sich keine Mühe, ihre Gefangenen bei diesen Vorstößen in die kleinen Täler zu bewachen. Hier konnte man nirgendwohin fliehen, außer in den Tod. Dennoch fand Eistaucher dieses Versäumnis so interessant, dass er darüber dann und wann aus seinem Dämmerzustand erwachte und ins Grübeln kam. Wenn er bei einem dieser Ausflüge Elga dabeihaben und ihnen die Flucht gelingen würde, und wenn sie Beutel mit Fett und Schneeschuhe dabeihaben würden, dann konnten sie doch sicher schnell genug laufen, damit kein Verfolger sie einholen würde? Er hatte nämlich zunehmend den Eindruck, dass er und Elga auf weite Strecken schneller sein würden als die Nordleute.

Allerdings würden sie nicht schneller sein als die Wölfe. Aber wenn sie die Wölfe mit Steinwürfen vertreiben konnten, welcher Mensch sollte sie dann fangen? Konnte man gleichzeitig rennen und werfen?

Diese Fragen ließen ihm keine Ruhe, und obwohl er sich so fühllos stellte wie bisher, juckte es ihn jetzt in den Fingern. Er war wieder wach oder zumindest in einem weniger betäubten Traumzustand. Er hielt nach Möglichkeiten Ausschau, die Jende zu bestehlen und seine Beute zu verstecken. Anfangs ergab sich nichts, doch er hielt weiter die Augen offen.

37

Eines Tages fand er heraus, in welchem Haus man Elga gefangen hielt, weil sie beide im gleichen Moment aus ihren Häusern traten. Zuerst bemerkte sie ihn nicht, während er sie aufmerksam betrachtete. Ihr war nicht anzusehen, wie sie behandelt wurde. Er vermutete, dass sie nun wieder die Frau eines der Jende in jenem Haus war. Und er vermutete oder hoffte zumindest, dass man sie als Jende behandelte und nicht als Gefangene, doch sicher war er sich nicht. Vielleicht waren die Frauen bei den Nordleuten auch Gefangene, obwohl es ein Frauenhaus am oberen Ende des Lagers gab, wo sie sich wahrscheinlich während ihrer Monatsblutungen aufhielten. Und die Frauen ums Feuer im Haus waren fröhlich und geschäftig und kochten alles für alle. Ob Elga daran teilhatte oder nicht, ließ sich nicht sagen.

Doch jetzt, wo es ihn in den Fingern juckte, Dinge in Erfahrung zu bringen, wollte er auch das wissen. Zeigen durfte er das allerdings nicht.

Unter den Gefangenen gab es einen jungen Mann, der wie Eistaucher sprach und der auch die Jende verstand. Eines Abends beim Essen in ihrer kalten Grube erzählte er Eistaucher, dass er der Adlersippe angehöre. Bei den Jende gebe es keine Adler, behauptete er. Sie hätten noch nicht einmal Sippen.

Dieser junge Mann wusste nicht, wie lange er schon in dem Haus gefangen war. Seit vielen Monaten, erklärte er, anscheinend mehr, als er zählen konnte.

Während Eistaucher draußen Feuerholz sammelte, ließ er den Blick schweifen und erzählte sich selbst Geschichten darüber, wie ihm und Elga die Flucht gelingen würde. Keine dieser Geschichten würde sich problemlos in die Tat umsetzen lassen. An einigen Tagen konnte er eine oder zwei Fäuste lang allein umherlaufen, aber wenn er sich davonmachte, würden die Jende es früher oder später herausfinden und ihm wahrscheinlich ihre gefangenen Wölfe hinterherhetzen. Außerdem hatte er keine Ahnung, wo Elga sich tagsüber aufhielt. In welchem Haus sie in den Nächten war, wusste er, aber nachts saß er ebenfalls unter den wachsamen Augen der Jende im Haus.

Wenn der Morgen orangefarben dämmerte, sagte man auch hier, dass ein Gewitter aufzog. An Gewittertagen blieben sie drinnen und saßen beisammen, kochten, aßen, werkelten, schliefen oder erzählten Geschichten. Die Männer der Jende wurden schnell unduldsam, wenn sie drinnen bleiben mussten. Einmal scheuchten sie Eistaucher nur in seinen Beinkleidern hinaus und befahlen ihm, um den Unterschlupf zu rennen, während sie ihn mit Schneebällen bewarfen und dabei fröhlich das Gewitter anschrien, dass es sich verziehen solle. Am nächsten Tag verzog es sich tatsächlich. Das war das einzige Mal, dass sie eine Art Schamanenzeremonie durchführten, und eigentlich war es wohl eher ein Witz gewesen. Anschließend gaben sie ihm ein Stück Räucherlachs und einen gerösteten Rentierschenkel zu essen.

Im Neuschnee trugen sie Schneeschuhe, die größer und besser waren als die des Wolfsrudels. Sie bestanden aus einzelnen langen Kiefernästen, die hinter den Hacken stark gebogen und zusammengebunden waren. Quer über die breiteste Stelle dieses Bogens waren zwei harte Stöcke gebunden. Ein an diesem Rahmen befestigtes lockeres Gewebe aus Lederstreifen bildete die Lauffläche, mit der man sich über den Schnee bewegte. An den Kreuzteilen festgebundene Riemen hielten das Ganze an den Stiefeln. Es waren leichte und feste Schneeschuhe, mit denen ein Läufer nur im weichsten Schnee einsank. Auf flachen Ebenen funktionierten sie besser als an Hängen. Genau wie bei den weniger ausgefeilten Schneeschuhen, die man daheim im Wolfsrudel benutzte, konnte man auch auf diesen einen verschneiten Hang hinabsteigen, indem man auf einem Bein rutschte, bis sich unter dem Schneeschuh genug Schnee angesammelt hatte, um einen zum Stehen zu bringen, und in genau diesem Moment auf das andere Bein wechselte, sodass man in langen, gemächlichen Schritten hinabschlitterte. In den steilen Spalttälern verstärkten diese verträumten Rutschpartien noch Eistauchers Gefühl, ein Riese in diesen Landen zu sein.

Halt den Kopf unten und versuch, am Leben zu bleiben. Iss, so viel du herunterbekommst. Das Essen lag schwer im Magen, ständig hatte er Bauchkrämpfe, obwohl er manchmal zugleich einen rasenden Hunger verspürte. Er konnte Hunger und Übelkeit nicht mehr voneinander unterscheiden, sodass ihm letztlich nachts sehr kalt wurde und er manchmal sogar zu zittern anfing. Niemand hält es lange durch zu zittern.