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Tage vergingen. Die Wintersonnenwende verstrich. Etwa zu jener Zeit ließen die Jende einen der gefangenen Wölfe aus dem Gehege, umstellten ihn und prügelten ihn unvermittelt zu Tode, und dann zogen sie ihm die Haut ab und aßen ihn, wobei jeder der Jende einen Bissen erhielt. Die gefangenen Menschen, die das beobachtet hatten, waren in der folgenden Nacht in ihrer kalten Grube sehr schweigsam.

Tief in jenem Winter lernte Eistaucher auch die Umgebung kennen, insbesondere die Spalten im Osten und die Landstriche im Süden und Westen, die zum großen Salzmeer hin abfielen. Auf diesem weiten, zerklüfteten Hang fingen die Jende Biber und Marder und Füchse und die anderen kleinen bepelzten Leute der Sümpfe und Wasserläufe, die jetzt unter einer dicken Schneedecke lagen.

Als es trotz der länger werdenden Tage immer kälter wurde, verbrachten sie ihre Zeit zunehmend im Haus, und dort lernte Eistaucher noch mehr von dem, was es hier zu lernen gab. Er sah, welche Männer und welche Frauen dieses große Rudel anführten, und wie die Gruppe sich in Sippen aufteilte, oder was sie anstelle von Sippen hatten. Die Frauen kümmerten sich genauso um die häuslichen Angelegenheiten, wie Eistaucher es aus seinem eigenen Rudel kannte. Elga begab sich zu Neumond nach wie vor ins Frauenhaus, genau, wie sie es daheim getan hatte. Das zu wissen war gut. An den Tagen, an denen er sie auf dem Weg dorthin sah, verspürte er einen Stich der Hoffnung, als hätte sich ein Teil eines Rätsels gelöst. Jedes Mal, wenn er sie sah, musste er sich zusammenreißen, um nicht zusammenzuschrecken und den Blick abzuwenden. Er war sich immer noch nicht sicher, ob die Jende von seiner Verbindung zu ihr wussten.

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Später im Winter gingen einige der Jende-Männer auf die vereiste See hinaus, um Jagd auf die Robben an ihren Atemlöchern zu machen. Das große Salzmeer war bis weit hinaus zugefroren, sodass das Eis sogar bis zu einigen niedrigen Felseninseln reichte, die vom Land aus gesehen über den Horizont ragten. Dort gingen sie also hinaus, und an manchen Tagen musste Eistaucher ihnen folgen, wobei es ihm ebenso kalt ums Herz war wie um die Füße.

Die Jende-Männer liefen geradewegs zu Stellen, an denen sie Robbenlöcher vermuteten, und schichteten Schneewälle auf, um sich dahinter zu verstecken und die nichtsahnenden Robben aufzuspießen, die aus den Löchern kamen. Sie banden Lederleinen an ihre Speere, sodass die Robben nicht zum Sterben wegschwimmen konnten. Einige der getöteten Robben waren trächtig, und ihre Ungeborenen galten daheim im Lager als Delikatesse.

Eistaucher fiel die Aufgabe zu, den Schlitten mit der Beute zu ziehen, der schwer war und deshalb vermutlich am ehesten durch das Eis brechen und ihn mit sich hinab in die große Salzsee ziehen würde. Doch er hielt den Blick gesenkt und folgte.

Manchmal gab es erneut zugefrorene große Risse, in denen das Eis durchsichtig war, sodass man bis auf den Meeresgrund hinabblicken konnte. Einmal sah er dort unten gelben Sand, der von violetten Seesternen bedeckt war wie von riesigen Blumen. Auf dieses durchsichtige Eis klopften die Jende oft mit ihren Speeren, um festzustellen, ob es tragfähig genug war. Einmal hielt der Jende namens Elhu kurz inne und blickte auf die violetten Seesterne hinab. — Zu dumm!, sagte er in dem besonderen Tonfall, den die Jende verwendeten, wenn sie über ihr eigenes Pech lachten. Er fügte noch etwas darüber hinzu, dass solche Seesterne aus irgendeinem Grund sehr geschätzt würden, wobei er eine Kratzbewegung machte.

Eistaucher nickte und sah sich um. Hier draußen konnte man sehen, dass der riesige Eiswall, der die Hügel überragte, sich gen Westen erstreckte, so weit das Auge reichte. Er bedeckte das Salzmeer ebenso wie das Land, obwohl er auf dem Meer nicht so hoch aufragte. Wahrscheinlich lag er auf dem Meeresgrund auf, genau wie das Eis am Strand; oder vielleicht der Wall auch, wie das Eis weiter draußen. Im Westen konnte man sehen, wo die Sommerwellen gegen die Eismauer geschlagen und als heitere Zierde aus weißen Kringeln und Eiszapfen an ihr festgefroren waren. Dieses weiße Gewirr erinnerte ein wenig an Wasserspritzer, in seltsamer Reglosigkeit erstarrt.

Draußen auf dem Eis hatte Eistaucher immer Angst, und er sah auch den Nordleuten ihre Nervosität an. Sie waren wachsam wie Rehe, die Wölfe witterten, und deshalb wusste er, dass seine Angst nicht unbegründet war. Manchmal gab das Eis unter ihnen etwas nach, besonders unter den Schlitten. Man konnte es hinter sich spüren. Die Jende wechselten dann die Richtung und gingen in lockeren Schleifen, ohne innezuhalten, und einer rief dem langsamer werdenden Eistaucher zu, dass er nicht anhalten, auf gar keinen Fall anhalten solle: Oma! Oma! Anscheinend war es genau falsch, stehen zu bleiben, wie der Nordmann ihm mit Gesten deutlich machte, die einen Sturz durchs Eis darstellen sollten.

Am sichersten war es offenbar auf dem weißesten Eis. Neues Eis war beinahe schwarz. Solche Bereiche bezeichneten die Nordleute als Beltze und hielten sich von ihnen fern. Wenn das neue Eis dicker wurde, nahm es einen Grauton an, und wenn es noch dicker wurde, erschien es weiß. Der Streifen, auf dem das Grau zu Weiß wurde, hielt einen Mann und einen Schlitten. Um offenes Wasser machten sie generell einen großen Bogen, egal wie weiß das nahe gelegene Eis war. Sie hatten einen langen Stecken mit einer Knochenspitze an einem Ende und einem Knochenhaken am anderen dabei; dieser wurde als Una bezeichnet, war leichter und länger als ein Speer und wurde benutzt, um fragwürdiges Eis weiter vorne abzuklopfen und festzustellen, ob man es weit genug aufbrechen konnte, damit Seewasser hindurchschwappte. Schneeverwehungen auf dem Eis wurden ebenfalls abgetastet, um festzustellen, ob sich darunter überhaupt Eis befand; anscheinend war das Wasser der winterlichen See so kalt, dass Schnee ohne zu schmelzen schwimmen und den trügerischen Eindruck festen Grunds erwecken konnte. Dieser Matsch wurde Pogasa genannt, und wenn er zu einer festen Masse gefroren war, Igini. Igini trug einen Mann und sogar einen Schlitten, aber es war beinahe unmöglich, einen Schlitten hinüberzuziehen oder auch nur darauf zu gehen, ohne zu stürzen. Außerdem ließ der Unterschied zwischen Igini und Pogasa sich mit bloßem Auge nicht erkennen, weshalb sie beides so weit wie möglich meiden mussten und auch Igini nur im Notfall und dann mit äußerster Vorsicht überqueren durften, um zu besserem Eis zu gelangen. Mit Hingabe spielten sie ihm vor, was geschah, wenn man in Pogasa fiel; da gab es nichts, woran man sich herausziehen konnte, nichts zum Festhalten, weshalb man erfror und starb. Anscheinend machte es ihnen Spaß, nachzuahmen, wie jemand starb.

An einem der Tage, an denen sie draußen unterwegs waren, Mitte des zweiten Monats, versteckte Eistaucher sich gerade hinter einer Schneemauer bei einem Eisloch, während ein Jende-Mann namens Kaktak zusammen mit Elhu und anderen Freunden die daraus hervorkommenden Robben tötete, als plötzlich ein lautes Krachen aus Richtung Festland zu hören war. Sofort rannten die Nordleute in die Richtung los, aus der das Krachen gekommen war, und überließen es ihren Gefangenen, ob sie folgen wollten oder nicht. Als Eistaucher und die anderen beiden Gefangenen sie eingeholt hatten, waren sie bereits wieder stehen geblieben und starrten auf einen Streifen schwarzen, offenen Wassers, der zu breit war, um hinüberzuspringen. Diesmal war es kein Spiel. Sie standen auf einem Eisbrocken und trieben auf die See hinaus.

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Die Nordleute berieten sich kurz untereinander, ehe sie zum Robbenloch zurückkehrten und aus ihrem Schneewall, den Schlitten und einigen Fellstücken von den Schlitten einen Unterschlupf errichteten. Jeder von ihnen setzte sich auf ein Fell, und sie legten den flachen Stein, den sie immer als Herd auf dem Schlitten dabeihatten, in die Mitte. Rasch entfachten sie ein Fettfeuer, das nicht besonders warm war, aber besser als nichts. Danach konnten sie nur herumsitzen, warten und hoffen, dass schließlich von Westen her ein auflandiger Wind kommen würde, der sie zurück zu einer Eisfläche trieb, die noch bis zur Küste reichte. Derweil saßen sie auf einem Floß aus Eis und trieben auf dem großen Salzmeer. Einer der Jende stand auf und schrie ein Gebet an den Wind hinaus, oder einen Fluch; dann kauerten sie sich in ihren Fellen zusammen und warteten ab, ob sie leben oder sterben würden.