Mitten am Nachmittag brach die Nacht herein, und schnell wurde es eisig kalt. Die Wärme des Fettfeuers war nun deutlich zu spüren, obwohl es kaum mehr als eine kleine Leuchte war, und sie verschlossen den Eingang zu ihrem niedrigen Unterschlupf mit Schnee und Fellen und rückten dichter um die kleine Flamme zusammen, drückten sich in einem engen Kreis aneinander, um über ihre Flanken so viel Wärme wie möglich zu teilen. Dann und wann hielten sie die Hände ans Feuer, um sie etwas zu wärmen und sie sich anschließend wieder unter die Achselhöhlen zu stecken.
Eistaucher war so kalt, dass er kaum noch denken konnte. Er saß vornübergebeugt da, mit angezogenen Zehen, und verspürte eine tiefe Trauer darüber, dass er Elga nicht würde retten können, dass so bald alles für ihn zu Ende sein würde. Seit Langem hatte er keine so starken Gefühle erlebt.
Aber irgendwann im Laufe der Nacht drehte der Wind anscheinend. Jedenfalls blies er kräftiger. Im Dunkeln konnten sie sich nicht sicher sein, aber als das erste graue Licht über den östlichen Horizont kroch und sie einen Blick aus ihrem Unterschlupf wagten, stellten sie fest, dass er eindeutig von Westen kam. Langsam regten sie sich wieder unter ihren Fellen und aßen etwas gefrorenen Fisch, um zu Kräften zu kommen; sie mussten gewappnet sein, was immer der Tag ihnen auch bescheren mochte.
Sobald die Sonne über den Horizont lugte, verließen sie ihren Unterschlupf, um sich umzusehen. In weiter Ferne sahen sie die Hügel hinter ihrem Lager und den Eiswall, der über ihnen aufragte. Das Wasser schwappte über die Ränder ihrer schwimmenden Insel, die glücklicherweise groß genug war, damit sie in der Mitte trocken blieben, obwohl es windiger wurde und sich im Westen die Wellen brachen und kleine Gischtnebel emporschleuderten.
Sie gingen wieder hinein, um sich so warm wie möglich zu halten. Eine ganze Weile saßen sie im Zwielicht ihrer Behausung. Schließlich kam das Floß knirschend zu einem Halt, und als sie herausrannten, stellten sie fest, dass sie sich noch ein gutes Stück südlich von der Stelle befanden, an der sie sich von der Küste gelöst hatten. Der Wind hatte sie gegen eine frische, sehr dünne Fläche aus schwarzem Meereis getrieben. — Pech!, riefen die Jende und lachten freudlos.
Die Nordleute suchten ihre kleine Insel einmal rasch ab und diskutierten anschließend lange. Es würde nicht leicht werden, das schwarze Eis zu überqueren; offensichtlich war die Gefahr, einzubrechen, groß.
Kaktak wandte sich an die Gefangenen und machte Gesten, aus denen Eistaucher nicht ganz schlau wurde. Anscheinend ahmte er die großen weißen Bären nach, die draußen auf dem Meereis lebten. Wenn die es mit schwarzem Eis zu tun bekamen, ließen sie sich auf Brust und Bauch nieder und schoben sich voran, so schnell es mit den Zehen ging und ohne dabei nach unten zu treten. Man durfte sich nur mit den Zehen abstoßen und mit den Fingern voranziehen; mehr Druck auf das Eis auszuüben war zu riskant. Das Einzige, was die Menschen dabei von den Eisbären unterschied, war Kaktaks Gesten zufolge, dass sie in jeder Hand einen Una längs vom Körper halten und sich darauf stützen würden, um ihr Gewicht beim Vorwärtsrobben über eine größere Eisfläche zu verteilen.
Kaktak sprach kurz mit Elhu und dem anderen Mann, und dann ging er in die Hocke und ließ sich elegant nach vorne auf das schwarze Eis gleiten, wobei er sich wie eine große Eidechse voranschlängelte und die Unas immer dicht am Körper hielt. Als er das graue Eis erreicht hatte, stand er eilig auf und begann sofort, sich mit den Fingern das Wasser von seiner Pelzjacke und den Hosen zu streichen, in den Schnee zu seinen Füßen. Fröhlich rief er den anderen — Omoo! zu und ließ die Stöcke über das schwarze Eis zu ihnen zurückschlittern. Es geht!
Ja, wenn man gut war, ging es. Aber am wichtigsten war das Wissen, dass es überhaupt machbar war, und nachdem Kaktak das bewiesen hatte, waren die übrigen gestrandeten Jende schnell auf der anderen Seite, einer nach dem anderen, wobei sie sich immer über etwas andere Abschnitte bewegten, in dem Versuch, dicht an Kaktaks Weg zu bleiben, ohne ihm ganz genau zu folgen.
Als Eistaucher an der Reihe war, versuchte er nicht daran zu denken, wie seine Namensgeber beim Abheben von einem See mit den Füßen aufs Wasser klatschten, und stellte sich stattdessen eine rote Wasserechse vor, die er einmal über einen umgedrehten Stein im Fluss hatte davonflitzen sehen. Sie hatte ausgesehen wie eine lebende Wurzel und war in Windeseile verschwunden gewesen. Er kauerte sich hin und ließ sich so geschmeidig es ging nach vorne gleiten, wobei er sofort mit Nase und Mund aufs Eis knallte und Salzwasser schmeckte. Auf Knien und Zehen und den beiden Unas, die er fest umklammert hielt, schob er sich vorwärts. Es war eine mühsame Art des Kriechens, doch schon bald war das Eis unter ihm schmutzig weiß, und er konnte sich auf die Knie hochstemmen und aufstehen. Sofort drückte er das Wasser vorne aus seinen Kleidern, bevor es im Pelz festfror. Obwohl die Luft sehr kalt war, stand über dem neuen Eis eine Schicht Wasser, das noch salziger war als das große Salzmeer. — Gatzi!, sagte Kaktak, als er Eistauchers Miene sah. Salzig!
Die Nordleute waren sichtlich froh, wieder an Land und dem Tod entronnen zu sein, tatsächlich wirkten sie so ausgelassen, dass Eistaucher mit einem Mal klar wurde, dass sie nicht damit gerechnet hatten zu überleben. Während ihrer Zeit auf dem Meer hatte er ihnen das nicht angesehen, und nun beeindruckte es ihn, wie sie sich der Lage gestellt hatten.
Auch die anderen Gefangenen krochen aufs graue Eis hinüber und taten es den Jende nach, indem sie mit den Fingern so weit wie möglich das Wasser aus ihren Pelzen strichen. Hinterher waren ihre Hände rosig und pochten vor Kälte. Dann holten die Jende die Schlitten von ihrem Eisfloß, indem sie Seile mit Schlingen zu ihnen hinüberwarfen und sie, nachdem sie sie erwischt hatten, so behutsam und gleichmäßig wie möglich heranzogen. Das schwarze Eis bog sich unter ihnen durch, brach jedoch nicht.
Sobald sie ihre Schlitten zurückhatten, brachen die Nordleute Richtung Lager auf, schneller, als Eistaucher sie je hatte laufen sehen. Bald wurde ihm der Grund dafür klar — trotz aller Bemühungen waren ihre Kleider noch immer nass; die Kälte war so betäubend, dass sie rennen mussten, um warm genug zu bleiben, damit sie sich überhaupt bewegen konnten. Die Gefangenen folgten ihnen, so gut es ging. Nachdem sie vom Laufen etwas warm geworden waren, verlangsamten sie ihren Schritt und holten Atem, doch schon bald froren sie und mussten wieder rennen. So ging es weiter, rennen und gehen, rennen und gehen, aber die meiste Zeit rannten sie ächzend und schnaufend, so schnell, dass das Blut ihnen in den Adern hätte brennen müssen, was jedoch nicht der Fall war; es gelang ihnen gerade mal, warm genug zu bleiben, um ihren Weg fortsetzen zu können.
Eistaucher folgte den Jende und gab sich keine Mühe, den anderen beiden Gefangenen zu helfen, die hinter ihm zurückfielen. Das war doch wohl Aufgabe der Nordleute. Doch die Nordleute halfen nicht, sie sahen nicht einmal zurück, und als Eistaucher schließlich einen Blick über die Schulter warf, stellte er fest, dass der Hinterste von ihnen, Bron, gefallen war und nur unter Mühen wieder auf die Beine kam. Eistaucher wartete, und als Bron ihn eingeholt hatte, band er den Schlitten des Mannes an seinen eigenen, sodass Bron ohne die zusätzliche Last weiterlaufen konnte.
Doch als er sich ein wenig später erneut umblickte, sah er, dass Bron im Schnee zusammengebrochen war. Er ließ Brons Schlitten stehen, lief zurück, zog den Mann auf seinen eigenen Schlitten, hängte sich die Schlinge um und versuchte, den Schlitten in Bewegung zu versetzen. Er zog und zog an dem Seil, und schließlich rührte der Schlitten sich, als seine Beine bereits vor Hitze brannten und der Rest von ihm vor Kälte. Die Hitze wollte von innen nach außen und die Kälte von außen nach innen, und beide schmerzten. Und doch waren beide zusammen Antrieb genug, um ihn zurück nach Hause zu bringen. Er begann, eines von Dorns Laufliedern zu singen, als er sich dem Lager der Nordleute näherte, und hörte erst damit auf, als er den Tunneldurchgang zur Kältefalle am großen Haus erreichte. Er ging hinein, um Hilfe für Bron zu holen, der noch immer auf dem Schlitten lag. Er war sich nicht sicher, was die Nordleute davon halten würden, dass er einen Mitgefangenen gerettet hatte, und ärgerte sich über sich selbst, weil er auffällig geworden war. Eistaucher ging zu seiner Ecke unten auf dem Boden, zog sich alles bis auf seine Beinlinge aus und stellte sich direkt an das Lampenfeuer der Gefangenen, um sich aufzuwärmen und zu trocknen. Wie immer brannte das Auftauen am schlimmsten, aber es war nur ein oberflächlicher Schmerz, nur ein Brennen, als zuerst in seine betäubten Hände und dann in sein Gesicht und seine Ohren das Gefühl zurückkehrte, und, nachdem er eine Menge in Murmeltierfett getunkten Fisch gegessen hatte, sogar in seine Füße. Derweil trugen die Nordleute Bron zur Plattform in der Mitte des Hauses und legten ihn ans Feuer, und erst als er wieder zusammenhängend sprechen konnte, schickten sie ihn für die Nacht hinunter zu den Gefangenen. Sobald er dort war, drückte er Eistauchers Arm und machte dabei eine Miene, die Eistaucher bei keinem Gefangenen sehen wollte: Er wollte sich nicht als einen der Ihren betrachten und auch nicht als hilfsbereiten Fremden. Doch in den darauffolgenden Nächten erwachte Eistaucher manchmal und stellte fest, dass Bron an seinem Rücken lag und sich in den kältesten Stunden der Nacht zur lebenden Decke für ihn machte. Sie kannten keine Worte in derselben Sprache, mit Ausnahme einiger weniger Worte der Nordleute, die aber keiner der Gefangenen jemals laut aussprach. Meistens war es still in der Grube unter dem großen Haus.