Eistaucher hatte für die Nordleute unsichtbar bleiben wollen, ein Gefangener, der ihrer Aufmerksamkeit nicht wert war. Er hatte einen Schafsknochen in einer Ecke der Kältefalle versteckt, und jeden zweiten Neumond ritzte er ihn mit einem Steinchen ein, um festzuhalten, wie viele Monate vergangen waren, doch eines Nachts war der Knochen fort. Ob der, der ihn genommen hatte, die Markierungen bemerkt oder gewusst hatte, dass er Eistaucher gehörte, ließ sich nicht sagen. Es gab kein Anzeichen dafür, dass Kaktak oder Elhu oder einer der anderen Nordleute ihn beobachtete. Doch er hatte das Gefühl, dass die Männer, die am frühesten zu ihren Erledigungen loszogen und die weitesten Wege vor sich hatten, ihn öfter zu sich riefen. Und während sie unterwegs waren, um nach Fallen zu sehen oder auf dem Meereis zu jagen oder nach Feuerholz zu suchen, gaben sie ihm ebenso viel zu essen und zu trinken, wie sie sich selbst nahmen, und behandelten ihn fast wie ihresgleichen, abgesehen davon, dass er den Schlitten nach Hause ziehen musste. Und natürlich ließ man ihn nicht an die gefangenen Wölfe heran, die sie manchmal mitnahmen. Wenn sie miteinander sprachen, dann bekam Eistaucher zwar nach wie vor nur Bruchstücke mit, aber er verstand schon deutlich mehr als zu Anfang. Die Nordleute waren zufrieden mit ihrem Leben am großen Salzmeer. Es war immer kalt und im Winter die meiste Zeit dunkel, aber See und Hügel versorgten sie mit allem, was sie zum Leben brauchten. Sie mussten nie hungern. Wenn sie Pech hatten, lachten sie darüber. Sie stellten sich dem Narsuk.
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Eines Morgens kam Eistaucher aus dem Haus und stand direkt vor Elga. Er sagte: — Hallo!, doch sie beachtete ihn nicht und hielt den Blick abgewandt, und dann versetzte ihm jemand einen Stoß in den Rücken: Kaktak, der von der anderen Seite um das Haus herumgekommen war, stand hinter ihm.
Während Eistaucher sein Gleichgewicht wiederfand, starrte Kaktak ihn böse an. — Warum hast du etwas zu ihr gesagt?, fragte er, und Eistaucher verstand die Worte genau, obwohl Kaktak die Sprache der Nordleute verwendete. — Du weißt doch, dass du nicht mit den Frauen sprechen sollst.
Eistaucher nickte und sah zu Boden. — Sie stand einfach vor mir. Entschuldigung.
Kaktak starrte ihn noch immer an. — Warum bist du für diesen anderen Gefangenen umgekehrt? Das ging dich nichts an. Du überlässt uns die anderen Gefangenen, verstanden?
— Ja.
— Gut. Weil ich dich nämlich mitnehmen möchte. Du ziehst kräftig. Aber wenn du noch mal so etwas tust, lassen wir dich im Haus.
— Ich verstehe, sagte Eistaucher, den Blick noch immer zu Boden gerichtet, mit brennenden Wangen.
Kaktak ging ins Haus und drehte sich dabei noch einmal zu Elga um, die weiter Richtung Frauenhaus ging.
Eistaucher beschloss, eine versteinerte Miene zu wahren und nichts zu tun außer dem, was man ihm sagte.
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Spät im dritten Monat des neuen Jahrs befahlen Kaktak und einige der anderen Nordleute Eistaucher, einen mit Feuerholz und Säcken beladenen Schlitten hinter ihnen herzuziehen, während sie die nächstgelegene Talwand erklommen, um auf den Eiswall zu steigen. Jetzt lassen wir uns da oben den Wind um die Nase wehen, sagten sie zu Eistaucher, als sie das Lager verließen.
Um die steile Eiswand hinaufzukommen, stiegen sie zuerst auf eine der Anhöhen am Tal und folgten von dort einem Grat, der weiter nach Norden und oben führte, bis sie den Blick schließlich weit über die Spalten zu beiden Seiten schweifen lassen konnten. Dieser Grat lief direkt auf den gewaltigen Eiswall zu, der leicht fortgeneigt über ihnen aufragte, grau von Geröll, Erde und Staub und von tiefblauen Rissen und Schmelzlinien durchzogen. Sie mochten noch so weit oben sein, das Eis türmte sich immer noch über ihnen auf, und ihr Blick reichte nicht auf die Hochebene, die es dort geben musste. Allerdings ließ sich von hier aus erkennen, dass das Eis zu beiden Seiten steil in die Täler abfiel und dabei dicke Zungen bildete, die die Jende Gletscher nannten. Diese Eishänge endeten entweder in glatten Wänden, wie die am Ostende des Lagers, oder in halbmondförmigen Geröllfeldern mit milchigen grauen Teichen darin.
Die Jende schlugen einen Weg ein, der sie östlich des Grats quer über den Gletscherhang führte, über ein Gemisch von Eis und Felsbrocken verschiedenster Größen. Wenn man von einem Stein zum anderen trat, konnte man Halt finden, da die meisten davon halb aus dem Eis ragten. Anscheinend erwärmten die Steine sich tagsüber so weit, dass sie etwas einsanken, um in der darauffolgenden Nacht wieder festzufrieren, und irgendwann waren sie zu tief im Eis, um sich noch in der Sonne zu erwärmen, sodass sie einfach stecken blieben. Auf diesen Trittsteinen gelang es ihnen also ohne Schwierigkeiten, am Eishang emporzusteigen, und weiter oben wurde der Hang schließlich flacher.
Es erwies sich als schwierig, einen beladenen Schlitten über diesen Pfad emporzuziehen, und einmal kehrten die Jende um und halfen Eistaucher dabei, seine Last durch eine Eissenke zwischen zwei Felsbrocken zu zerren und sie anschließend über einige weitere zu heben. Doch schon bald waren sie alle oben angekommen. Von dort folgten sie einer kleinen Steigung nach Norden auf die eigentliche Mauer, während Eistaucher den Schlitten hinter ihnen herzog.
Als sie die Hochebene auf der Mauer erreicht hatten, hielten sie inne und blickten zurück nach Süden, auf die Hügel und die Steppe und das große verschneite Tal hinab und auf den gefrorenen Halbmond am Rande der großen Salzsee, der im weißesten Weiß leuchtete, und auf das blaue Wasser dahinter. Das große Salzmeer war Eistaucher noch nie so groß erschienen. Aus dieser Höhe war der Anblick atemberaubend. Es erstreckte sich weit nach Westen und Süden, und nirgendwo im Westen war ein Ufer zu sehen. Die Welt war gewaltig.
Das Eis auf der Hochebene wies einige Senken und Anhöhen auf, genau wie die Heide nördlich ihres Lagers daheim. Auf der Wanderung Richtung Norden hörte Eistaucher, wie das Eis unter seinen Füßen sich verschob und atmete. Ah: Es lebte. Ein weißes, kaltes Etwas aus dem Norden, das die Welt verschlang. Es sprach mit einem leisen, aber schweren Knirschen oder auch mit einem Knacken oder Krachen, das ihn erbeben ließ und das tiefste Geräusch war, das er jemals gehört hatte.