Die Eisebene war ganz anders als eine Landschaft unter einer winterlichen Schneedecke. Fast überall lag das Eis nackt da, größtenteils weiß, doch hier und da auch blau und an anderen Stellen durchsichtig. Es warf andere Wellen auf als normaler Erdboden und auch anders als das große Salzmeer: Die Kämme und Täler waren ein Mittelding zwischen Hügeln und Wellen, weder das eine noch das andere. Es gab absolut ebene Flächen, doch meistens krümmte das Eis sich nach oben oder unten. Hier und dort war es zu einer Art Geröll zersplittert, das einer dicht zusammengedrückten Masse von Eisklingen mit abgerundeten Kanten glich. Hier und da durchschnitten kleine Wasserläufe das Eis, die natürlich bergab flossen, dabei aber Biegungen machten, die sich kein Bach auf festem Erdboden jemals hätte einfallen lassen. Wenn die Jende einen Wasserlauf überqueren wollten, der zu breit war, um hinüberzuspringen, folgten sie ihm stromabwärts statt stromaufwärts, weil ein solcher Bach früher oder später immer in einem Loch im Eis verschwand und mit Furcht einflößendem Getöse in die eisblauen Tiefen strudelte. Die Männer hielten immer Abstand von diesen runden Löchern und entschuldigten sich bei dem geschwätzigen Eis laut dafür, dass sie es durch ihr Vorbeiziehen störten. Auch die großen Flecken gesplitterten Eises umgingen sie.
Die Fläche, über die sie wanderten, war größtenteils schartig und etwa so weiß wie alter Schnee. Sie war zu hell, um sie lange anzusehen, und Eistaucher musste die Augen zusammenkneifen, wenn er überhaupt etwas erkennen wollte. Auf ihrem Weg Richtung Norden wurde das Eis unter ihren Füßen sauberer, und es gab weniger Verwerfungen. Hier und dort lagen lange, gewundene Bänke von Steinen und Kieseln. Je weiter sie nach Norden kamen, desto weniger wurden es, aber hier und da wanden sie sich hüfthoch über das Eis. Sie boten einen seltsamen Anblick, weil sie von Leuten aufgeschichteten niedrigen Wällen ähnelten, aber zu lang und dick dafür waren. Wenn sie sich umdrehten, konnten sie sehr weit nach Süden blicken, aber nach vorne gewandt sahen sie schließlich nur noch Eis; selbst das große Salzmeer war nicht mehr als ein in der Sonne glitzerndes Band Richtung Südwesten. Sie schienen sich durch eine gänzlich von Eis bedeckte Welt zu bewegen, ein Anblick, bei dem es einem die Kehle zusammenschnürte. Doch die Nordleute wanderten weiter.
Spät am selben Tag zogen sie über sahnig blaues Eis, das beinahe zu glatt war, um darauf zu gehen. Von einer niedrigen, runden Kuppe aus diesem blauen Eis aus konnten sie weit in jede Richtung sehen. So weit das Auge reichte, gab es nichts als Eis. Hier oben machten die Nordleute halt, errichteten ein kleines Feuer auf einem mitgebrachten Herdstein und brieten kleine Streifen Fisch und Robbe und Rentier, bis sie schwarz wie Holzkohle waren. Diese schwarzen Stückchen zerbrachen sie, warfen sie aufs Eis und stimmten dabei einen Gesang an, in dem immer wieder die Worte für Eis und Kälte vorkamen. Eeeeesch! Kelt!
Anschließend reichten sie eine Pfeife herum, und als Letzter in der Runde durfte auch Eistaucher einen Zug nehmen. Der Rauch schmeckte herb und bitter. Die Jende husteten, wenn sie ihn ausatmeten, und obwohl Eistaucher zuvor beschlossen hatte, das nicht zu tun, konnte auch er ein Husten nicht unterdrücken.
Einer der Jende-Männer namens Orn entschuldigte sich beim großen Windeis. Dann deutete er nach Norden. Dort am Horizont gab es eine niedrige schwarze Erhebung. Das war ihr Ziel, das sie Nuna nannten. Eine Felsinsel in einem Meer aus Eis. Sie bezeichneten sie als die Pupille und deuteten dabei auf ihre eigenen zusammengekniffenen Augen. Es war eine umgekehrte Version der Eiskappen auf den Hügeln westlich des Wolfslagers.
Die Jende machten sich auf den Weg Richtung Nuna. Eistaucher folgte ihnen mit gesenktem Kopf, die Augen fast geschlossen, um nicht so sehr von dem hellen Sonnenlicht geblendet zu werden, in dem Eis und Himmel erstrahlten. Er hätte die Augen am liebsten ganz geschlossen, doch er musste den Boden unter seinen Füßen sehen können, um Halt auf den kleinen Unebenheiten zu finden.
Als sie sich der Felseninsel weiter näherten, sahen sie, dass das Eis an ihren Rändern aufgeworfen war, wie eine erstarrte Welle, die ans Ufer brandete. Das blaue Wellental zwischen der gefrorenen Welle und dem zerkratzten Felsen ließ sich nicht passieren; sie mussten um die Insel herum nach Westen gehen, bis zu einer Bresche in der Eiswoge, durch die sie zu dem Felsen gelangen konnten. Doch eben hier ragte das schwarz-rötliche, schieferglatte Gestein als niedrige Felswand auf, an der sich kein Weg nach oben finden ließ. Die Jende wandten sich nach links und folgten einem zunehmend flachen Streifen blauen Eises, der zwischen der Felswand und der ansteigenden Eiswoge verlief. Dieser abschüssigen, gekrümmten Spalte folgten sie in die Tiefe. Hier und da lag rötliches Geröll, wobei jeder einzelne Stein halb im Eis versunken war. Es war ein seltsames Gefühl, durch diese von Steinchen übersäte Klamm zu laufen, mit einer Felswand zur Rechten und einer einwärts gekrümmten blauen Eiswand zur Linken. Man hatte den Eindruck, dass die Eiswoge jeden Moment über ihnen zusammenschlagen müsste, doch sie bewegte sich nicht, ächzte nicht einmal, atmete kaum. Trotzdem gingen die Jende schweigend, und Eistaucher folgte nervös ihrem Beispiel, während er den Schlitten vor sich hinabließ. Nach etwa einer Faust endete die unbehagliche Wanderung, als sie um eine Biegung kamen, hinter der die Felswand niedriger wurde, bis Eis und Fels auf der gleichen Höhe waren und sie einfach hinübertreten konnten.
Sie kamen über flache Blöcke aus dunkelrotem Gestein, über die die Knochenkufe kratzten, doch der Fels war glatt genug, damit Eistaucher den Schlitten weiterziehen konnte. Es gab deutlich erkennbare Stufen, und die Jende halfen Eistaucher bei jeder dieser knie- bis hüfthohen Wände, den Schlitten emporzuhieven. Als sie den Mittelpunkt des Nuna erreichten, befanden sie sich zwei bis drei Baumhöhen über dem Eis. Die Oberseiten der roten Felsklötze waren glatt geschliffen, und an ihren Nord- und Südenden verliefen gerade Kerben. Auch Vertiefungen in Form eines drei- oder viertägigen Halbmonds waren in den Fels geschnitten. In den kleinen Vertiefungen zwischen den Blöcken hatte sich eine Mischung aus Steinchen und Sand angesammelt, darüber wuchsen Flechten — das Einzige, was auf dieser Insel lebte.
Sie erreichten den höchsten Punkt des Felsens. Von dort konnten sie in alle Richtungen weit über das große Windeis sehen. Allein mit einer Drehung seines Kopfes erfasste Eistaucher den gesamten Erdkreis, an dessen westlichem Rand die blendende Sonne funkelte. Das Eis unter ihnen war sahnig blau, überzogen von weißen Flecken und grauen Linien aus gesplitterten Steinen. Es war erstaunlich, dass sie nur einen Tag gebraucht hatten, um auf diese neue Welt hinaufzusteigen. In den Geschichten von zu Hause ging es immer um drei Welten, eine im Innern der Erde, eine im Himmel und eine auf der Oberfläche dazwischen. Eistaucher hatte von allen drei zumindest kurze Einblicke erhascht. Doch die Nordleute hier waren einfach auf eine vierte Welt hinaufgestiegen, die sich über der Erde auftürmte. Ein höheres Reich, ein gefrorener Himmel.
Die Nordleute blickten sich aufmerksam um. Es war nicht ihre Art, viel zu sprechen, wenn sie tagsüber unterwegs waren. Später, abends ums Feuer, redeten sie ausgiebig über die Ereignisse des Tages, doch während sie sie erlebten, schwiegen sie lieber.
Am nördlichsten Ende des großen Felsklotzes auf der Spitze der Insel war ein Ring hüfthoher Bruchsteine aufgestellt. Zu diesem Steinkreis gingen die Nordleute, und ehe sie ihn erreichten, bedeuteten sie Eistaucher, dass er zurückbleiben sollte.