Von diesem höchsten Felsklotz hatte man all die kleinen Steine entfernt, die fast überall sonst auf der Insel verstreut lagen. Nur der Steinkreis war geblieben. Die Steine waren alle mehr oder weniger rechteckig und so aufgestellt, dass sie an kleinwüchsige Männer erinnerten. Es waren etwa ein Dutzend. Sie hier zusammenzutragen war mit Sicherheit eine gewaltige Aufgabe gewesen, an der sich viele Männer beteiligt hatten. So große Steine ließen sich nur unter großen Mühen bewegen.
Inmitten dieses Steinkreises lag ein flacher Felsbrocken, auf dem die Nordleute mit Ästen und Zweigen von Eistauchers Schlitten ein Feuer errichteten. Sie träufelten Fett aus einem Beutel darauf, und schon bald erwachte das Feuer zum Leben. Darauf verbrannten sie eine Adler- und eine Rabenschwinge, während sie mit ihren rauen Stimmen sangen. Als das Feuer am höchsten loderte, wobei es im blendenden Licht von Sonne und Himmel und Eis trotzdem fast unsichtbar blieb, holte Orn ein rotes Bündel aus seinem Rucksack und schlug den Stoff zurück. Ein Menschenschädel kam zum Vorschein, bei dem der Kiefer fehlte, der jedoch ansonsten sauber und frisch aussah. Orn hielt ihn empor, damit er ein letztes Mal die Sonne ansehen konnte, und auch die anderen blickten mit geschlossenen Augen und singend zur Sonne. Dann legte Orn den Schädel ins Feuer, und sie sahen zu, wie er sich schwarz verfärbte und, nachdem sie etwas Fett daraufgegossen hatten, ebenfalls zu brennen begann, nicht wie Holz, sondern wie die Spitze eines riesigen Dochts. Und wie ein Docht brauchte er sehr lange, um zu verbrennen. Weiße Flammen tanzten in den Augenhöhlen und aus dem offen stehenden Mund, als ginge es dem Schädel dort im Feuer recht gut, doch schließlich zerbrach er, fiel in sich zusammen und wurde Teil der darunterliegenden Glut. Als das Feuer schließlich herunterbrannte, waren von dem Schädel nur noch einige schwarze Stücke geblieben, die sich kaum von den anderen Kohlestücken in der Asche unterschieden.
Als das Feuer erlosch, scharrten die Männer behutsam in der letzten Glut und warteten wieder. Im eisigen Nordwind kühlte die Asche schnell aus, und sobald sie kalt genug war, um sie anzufassen, nahmen die Nordleute so viel davon, dass beide Hände gefüllt waren und trugen sie mit ausgestreckten Armen aus dem Steinkreis, den sie einmal auf der Außenseite umrundeten und dabei an jedem Stein stehen blieben und sangen. Anschließend stellten sie sich um einen aus ihrer Gemeinschaft herum auf und warfen die Asche in die Luft, sodass der Wind sie auf den Mann in der Mitte blies. Er hielt Arme und Gesicht nach oben und empfing den Ascheregen wie ein willkommenes Geschenk.
Von allem, was Eistaucher bisher bei den Nordleuten gesehen hatte, kam das einer Schamanenangelegenheit am nächsten, und er verspürte einen Stich in der Brust, als er an Dorn dachte, und fragte sich, was er wohl von dieser Sache gehalten hätte und ob er Dorn jemals wiedersehen und die Gelegenheit erhalten würde, ihm von der Zeremonie der Nordleute zu berichten, ihrem Steinkreis und dieser gewaltigen vierten Welt aus Eis, auf die sie einfach heraufgestiegen waren. Er hatte nach wie vor keine Ahnung, wie er es zu Dorn zurückschaffen sollte, und dieser schmerzliche Gedanke ließ ihn körperlich ermatten. Sein Magen zog sich zusammen, ihm wurden die Knie weich, und er musste sich zusammenreißen, um gehen zu können. Vom Herumstehen waren ihre Füße kalt, und sie mussten auf ihre Schritte achtgeben, als die Jende ihren Weg nach Westen und Norden fortsetzten, bis zu einer Kante der Felsinsel, die sie bislang noch nicht aufgesucht hatten.
Hier ragte der Fels hoch über das Eis hinaus. Zu ihren Füßen fiel eine steile Klippe aus rissigem Gestein zum sahnigen Blau hin ab. Die vielen schmalen Simse an der Wand waren grün von Moos, sodass sie von oben fast ganz grün erschien. Weiter unten fiel sie noch steiler ab und entzog sich dem Blick. Das Eis jenseits des grünen Mooses schien sehr viel weiter unten zu liegen.
Auf dem Weg zu der Kante waren die Jende verstummt, und sie bedeuteten Eistaucher mit Gesten, ebenfalls zu schweigen. Dann traten sie wieder von der Kante zurück und blickten sich um. So weit das Auge reichte, war alles vom großen Windeis bedeckt, das bis zum sonnenversengten Horizont reichte.
Unvermittelt rannten die Jende auf die Kante zu, als wollten sie sich in die Tiefe stürzen, um dann schreiend anzuhalten und Hände voller kleiner Steinchen die Felswand hinabzuwerfen, die über die Vorsprünge kullerten.
Kreischend stieg ein großer Schwarm Vögel in die Lüfte empor, wild durcheinanderflatternd, wobei einige sogar zusammenprallten und ins Trudeln gerieten, ehe sie sich wieder fingen. Von diesen krähengroßen, schwarz-weißen Vögeln mit den großen, gekrümmten, orangefarbenen Schnäbeln schwirrten bald viele Zwanzig-Zwanzig-Zwanzig in wilden Kurven überall über den Männern umher.
Als ihre Panik sich gelegt hatte und sie hoch genug aufgestiegen waren, bildeten die Vögel Schwärme, zogen in Gruppen Kreise und kehrten entweder zur Felswand unter ihnen zurück, ohne die Nordleute, von denen sie aufgescheucht worden waren, weiter zu beachten, oder flogen davon. Schwarze Rücken, weiße Bäuche, entenartige Füße vom gleichen Orange wie die Schnäbel. Ihre Gesichter bestanden aus zwei großen weißen Kreisen, in denen kleine schwarze Augen saßen. Sie flogen so dicht beieinander, dass sie eigentlich hätten zusammenstoßen müssen, doch nachdem sie ihren Schreck verwunden hatten, passierte ihnen nichts Derartiges mehr. Vögel waren gut in so etwas.
Aufmerksam verfolgten sie die wilden Flugbahnen der Vögel, die Hände an die Stirn gelegt, um die Augen zu beschatten. Als die Vögel schließlich davongeflogen oder zur Klippe zurückgekehrt waren und nur noch einige wenige über ihnen kreisten, besprachen sie sich für eine Weile, auf eine für sie sehr untypische Art und Weise. Eistaucher begriff, dass sie aus dem Auseinanderstieben der Vögel ihre Schlussfolgerungen zogen, denn zuweilen kratzten sie Kurven auf den Felsen oder vollführten schwirrende Bewegungen mit ihren Händen. Es würde ein gutes Jahr werden, sagten sie einander.
Danach machten sie sich auf den Rückweg. Die vielen eingekerbten Felsblöcke hinab, zurück auf das atmende blaue Eis, einmal mehr vorsichtig dahingleitend. Das Licht der im Westen gleißenden Sonne wurde nun in einem schmerzhaften Winkel reflektiert. Sie mussten die Augen fast ganz zukneifen, und hier verschafften die Lider der Jende ihnen anscheinend einen deutlichen Vorteil. Für Eistaucher war das Eis so hell, dass es schwarz wirkte, als brenne es an den Rändern. Es war ein Licht wie das Feuer im Schädel auf der Felsspitze. Blind stiegen sie den Hang am Rande der Eisebene hinab, den Wind im Rücken. Die Wanderung zog sich, und Schlimmbein machte sich heftig pochend bemerkbar. Sie kehrten in die Welt zurück. Bald würde die Sonne untergehen, und sie würden das letzte Stück des Abstiegs im Dunkeln zurücklegen müssen. Doch derzeit strahlte die Welt noch hell.
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Die Spätwinterstürme tobten hier manchmal einen halben Monat oder länger. Solche Zeiten verbrachten sie im großen Haus, essend, schlafend und nochmals schlafend. Auf den oberen Plattformen saßen oder lagen die Jende. Im Dämmerlicht, das durch das Röhrenloch im Dach fiel, fertigten sie Dinge an und redeten, und ihre Ältesten erzählten Geschichten, lange Geschichten, die sie in kurzen, rhythmischen Sätzen hervorstießen. Die flatternden Worte lullten Eistaucher in eine Art Halbschlaf, in dem ihm so war, als ob er träumte, obwohl er es nicht tat. Die Ältesten beendeten ihre Geschichten genau wie Pippalott, indem sie beispielsweise sagten: Seht nur, die Eiszapfen scheinen schon fast zu schmelzen, um ihr Publikum daran zu erinnern, wie viel Zeit sie mit ihrer Geschichte aufgezehrt hatten. Je mehr, desto besser, an Tagen wie diesen.
Manchmal fertigte auch Eistaucher etwas an. Er schnitzte Speerschleudern aus den Schulterknochen ihrer Nahrung, wofür er keine Klingen benutzte, die sie als Gefangene nicht haben durften, sondern Steinchen. Wenn sie Knochen aufbrachen, um das Mark herauszubekommen, dann blieben manchmal Splitter, die sich gut für Fallen verwenden ließen; aber sie gaben auch gute Klingen ab, die ganz offensichtlich gefährlich waren, und da er sie nirgends verstecken konnte, zerbrach er sie normalerweise, wenn er mit ihnen fertig war. Doch eine davon steckte er zwischen zwei einander überlappende Felle an der Wand, dicht überm Boden. Niemand bemerkte etwas davon.