Trotzdem fiel ihm kein Fluchtweg ein.
Während sie die Frühlingsgewitter aussaßen, verbrachten sie sehr viel mehr Zeit im Haus als in den Wintermonaten. Bei Morgengrauen zogen sich ein oder zwei an, warfen einen Blick durch den Eingang nach draußen und berichteten anschließend, welche Tätigkeiten die Winde ihnen heute gestatten würden. Wenn es nicht gewitterte, machten sie sich auf den Weg hinaus in die Kälte und taten, was getan werden konnte. Sie fütterten ihre gefangenen Wölfe, suchten ihr Scheißfeld auf und holten neuen gefrorenen Fisch von ihrer Vorratsplattform. Bei Sonnenuntergang versammelten sie sich in ihrem großen Haus, das an einen Biberbau erinnerte, aßen in der erwärmten Luft und besprachen die Ereignisse des Tages. Abends ruhten sie sich in den höchsten Bereichen, wo es am heißesten war, aus und schwitzten hemmungslos. Zum Schlafen kehrten sie dann auf die tieferen Ebenen direkt über Eistaucher und den anderen Gefangenen zurück, wo es kühler war. Anscheinend schliefen sie gerne in ihre Pelze eingemummelt. Die Luft, die durch die Kältefalle einströmte, war natürlich so kalt wie die Luft draußen, und wenn man die Hand von der Gefangenenebene in den Eingangstunnel hinabstreckte, spürte man diese Kälte, die sehr viel beißender war als die unten im Haus, so schnell erwärmte sich die Luft bei ihrem Aufstieg. Es verblüffte Eistaucher immer wieder, doch er konnte es selbst spüren, und wenn er die Hand hochhielt, spürte er auch, dass es direkt über ihm wärmer war. Auf dem Weg von der Kältefalle bis zum ersten Stockwerk der Jende erwärmte sich die Luft von frostig kalten auf angenehm kühle Temperaturen, sie war dann fast schon warm, oder zumindest irgendwo zwischen warm und kalt. Es war so ähnlich, wie sich die Luft auf dem Weg von der Nase zu den Lungen erwärmte oder wenn morgens die Sonne auf einen fieclass="underline" ein seltsam schneller Wandel.
Im großen Haus kam die Wärme vor allem von dem Feuer, das auf der Plattform brannte, und daher, dass alle Wände mit Leder bedeckt waren, um sie winddicht zu machen und die Wärme wie in einem Beutel innen zu halten. Die gedrungenen Leiber der Jende leuchteten wie Lampen im Zwielicht, ihre Haut gerötet und schweißglänzend. Sie sahen aus wie die Steine, die sie ins Feuer legten und anschließend mithilfe dicker Äste in Eimer mit Kochwasser tauchten; auch diese Steine leuchteten im Dämmerlicht und versengten die Luft. An Unwettertagen wurde der hohle Ast oben im Dach fast vollständig mit einem Fellflicken verschlossen, wodurch die Wärme noch besser im Innern gehalten wurde. Bevor die Jende abends schlafen gingen, zogen sie den Fellflicken heraus und öffneten das Loch, wodurch das Hausinnere sich insgesamt etwas abkühlte. Anschließend rollten sie sich in ihre Felle, legten sich in die Beinahe-Dunkelheit am kleinsten Feuer, das eigentlich nur der Beleuchtung diente und in dem die ganze Nacht über drei Dochte brannten.
Bevor sie schlafen gingen, nahmen sie dann noch eine letzte Mahlzeit ein. Oft aßen sie die Fische gefroren und kauten mit Hingabe auf ihnen herum. Aber manchmal kochten sie sie auch in Holzeimern, wobei sie das Wasser mit den heißen Steinen erwärmten. Dabei aßen sie erst den Fisch und tranken anschließend die Brühe, in der sie ihn gekocht hatten. Die Frauen der Jende holten die Fische aus der Brühe, rieben sie mit den Fingern trocken und verteilten sie an alle Jende im Haus, wobei sie genau darauf achteten, wer welche Teile bekam. Wenn die Fische aufgegessen waren, reichten sie Kellen mit der Brühe herum. Dann gingen sie zu Bett. Manchmal erwachten sie nachts, um in ihre Pinkeleimer zu pinkeln. Die meiste Zeit schliefen sie, und oft saß nur Eistaucher während der langen Fäuste der Nacht sinnierend da und spürte, wie Schlimmbein in der Kälte pochte.
Die Tage wurden länger. Bald würden die Hungermonate des Frühlings anbrechen, doch die Jende waren weit davon entfernt, dass ihnen die Nahrung ausging. Eistaucher vermutete, dass sie mit dem gefrorenen Essen auf ihren Plattformen noch einen weiteren Winter hätten durchstehen können, vielleicht sogar einen dritten. Und trotzdem zogen die Männer an jedem Tag, an dem der Wind es gestattete, los, um zu jagen, zu fischen und Fallen zu stellen. Eistaucher wusste nicht, was er davon halten sollte. Wahrscheinlich wollten sie einfach nicht untätig bleiben. Sie hatten mehr Kinder in ihrem Rudel als die meisten Rudel des Südens. Und Eistaucher wusste nur zu gut, dass sie manchmal Frauen von anderen Rudeln stahlen. Vielleicht wollte man noch andere Dinge tun, wenn man so viel zu essen hatte. Vielleicht wollten sie viele Kinder, wollten sie mehr werden. Einmal erhaschte er einen Blick auf Elga am Eingang zum Frauenzelt. Sie sah wohlgenährt aus, und er fragte sich, ob sie schwanger werden würde. Bei dem Gedanken sog Eistaucher die Luft zwischen den Zähnen hindurch. Doch er wusste nicht, was er dagegen unternehmen sollte. Nachts konnte er nur in sein Fell gewickelt auf dem kalten Boden liegen und sein kaltes Fleisch essen; und wenn ihn der Drang dazu überkam, konnte er die kalte Erde ficken. Doch dazu trieb es ihn nur selten. Er hatte immer kalte Füße und einen kalten Klumpen im Bauch. Er konnte nichts sehen, was ihn aus seiner Gefangenschaft hätte befreien können.
Dennoch. Er hatte die versteckte Knochenspitze zwischen den Fellen an der Wand. Und wann immer man ihn losschickte, um Feuerholz zu holen oder gefrorenen Fisch von der Vorratsplattform oder Robbenhautbeutel voller Fett, versuchte er, etwas zu stehlen und zu verstecken, erst zwischen den Fellen an den Wänden oder in Schneewehen im Lager und später, als er Feuerholz sammeln ging, unter einem Felsbrocken im nächstgelegenen Tal, einem Felsbrocken in einer ganzen Ansammlung von Felsbrocken am Fuß einer Geröllhalde. Das Loch unter diesem Felsbrocken ähnelte einer Murmeltierbehausung, und da ein Murmeltier natürlich auch hineingelangen konnte, hinterließ er dort kein Essen. Doch mit der Zeit hatte er gestohlene Beutel und Rucksäcke versteckt, und später auch zwei Jacken mit Kapuzen und Stöcke, die sich als Gehstöcke oder Speere verwenden ließen. Alles, was er zusammenstehlen konnte und was keine Nahrung war, ihm aber trotzdem als nützlich für seine Heimreise erschien, nahm er und versteckte es dort.
Aber nach wie vor fiel ihm keine Möglichkeit zum Entkommen ein.
43
Dorn war gerade oben beim Kurzen Pass angelangt, als eine Gestalt auf der Wiese an der Oberen Klamm erschien. Dorn erstarrte und beobachtete sie eine Weile. Er sah nicht mehr so gut wie früher. Dann winkte die Gestalt ihm zu. Es war Pippalott. Dorn winkte zurück, und der Reisende stieg rasch das letzte Stück des Tals bis zum Pass hinauf. Dorn zupfte sich an den Resten seines linken Ohrs, die er nur selten berührte. Als der Reisende den Pass erreicht hatte, ging Dorn ihm entgegen, und sie umarmten einander und hielten sich anschließend bei den Händen und schauten einander an.
— Weißt du, wo Eistaucher ist?, fragte Dorn.
— Ja. Die Nordleute, die seine Frau geholt haben, haben ihn gefangen genommen.
Dorn knurrte. — Wann?
— Gleich, nachdem sie sie geholt haben. Ich habe ihm dabei geholfen, ihre Spur zu verfolgen, aber bei Morgengrauen haben ihre Kundschafter ihn geschnappt. Ich habe sie kommen hören und mich fortgeschlichen, doch dafür musste ich leise sein.
— Und dann?
— Sie sind nach Norden zu ihrem Lager gezogen. Erst bin ich ihnen gefolgt, doch dann musste ich nach Osten. Jetzt bin ich auf dem Heimweg, aber ich wollte dir sagen, was geschehen ist.
Dorn nickte stirnrunzelnd. — Komm mit in unser Lager. Du sollst unser Gast sein, dann kannst du auch Heide davon erzählen.