Knack wiederholte das Geräusch.
— Ein Eistaucher, um einen Eistaucher zu finden, sagte Dorn zu Heide. Die achtete nicht auf ihn, sondern sprach langsam mit Knack. Knack legte den Kopf schief. Anscheinend verstand er sie, obwohl sie die meiste Zeit über die ganz normalen Worte des Rudels verwendete.
Das Gesicht des Alten war haarig. Sein Bart, sein Haupthaar und seine dichten Brauen waren alle ineinander verfilzt und bildeten eine Matte, die an den Winterpelz eines Bären erinnerte. Die Haut auf seinen Wangen, seiner Stirn und Nase war blass wie ein Pilz; und er hatte eine große Hakennase. Seine Iriden waren dunkelbraun, das Weiße in seinen Augen blutunterlaufen. Sein Blick hatte etwas Starres, das Dorn an den alten Pfeifhasen erinnerte. Um den Hals trug er einen Lederriemen mit drei Löwenzähnen daran. Er war ein wenig kleiner als Dorn; seine Brust war kräftig, er hatte kurze Beine und humpelte leicht. Sein Kopf war lang gestreckt, von der Stirn bis zum Nacken; er verhielt sich zum Kopf einer gewöhnlichen Person wie der Kopf eines Höhlenbären zu dem eines Waldbären. Sein rauchiger Geruch überdeckte nicht ganz einen Bisamratten-Moschusgeruch. Er trug einen Speer in der Hand und ein großes Fellbündel über der linken Schulter. Seine Kleidung bestand aus Marder- und Fuchsfellen und Bärenfellstiefeln, und er wirkte so verständig wie jeder andere Waldmann auch. Schließlich gab es auch Waldmänner, die vergessen hatten, wie man redete. Dennoch war dieser Alte seltsamer als ein Waldmann. Die Alten waren alt.
An Heide gewandt gab er ein zustimmendes Grunzen von sich, oink, oink, bei dem es sich eindeutig um eine Art Ja handelte. Sein starrer Gesichtsausdruck ließ ahnen, dass er nicht so genau wusste, wozu er sich bereit erklärte, aber davon ausging, dass er es schon früh genug herausfinden würde. Vielleicht war er einfach gutmütig; aber trotzdem wollte man, wenn man allein unterwegs war, nicht mehr als einem Alten auf einmal begegnen. Auch in dieser Hinsicht ähnelten sie Bären. Bären waren angeblich früher einmal Menschen gewesen, bevor Rabe ihnen aus Versehen ihr Fell angeklebt hatte. Vielleicht waren die Alten Bären, die kein Fell bekommen hatten.
Heide sprach in einer Mischung aus Alten- und Menschensprache. — Dorn gut, girr, girr, geh Eistaucher suchen. Gefolgt von einer Reihe Schnalzlaute.
Sie drehte sich zu Dorn um. — Er wird dich begleiten und dir helfen. Er weiß, dass du Richtung Norden in die Kälte gehst, um Eistaucher und das Mädchen zu retten.
Sie schnalzte Knack zu, dessen Lächeln Dorn angstvoll erschien. Er nickte erneut. — Dange, sagte er, etwas, das er während seiner Heilung gelernt hatte.
— Nein, ich danke dir, erwiderte Dorn und sagte dann zu Heide: — Wie sage ich ihm, dass er gehen soll?
— Huusch, sagte sie und wedelte dabei mit der Hand.
Dorn nickte und probierte es aus. Er sah Knack in die Augen. — Huusch, sagte er und wedelte Richtung Norden, zur Mittelkuppe hin. Und dann sagte er das Wort, das das Rudel dafür verwendete: Skai. So konnte er dem Alten vielleicht etwas von der Sprache des Rudels beibringen. — Skai, Huusch, Skai.
— Oink, sagte Knack erneut und fügte hinzu: — Essen, wobei er ebenfalls eine Handbewegung in Richtung der Mittelkuppe machte.
Dorn nickte. — Gute Idee. Geh Essen holen.
Knack drehte sich Bestätigung heischend nach Heide um, die ihm zuschnalzte. Er schlüpfte zwischen die Bäume.
Dorn und Heide standen da und warteten auf seine Rückkehr.
Schließlich tauchte Knack wieder zwischen den Bäumen auf. Das Bündel über seiner Schulter war nun dicker als zuvor.
Unvermittelt packte Heide Dorn am Arm. — Ich will hoffen, dass du zurückkommst. Wir brauchen dich.
— Ich weiß. Ich komme zurück.
— So schnell du kannst.
— Wenn ich nicht in zwei Monaten zurückkomme, komme ich überhaupt nicht wieder.
Sie wechselten einen Blick, und dann ließ Heide seinen Arm los.
— Huusch, sagte sie zu Knack. — Skai. Geh mit Dorn, tu, was er sagt.
Die beiden Männer wanderten schnell dahin. Es war der vierte Monat, in dem die Tage bereits länger als die Nächte waren und schnell noch länger wurden. Auf den Südhängen war der Schnee mit kleinen Mulden voll Schmelzwasser übersät. Morgens war er so fest, dass sie beinahe darauf rennen konnten, und an den Nordhängen konnten sie sich auf den Stiefelsohlen hinuntergleiten lassen.
Bei den Löchern im Eis auf den Flüssen ließ sich deutlich erkennen, dass viele Lebewesen vorbeigekommen waren. Die Abdrücke im Schnee waren zerschmolzen, sodass sie dreimal so groß aussahen wie gewöhnlich. Es kam Dorn vor, als würden sie durch ein Land voller Giganten ziehen.
Während des ersten Teils ihrer Reise folgten sie einfach der Route der Rentiere, weshalb Dorn den ganzen Tag lang so rasch er konnte lief und rutschte und in den Nächten um Vollmond bis Mitternacht weiterging. Die schneebedeckten Hügel leuchteten im Mondlicht so hell, dass man fast wie bei Tag sehen konnte, wobei das Mondlicht allem die Farbe nahm. Doch zum Wandern brauchte man keine Farben. In der Nacht sahen sie mehrere Male große Katzen, und als sie einmal von einer großen Katze mit buschigen Ohren verfolgt wurden, schrie Dorn sie laut an, damit sie wusste, dass er sie im Auge behielt. Allerdings schien die Anwesenheit des Alten die Katze und auch alle anderen Tiere viel mehr als die von Dorn abzuschrecken. Vielleicht lag es auch nur daran, dass sie zu zweit waren.
Dorn beobachtete Knack, und wenn er voranging, achtete er darauf, wie der Alte sich bewegte und Umschau hielt. Knack kam schnell voran und schien sich dabei doch nie zu überanstrengen. Seine Füße strauchelten nicht, und seine Stiefel schienen zu den besten ihrer Art zu gehören und waren an den Nähten mit einer Art Harz versiegelt. Beim Gehen summte er vor sich hin und gab leise Schnalzlaute von sich, sodass er ein wenig wie eine Heuschrecke oder ein Grashüpfer klang.
Wenn sie zur kältesten Nachtzeit haltmachten und Dorn ein kleines Feuer entzündete, setzte Knack sich dicht heran und breitete die Arme aus, um die Wärme aufzufangen, wobei er miauende und gackernde Laute von sich gab. Er hatte sich selbst viel zu erzählen. Dorn saß da, sah ins Feuer und lauschte ihm. Dann und wann weckte der Alte mit zwei kurzen Schnalzlauten Dorns Aufmerksamkeit, um dann auf etwas zu zeigen und das gleiche Geräusch zu wiederholen. Dorn sagte dann den Namen des jeweiligen Dings, worauf Knack den Mund öffnete, die Lippen verzog und den Kopf auf die Seite legte, als sei er im Begriff, das Wort zu wiederholen; aber letztlich tat er es doch nie. — Girr, sagte er stattdessen. Es entsprach fast genau der kleinen Begrüßung, mit der Eistaucher, die wieder an die Oberfläche kamen, ihre Gefährten auf sich aufmerksam machten. Dorn konnte zur Antwort nur den Kopf schütteln und entweder das gewünschte Wort wiederholen, seinerseits ein Girren ausstoßen oder weiter schweigend ins Feuer starren. Dorn sprach, der Alte sprach, aber eine gemeinsame Sprache hatten sie nicht. Eines Nachts spielte Dorn Flöte, und der Alte summte die Melodie mit und weiter, bis Dorn von Neuem zu spielen begann, aber versetzt, bis sie gemeinsam wieder am Anfang des Liedes ankamen. Das waren ihre besten Unterhaltungen.
Knack schlief immer ein, während das Feuer noch brannte. Dorn trocknete dann alles, was während des Tages nass geworden war, und starrte weiter ins Feuer, bis graue Schleier über den orangefarbenen Schein der verbliebenen Glut flackerten. Dann legte er sich in seine Pelze gewickelt hin und sah bis zum Morgen den Sternen auf ihrem Weg zu. Wenn er schläfrig wurde, spielte er ein kleines Nachtlied auf seiner Flöte, und wenn Knack davon aufwachte, dann bedeutete Dorn ihm, Wache zu halten, worauf Knack zweimal schnalzte, und dann schlief Dorn fast schon zwischen dem ersten und dem zweiten Schnalzen ein und erwachte erst, wenn die Sonne durch den östlichen Horizont stieß.