Einmal weckte ihn Knack, indem er ihn sehr leicht mit dem stumpfen Ende seines Speers anstieß, und als Dorn sich aufsetzte, bedeutete er ihm, sich nicht zu bewegen, ließ sich dann nach vorne fallen und ahmte die Haltung einer jagenden Katze nach. Dorn nahm seinen eigenen Speer und seine Speerschleuder, machte sich wurfbereit und erhob sich, wobei er die ganze Zeit lauschte. Weder hörte er das Tier noch sah er es, und nach einer Weile wischte sich Knack mit der blassen Hand durchs blasse Gesicht und bedachte Dorn mit einem Blick, der vielleicht Erleichterung zum Ausdruck bringen sollte, obwohl seine vorspringende, immer gerunzelte Stirn nicht besonders gut dafür geeignet war. Sie setzten sich wieder hin, packten ihre Sachen, tranken aus ihren Wasserschläuchen und zogen weiter.
Draußen in der offenen Steppe konnten sie mit ihren Schritten weit ausholen. Sie stießen sich mit ihren Speeren ab, sodass sie beinahe rannten und dabei sehr viel schneller vorankamen, als es dem Rudel der Wölfe jemals gelang. Es kam darauf an, immer auf den großen Felsplatten der Ebene zu bleiben, die teilweise direkt aneinanderstießen und nur gelegentlich durch flache, sumpfige Rinnen unterbrochen wurden. Morgens war es einfach, weil der Schnee so hart war, dass sie selbst über diese Rinnen einfach hinwegstiefeln konnten. Doch nach Mittag wurde er weicher, und sie brachen häufiger ein. Knack war so schwer, dass er an Stellen, an denen Dorn kaum bis zu den Knöcheln einsank, bis zur Hüfte im Sumpf verschwand. Unter manchen Schneefeldern gab es verborgene Schmelzwasserbecken, weshalb man ab nachmittags besser auf den Felsplatten blieb. Knack bezeichnete diese Felsbrocken anscheinend als Burren, denn wenn sie über sie hinwegeilten, summte er das Wort vor sich hin: — Burren, Burren, Burren, Burren.
So schnell sie konnten, liefen sie Richtung Norden, mit der Sonne im Rücken. Zusammen kamen sie gut voran. Am fünften Tag erreichten sie das Festgelände, das im Schnee zwar sehr seltsam aussah, aber auch unter der höckerigen weißen Decke unverkennbar blieb. Inzwischen hatten sie ihre Reisegewohnheiten; nur noch selten versuchten sie, miteinander zu sprechen, denn dazu gab es keinen Anlass.
Gelegentlich sah Dorn auf ein Stück Birkenrinde, auf dem er Pippalotts Vogelsichtbild abgezeichnet hatte. Das Gebiet, durch das sie sich jetzt bewegten, war für Dorn Neuland, weshalb die Rindenzeichnung ihr einziger Anhaltspunkt war.
Der Fluss, an dem sie Pippalott zufolge vom Festgelände aus nach Norden ziehen mussten, war noch zugefroren, sodass sie über seine verfärbte Schneedecke eilen konnten, wobei sie mit ihren Speeren prüfend auf das Eis vor ihren Füßen schlugen. So weit im Norden war es selbst zu Mittag noch kalt, und das Flusseis war dick und fest. Die wenigen offenen Stellen, an denen sie vorbeikamen, waren willkommene Trinkgelegenheiten, denn in diesem Land von Schnee und Eis war das Wasser selbst knapp. Und sie waren noch immer weit südlich von ihrem Ziel.
Die zunehmende Kälte ließ sich am besten ertragen, wenn man sich beim Wandern anstrengte, und so hielten sie es. Später kauerten sie sich an kleine Feuer, wenn sie Holz gefunden hatten, oder über Dorns Fettlampe, wenn nicht. Zweimal kamen sie an Seitenarmen vorbei, die fast so breit waren wie der Fluss selbst.
Als sie vom Festgelände aus drei Tage nach Norden gewandert waren, musste Dorn eine Entscheidung treffen. Von nun an konnte es sich praktisch bei jedem Richtung Norden verlaufenden Tal um das handeln, durch das sie ihren Weg fortsetzen sollten, soweit er es aus seiner Rindenskizze ersehen konnte. Da es kein Unterscheidungsmerkmal gab, entschied er sich für das erste große Tal, an dem sie vorbeikamen.
Dieses Tal ähnelte dem Land um die Eiskappen westlich der Urdecha. Allerdings gab es hier weniger Bäume, die noch dazu knorrig und verkrüppelt waren. Die Bäume wurden genutzt: Sie hatten kaum tote Äste, und viele waren auf Hüfthöhe gekappt und aus den Bruchstellen erneut gewachsen. In immer mehr Nächten mussten Dorn und Knack Fett und Dung verbrennen, weil sie nicht genug Holz für ein Feuer finden konnten.
Nachdem sie zwei Tage lang durch dieses karge Tal gezogen waren, überquerten sie einen Pass und fanden sich in einem weiteren Tal wieder, das sich ebenfalls Richtung Norden erstreckte, und noch zwei Tage später lief es in eine weite Ebene aus, die leicht in westlicher Richtung abfiel, genau, wie sie es laut Pippas Karte tun sollte. Die Ebene war von sumpfigen Rinnen und kopfhohen Wäldchen bedeckt, die größtenteils aus Lärchen, Sumpferlen und Zederngestrüpp bestanden. Es war schwieriges Gelände, und unweigerlich folgten sie häufig den Spuren, die zahlreiche Tiere auf der Suche nach dem einfachsten Weg hinterlassen hatten.
— Je schwerer der Weg, desto klarer die Spur, verkündete Dorn jedes Mal, wenn er auf eine dieser erstaunlich häufigen Tierspuren traf. Oft stießen sie erst darauf, nachdem sie sich eine Faust lang oder länger durchs Unterholz gekämpft hatten, und freuten sich immer wieder aufs Neue, selbst wenn es sich nur um Rehspuren handelte, die sich schnell wieder verloren. Jedes Mal wiederholte Dorn das alte Sprichwort, wie schon Pfeifhase vor ihm.
— Schwer Weg, Spur klar, sagte Knack einmal, als er voranging und auf eine Spur stieß.
— Ja, sehr gut, sagte Dorn. — Danke.
— Dange.
Am zweiten Nachmittag ihrer Steppenüberquerung erreichten sie einen Fluss, der zu dieser Jahreszeit ein glatter, weißer Steg war. Einen so breiten Fluss hatte Dorn noch nie gesehen, und er war dankbar, dass sie einfach hinübergehen konnten. Wenn es den Leuten in diesen Landen gelang, ein Floß zwischen so weit auseinanderliegenden Ufern hinüberzuziehen, war das eine gewaltige Leistung.
Nördlich des zugefrorenen Flusses setzten sie ihren Weg fort. Dorn sah oft auf seine Birkenrindenkarte, obwohl sie ihm nur wenig nutzte; der Abschnitt, der für diese Gegend stand, wies praktisch keine Landmarken auf, und er erinnerte sich nicht, dass Pippalott etwas darüber gesagt hätte, wie viele Tagesreisen man brauchte, um vom großen Fluss zu den Hügeln der Nordleute zu gelangen.
Sie fanden es heraus, indem sie weitergingen: drei Tage lang. Am Ende des dritten Tags erhoben sich niedrige Kuppen über den nördlichen Horizont der schneebedeckten Steppe. Am nächsten Tag waren bereits die ganzen Hügel zu sehen. Dann teilten sich die Hügelspitzen in zwei Ketten auf, deren kleinere dunkel und höckerig war, während die höhere gerade und weiß aussah. Über den Hügeln ragte im Norden das Eis auf, genau wie Pippalott es beschrieben hatte. Es war nicht mehr weit.
Nun wandte Dorn sich nach Nordosten und richtete in einem kleinen Erlengestrüpp ein Versteck für sie ein. Er entfachte ein Feuer und hielt es so klein wie möglich, und den wenigen Rauch fächerte er auseinander. Nach dem Essen ließ er das Feuer herunterbrennen, und die Nacht über lagen sie am auskühlenden Glutbett. Am Morgen, als der Schnee hart war, wanderten sie schnellen Schritts nach Norden, ins Hügelland.
Die kleinen Spalten zwischen den Hügeln waren voller Stiefel- und Fußabdrücke, hier und da waren sogar breite Pfade in den alten Schnee getreten. Die niedrigen Bäume in den Spalten waren oft abgehackt. Es bestand kein Zweifel daran, dass sie sich in der Nähe eines Lagers befanden.
Dorn sagte zu Knack: — Das sind die Leute, die Eistaucher und Elga geholt haben. Wir müssen näher rankommen, ohne gesehen zu werden. Ich möchte sie eine Weile beobachten, um herauszufinden, wie sie leben. Dann überfallen wir sie und holen Eistaucher und Elga zurück.
— Girr, sagte Knack.
44
Die Hungermonate verstrichen ohne Hunger. Eistaucher schlug sich den Bauch voll mit den Resten, die die Jende ihm herunterwarfen. Er sah mit an, wie die Nordleute üppig speisten und dabei lautstark den Sommer herbeiriefen, dessen Rückkehr sie offensichtlich ersehnten, obwohl sie ihn nicht so nötig brauchten wie das Rudel der Wölfe, so seltsam das auch erscheinen mochte. Vielleicht lebten sie darum hier. Zehn Monate im Jahr fror man, und in den übrigen beiden versank man in Schlamm und Mücken; aber es gab immer genug zu essen, sogar mehr als genug. Das erklärte vielleicht auch alle ihre Essverbote, sehr viel mehr als beim Wolfsrudeclass="underline" Sie hatten genug zu essen, um wählerisch zu sein. Ihre Frauen durften vieles nicht essen, wobei ihnen manches nur verboten war, wenn sie schwanger waren, und anderes immer: Otter, Löwe, Mammut, Moschusochse; kurz, so sagten die Frauen mit bedeutungsvollen Blicken, all das gute Fleisch. Junge Leute durften nicht die Tierteile essen, die an alte Menschen erinnerten, wie zum Beispiel die Hängebacken der Elche oder Nashornlippen. Murmeltierfleisch durfte niemand essen und niemand die Unaussprechlichen jagen. Trink nicht zu viel Wasser, davon wirst du langsam. Die Regeln nahmen kein Ende und waren für Eistaucher weitgehend unbegreiflich. Da er nur die unbeliebteste Nahrung zu sich nahm, hatte er wenig Sinn für die feinen Unterscheidungen, die sie auf den höheren Plattformen im Haus trafen, oben in der Wärme. Die Gefangenen mussten in der Kälte ausharren, damit sie dumm blieben, so wurde ihm in einer trostlosen Nacht klar, als Schlimmbein besonders heftig pochte.