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Einmal kurz vor der Abenddämmerung wurde Eistaucher noch einmal nach draußen geschickt, um mehr gefrorenen Fisch von der Plattform zu holen. Inzwischen durfte er allein gehen — es gab auch keinen Grund, ihn zu bewachen. Er würde nirgendwohin gehen, davon waren die Jende mittlerweile überzeugt, und es verschaffte ihm ein wenig Vergnügen, sich diesen Eindruck als Handwerksstück vorzustellen, wie einen seiner beschnitzten Stöcke oder die Wandmalereien zu Hause, die ihm manchmal noch immer klar vor Augen traten. Manchmal stellte er sie sich ganz bewusst vor, um sich den prüfenden Blicken der Jende zu entziehen. Roter Bär, schwarzer Bison.

Wenn sie ihn also alleine nach draußen schickten, um etwas zu holen oder um die Abfälle einer Mahlzeit nach unten zum Müllhaufen zu bringen, verborgen unter einem Schneeberg, der im Sommer schmelzen und all den Müll in den Fluss und die große Salzsee hinausspülen würde, versuchte er weiterhin, jedes Mal etwas Nützliches aus dem Haus mitzunehmen und es in seinem Murmeltiernest auf der Geröllhalde am Hügel östlich des Lagers zu verstecken. Am Fuße jenes Hügels gab es zwanzigzwanzigzwanzig Felsbrocken, und die größten waren am weitesten gerollt. Auf diesem gewaltigen Splitterfeld würde niemand sein Versteck finden.

Wenn er zu seinem Felsbrocken rannte, um sein Diebesgut zu verstecken, und anschließend ins Lager zurückkehrte und auch noch die Aufgabe erledigte, mit der man ihn losgeschickt hatte, ging all das so schnell und brachte sein Herz so heftig zum Pochen, dass er sich in diesen Momenten, und nur in diesen, so wach wie früher fühlte. All das war so hektisch und seltsam, dass er das Gefühl hatte, sich in einen Traum zu stürzen, sobald er das Haus verließ.

Wenn er dann wieder im warmen großen Haus war, atmete er langsam und bedächtig, und jeder Atemzug war so bemessen, dass er nach außen Gelassenheit vermittelte. Und tatsächlich half das Atmen ihm dabei, wirklich gelassen zu werden. Er schlief im Stehen, nichts als ein weiterer frierender Gefangener.

Einmal schickte man ihn los, damit er den Nachteimer draußen auf dem Scheißefeld leerte, eine weitere schneebedeckte Fläche, die mit der Schneeschmelze davonfließen würde, und auf dem Weg sah er Elga, die mit einem leeren Eimer in der Hand von eben dort kam.

Sie blieben stehen und blickten sich um. Niemand sonst war in der Nähe. Eistaucher ging auf sie zu und streckte ihr die freie Hand entgegen.

— Sie dürfen nicht sehen, dass ich dich kenne, erinnerte ihn Elga mit schneidender Stimme. — Dann töten sie dich.

— Ich weiß. Ich warte immer noch auf den richtigen Moment. Halt dich bereit.

— Wir brauchen Schneeschuhe, sagte sie.

Eistaucher spürte, wie seine Brust sich mit einem tiefen Atemzug weitete. — Du willst also weg?

— Ja!, antwortete sie nachdrücklich. Als er sah, dass es ihr ernst war, schnürte sich ihm die Kehle zu.

— Schluss jetzt, sagte sie. — Bald werden sie mich suchen kommen. Ich darf nur zusammen mit anderen rausgehen.

Eistaucher nickte. — Halt dich bereit. Und mit einer leichten Berührung am Arm ging er an ihr vorbei, hinunter zum Scheißefeld.

45

Später Frühling: Noch immer war die Welt von Schnee bedeckt, doch langsam begann er zu tauen und wurde harsch und höckerig. An einigen Südhängen entstanden hüfttiefe Mulden. Morgens, wenn der Schnee überfroren war, kam es einem vor, als ginge man über Felsklingen. Es war gefährlich. Später am Tag konnte man auf das spitze Ende eines Höckers treten und ihn genau so platt drücken, dass es sich gut darauf laufen ließ. Und noch später wurde der Schnee so weich und matschig, dass er unter den Füßen zerfiel und man in die tiefer gelegenen Mulden schlitterte, in denen man beim Einbrechen manchmal bis zu den Hüften versank. Schlimmbein erwischte es dabei mehrmals ziemlich übel. Es war erstaunlich, dass der Schnee sich innerhalb von einer oder zwei Fäusten von weißem Fels in wässrigen Brei verwandeln konnte. Nach Einbruch der Dunkelheit wurde er dann ziemlich schnell wieder hart. Der Schnee veränderte sich nicht so schnell wie die Luft, aber immer noch schnell.

Die Vorräte an gefrorenem Fisch und Fett in Robbenhautbeuteln gingen den Jende einfach nicht aus. Sie hatten so viel Fett, dass sie es zum Feuermachen verwenden konnten. Und die Tage wurden länger. Schon bald würde das Eis brechen, und die Erde würde wieder unter dem Schnee hervorkommen. Schon bald würde der Sommer kommen.

Eines Nachts blies der Wind stark aus Richtung Westen, und am Morgen war es bereits so stürmisch, dass man das Tosen selbst im großen Haus hörte. Vor dem Eingangstunnel wurde selbst der alte Frühlingsschnee nach Osten über den Boden gepeitscht. Sie mussten den Eingang verschließen, damit der Wind nicht ins Haus hinauffegte und es wie eine geplatzte Seetangblase auseinanderriss. Eistaucher ging zusammen mit den Männern, die sich darum kümmerten, hinaus, und während sie eine Tür aus Stecken und Häuten zusammenbanden, um den Gang abzudecken, wurden sie immer wieder von starken Böen zu Boden geworfen und schlitterten dabei manchmal, vom Wind getrieben, wie Robben übers Eis. Alle lachten, erschreckt darüber, derart am eigenen Leib die Kraft des Windes zu spüren.

Später, als der Sturm ein wenig nachgelassen hatte, gingen dieselben Männer noch einmal hinaus, um nachzusehen, ob im Lager noch alles in Ordnung war, und auch, um solch außerordentlichen Wind draußen zu erleben. Nachdem sie sich vergewissert hatten, dass alles im Lager fest an seinem Platz war, lehnten sie sich in den Wind und gingen ans Ufer der großen Salzsee. Das Meereis war spurlos verschwunden; sie sahen zu, wie wilde, gebrochene Wellen herandonnerten und brodelnd an den verschneiten Strand brandeten, wo sie schaumige Ausläufer bildeten, die landeinwärts rollten, bis sie sich an Felsen oder Büschen verfingen und verweht wurden. All das war erstaunlich laut; sie konnten einander selbst dann kaum hören, wenn sie sich ins Gesicht schrien. Einige Böen waren so stark, dass sie sich mit dem Rücken zum Wind hinsetzen mussten, und selbst dann wurden sie von den heftigsten noch über den Sand geschoben. Sie konnten einfach nicht aufhören zu lachen.

Inmitten all dessen zeigte einer auf etwas in den Wellen, und einige der anderen standen auf und stemmten sich gegen den Wind, um es zu sehen, die Arme wie Vögel im Gleitflug ausgestreckt oder die Jacken an ihren Köpfen festhaltend. Draußen in den aufgewühlten Wellen trieb einer der riesigen Baumstämme, die sie als Hauspfähle und Küstenmarkierungen verwendeten. Einige der älteren Pfähle waren heute umgestürzt, aber die meisten trotzten dem Wind, wie sie schon so vielen Stürmen getrotzt hatten, und blieben ohne zu wanken an ihrem Platz.