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Als der ganze Himmel sich langsam grau aufhellte, verdoppelte Dorn seine Anstrengungen. — Sie dürfen uns heute den ganzen Tag nicht sehen. Ich weiß nicht, wie viel Vorsprung wir haben, aber sie werden schnell sein.

Das konnten Eistaucher und Elga nur nickend bestätigen. Knack warf sich mit weit ausholenden, schweren Schritten voran. Obwohl er bei jedem Schritt schwer schnaufte, konnte er anscheinend sehr lange so weitermachen. Eistaucher erkannte, dass er nicht viel über die Fähigkeiten der Alten wusste. Natürlich erinnerte er sich nach wie vor nur zu gut an die Begegnung mit ihnen auf seiner Wanderschaft, und allein der Gedanke daran trieb ihn weiter vorwärts. Er war den Alten entkommen, aber ihm war nicht klar, was das über sie aussagte. Ihm wurde klar, dass er von allen Tieren der Welt am wenigsten über das wusste, das dort neben ihnen einhereilte. Aber vielleicht lag das auch nur daran, dass die Alten sich am sorgfältigsten versteckten: Sie wollten nicht, dass man etwas über sie wusste.

Doch die Jende kannte Eistaucher. Auf Schnee liefen sie sehr schnell, wenn es ihnen darauf ankam. Natürlich waren in allen Rudeln die Jäger schnell und ausdauernd; das gehörte dazu, ein Jäger zu sein. Doch die Jende, die jeden Sommer loszogen und mit ihren nördlichen Nachbarn im Zwist lagen, waren schnell, und sie waren den Schnee gewohnt. Im Schnee fühlten sie sich zu Hause, und so waren sie überall zu Hause, wo Schnee lag, und kamen schneller darauf voran als Leute von anderswo. Das befürchtete Eistaucher zumindest.

Und sie hatten Wölfe, die sie auf ihre Beute hetzen konnten.

Sechster Teil

Gejagt

46

Im Osten war der Himmel rot, während er über ihren Köpfen ein Grau angenommen hatte, von dem sich bald herausstellen würde, ob es sich um klaren Himmel oder dünne Wolkenschleier handelte. Dorn wies sie an, in einer Mulde im Schnee haltzumachen, in der es einen kleinen Steinwall gab, hinter dem sie sich verstecken konnten. Dort blieben sie, bis der Himmel taghell war. Die Wolkenschleier verzogen sich, und schon bald stieg die Sonne über den Horizont. Dorn bedeutete ihnen, sich geduckt zu halten, während er zurück nach Norden spähte, wobei er ein Stück Pelz über seinen Kopf hielt und mit den Händen zur Seite streckte, sodass er aus der Ferne nur wie ein kleiner Huckel in der Landschaft aussah. Regungslos hielt er Ausschau. Dann fauchte er und zog langsam den Kopf ein.

— Sie sind da, sagte er. — Sie kommen hier entlang, und sie haben angeleinte Wölfe dabei. Wahrscheinlich sind sie uns auf der Spur. Wir müssen weiter.

— Sehen sie uns dann?

— Ja. Heute müssen wir ihnen davonrennen und sie dann in der Nacht endgültig abhängen.

Er sah sie nacheinander an. — Wir müssen schnell sein. Wenn wir den ganzen Tag schnell laufen, können sie uns nicht einholen. Wir sind schließlich nicht die Einzigen, die dieses Tempo ermüdet. Wir müssen sie müde machen. Wir müssen schnell genug sein, um selbst dann auf Abstand zu bleiben, wenn sie losstürmen. Wir müssen ihr Renntempo länger durchhalten als sie, und das Tempo, das sie danach anschlagen, müssen wir auch länger durchhalten. Verstanden?

— Was, wenn sie ihre Wölfe auf uns loslassen?

— Dann töten wir die Wölfe, und sie haben keine Fährtenleser mehr. Außerdem können sie ihre Wölfe so weit weg von zu Hause vielleicht gar nicht von der Leine lassen, ohne dass sie ihnen wegrennen. Wenn wir auf Abstand bleiben, dann können sie sie wahrscheinlich nur als Fährtenleser verwenden.

Eistaucher und Elga nickten. Als Knack das sah, nickte auch er, brummte und sagte: — Skai, skai, skai.

Dorn holte einen Beutel Nüsse aus seinem Rucksack und gab jedem von ihnen fünf. — Wir essen im Rennen. Auf geht’s.

Sie verließen ihre Mulde und rannten auf ihren Schneeschuhen in Richtung des ersten, zugeschneiten Flusses. Sie hörten hinter sich keine Rufe, aber an Dorns Bewegungen war zu erkennen, dass er davon ausging, dass ihre Verfolger sie sehen würden. Anstatt gleich das Eis zu überqueren, lief er darauf flussaufwärts, ehe er sich für einen Kurs entschied und auf den ersten Hügel einer sich südwärts erstreckenden Kette zuhielt.

Sie müssten ihren Verfolgern zeigen, dass sie nicht zu fangen waren, weder mit einem plötzlichen Sprint noch auf lange Sicht. Mit einer Frau dabei wäre das normalerweise nicht leicht gewesen, doch Elga war stark. Sie konnte problemlos mit den Männern mithalten. Bei Knack ließ sich schwer sagen, ob ihm das Tempo zu schaffen machte, weil er beim Rennen so schwer schnaufte, dass sein Atem wie eine Art Singen klang. Aber man sagte den Alten nach, dass sie aus härterem Holz geschnitzt wären als die meisten anderen Leute, und Knack wurde jedenfalls nicht langsamer und schien auch nicht zu ermüden. Bei Dorn ließ sich schwer feststellen, ob er durchhalten würde. Derzeit gab er die Geschwindigkeit noch vor. Manche alten Männer entwickelten eine ledrige Zähigkeit, vor der Jüngere kapitulieren mussten, und es hätte Eistaucher nicht verwundert, wenn Dorn dazugehörte.

Es konnte also gut sein, dass Eistaucher der Langsamste in ihrer kleinen Truppe war. Der Gedanke verbitterte ihn, doch während sie Faust um Faust dahineilten, wurde ihm klar, dass dem tatsächlich so war. Schlimmbein würde es mit Sicherheit nicht gefallen, den ganzen Tag zu rennen, auch nicht mithilfe des Erlengehstocks, den Eistaucher bereits auf den Namen Drittbein getauft hatte, in der Hoffnung, dass dieser lahme Witz ihm etwas Antrieb geben würde. Drittbein würde seinen Teil beitragen müssen, das stand fest.

Den ganzen Tag über rannten sie. Bei Eislöchern, an die sie gefahrlos herankamen, machte Dorn halt, damit sie die Gesichter ins Wasser tauchen und trinken konnten, und bei diesen Gelegenheiten verteilte er auch einige Nüsse und etwas getrocknetes Fleisch und Honigkornkekse, die sie bereits wieder im Laufen aßen. Sie machten nie lange Pausen, aber alle ein oder zwei Fäuste fand Dorn einen Anlass, kurz innezuhalten. Sie liefen so schnell, wie Eistaucher konnte; er wusste nicht, ob es den andern genauso ging, und er wollte auch nicht fragen.

Am Nachmittag wurde der Schnee weicher, und sie hielten an, um erneut ihre Schneeschuhe anzuziehen. Dadurch würden sie mit Sicherheit Spuren hinterlassen, denen die Jende folgen konnten. Doch dafür waren die Jende auf zerbrochenen Schneeschuhen unterwegs, mit denen sie nicht so schnell laufen konnten.

Nur selten bekamen sie ihre Verfolger zu Gesicht. Einmal hörten sie ein entferntes Heulen von einem Menschen oder Wolf, als hätten die Jende ihre Spur zwischenzeitlich verloren gehabt und nun wiederaufgenommen. Dann und wann wollte Dorn ihre Verfolger sehen, um zu wissen, wo sie waren, deshalb rannte er auf ihrem Weg durch die Steppe manchmal auf kleine, baumbestandene Hügel oder Anhöhen im trunkenen Wald, um Stellen zu suchen, an denen die Bäume einen Sichtschutz bildeten, von dem aus sie sehen konnten, ohne gesehen zu werden. Dreimal entdeckte Dorn den Trupp der Jende, und beim dritten Mal sagte er: — Sie schicken zwei mit den Wölfen los, um uns zu überrumpeln.

So jagten Wölfe manchmal Rentiere, indem sie sie erst ermüdeten und ihnen dann so lange nachsetzten, bis das schwächste Tier zurückfiel. Dagegen blieb ihnen nur die Verteidigung, zu der auch die Rentiere griffen: Sie mussten zusammenbleiben und ihren Vorsprung wahren. Manchmal, erinnerte sich Eistaucher, machte der männliche Anführer der Herde auch kehrt, um die Verfolger abzuschrecken. Und Dorn sah nachdenklich aus, während sie den langen Nachmittag hindurch südwärts hetzten. Bei jedem Wasserlauf, den sie überquerten, nahm er die gefährlichste Route, ging so nah, wie er es gerade noch wagte, an Eislöchern vorbei übers nackte Eis. Vielleicht hoffte er, dass ihre Verfolger schwerer waren und einbrechen würden. Eistaucher folgte ihm gerade über einen dünnen, brüchigen Streifen durchsichtigen Eises, als ihm dieser Gedanke kam, und er eilte nach vorne, um Dorn zu sagen, dass er sich täuschte, wenn er glaubte, die Jende auf dem Eis zu einem Fehler verleiten zu können, weil die Jende sich auf dem Eis besser auskannten als irgendjemand sonst. Dorn knurrte ihn bloß an, aber er versuchte es nicht noch einmal mit einem solchen Trick. Seine Stirn lag ab da in tiefen Falten.