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Schließlich ging die Sonne im Westen unter, und als die Sterne hervorkamen, krochen sie unter tief hängenden Ästen hindurch in ein Erlendickicht. Nun würden die gefangenen Wölfe sie angreifen können. Allerdings waren die wohl noch nicht losgelassen worden, denn dann hätten sie sie inzwischen eingeholt.

Als sie sich in ihre Pelze gewickelt hatten, sagte Dorn zu Eistaucher: — Bleib hier bei Elga. Dann nahm er Knack am Arm, und die beiden machten sich mit ihren Speeren auf den Weg Richtung Norden. Als sie ein bis zwei Fäuste später wieder auftauchten, hatten sie es eilig zu verschwinden.

— Es geht wieder die ganze Nacht weiter, sagte Dorn. — Wir haben einen von ihrer Vorhut getötet. Der andere ist davongekommen, aber er weiß nicht, wie viele wir waren. Heute Nacht werden sie also vorsichtig sein. Sehen wir zu, dass dies die Nacht ist, in der wir entkommen.

— Sie können uns trotzdem auf der Spur bleiben, sagte Eistaucher.

— Das wollen wir mal sehen.

Der zunehmende Mond stand eine Nacht weiter im Osten, war um eine Nacht fetter; in seinem Licht wanderten sie durch die immer schärfer werdende Kälte. Im Mondlicht schienen die Sterne trüb. Der harte, glitzernde Schnee quietschte unter ihren Füßen. Sie hatten die Sumpfebenen am Ausfluss des großen Tals erreicht, und angesichts der schiefen Bäume und der glatten schwarzen Flecken, die sie überall sahen, zogen sie ihre Schneeschuhe wieder an, um ihr Gewicht auf dem vermutlich dünnen Eis, das sich möglicherweise erst in der Nacht gebildet hatte, besser zu verteilen. Mit Seilen hätten sie sich auf solchem Gelände zusammenbinden können, doch weil sie keine dabeihatten, blieb ihnen nichts weiter übrig, als das Beste zu hoffen. Knack ging hinter Dorn, und da er deutlich schwerer als die anderen war, würde alles, was ihn trug, wohl auch Elga und Eistaucher halten. Andererseits konnte es auch Stellen geben, die nur zwei Personen hintereinander verkrafteten und bei der dritten brachen, weshalb Eistaucher und Elga dicht genug beieinanderblieben, um dem anderen beizuspringen.

Glücklicherweise stellte sich heraus, dass die schwarzen Stellen ebenso fest gefroren waren wie das weiche Eis und dass man vor allem deshalb besser einen Bogen um sie machte, weil sie glatt waren. Dorn mied sie, wo immer möglich, und wenn er eine überquerte, merkten sie, wie viel besser ihr Halt mit den Schneeschuhen war. Auf dem schwarzen Eis konnte man sogar ein wenig dahingleiten. Besser war es allerdings, auf dem weißen Schnee zu bleiben, selbst wenn er so fest wie das Eis und an manchen Stellen fast genauso eben war. Es war, als böte das Weiß an sich dem Fuß einen Halt.

Wenn sie auf Flüsse trafen, die nach Süden verliefen, folgten sie ihnen schlitternd und kamen dabei gut voran. An Land waren sie nicht so schnell. Dorn schlug immer einen geraden, oft ansteigenden Kurs Richtung Süden ein. Am besten war die Gestalt des Lands im Mondlicht zu erkennen. Unter der unebenen Schneedecke zeichnete sich deutlich jeder Muskel der Hügel ab, und der Schnee schien unter dem von winzigen Lichtern übersäten schwarzen Himmel selbst schwach zu leuchten. Durch diese weiche Haut stießen die schwarzen Felsausläufer wie erhobene Visel, und gefrorene Wasserfälle zogen sich wie Spritzmilch durch die Schluchten. Männliche Säulen oder weibliche Rundungen, das Land, das dort in Mondlicht und Schatten lag, hatte Verkehr mit sich selbst. So war es immer, seit den alten Zeiten: Mutter und Vater waren ursprünglich ein Ganzes, waren eins, ehe sie sich durch den Streit darüber, wie die Dinge sein sollten, entzweiten, einen Streit, der nie beigelegt werden sollte. Während sie unter dem Mond weiterhuschten, rief sich Eistaucher so viel wie möglich von Dorns Geschichte über den Anbeginn der Welt in Erinnerung. Einst hatte es im Nichts ein Ei gegeben, das mit einer Person angefüllt gewesen war, und diese Person trug alle Teile und Eigenschaften der Welt in sich, und sie pickte sich aus ihrer Eierschale und floss heraus und wurde zu allem. Der Himmel ist das größte übrig gebliebene Stück Eierschale, die Sonne der Rest des Dotters, die Erde und alles auf den Erdteilen gehörten zum Eiweiß. Rabe pickte auf dem Eiweiß herum, bis alles zu sich selbst wurde.

Eistaucher wusste, dass er den Großteil der Geschichte vergaß. Er fragte sich, ob es ihm jemals gelingen würde, die Geschichten so gut im Gedächtnis zu behalten wie Dorn. Anscheinend nicht. Eine ganze Weile lang hatte ihm diese Wahrheit schwer auf der Brust gelegen, als steinerne Last, und jetzt musste er sie loslassen, damit er besser laufen konnte. Das war ein Problem für andere Zeiten. Im Moment genügte das wenige, woran er sich erinnerte. Im Moment bestand ihre Geschichte aus ihrer Wanderung.

Seltsamerweise hatte man, selbst wenn man durch die Nacht eilte, noch Zeit, an andere Dinge zu denken. Keiner dieser Gedanken schien eine große Rolle zu spielen, doch trotzdem huschten sie ihm durch den Kopf wie Geister, die er abstreifte, noch während er sie heraufbeschwor, weil sie im Moment ohne Bedeutung waren. Nichts außer ihrer Wanderung war von Bedeutung, und so mussten die geschwätzigen Gedanken vor allem dazu dienen, mit Schlimmbein fertigzuwerden. Manchmal taten sie das, weil sie ihn ablenkten, wie Eichhörnchen auf einem Ast über seinem Kopf. Bei anderen Gelegenheiten benötigte er seine ganze Konzentration, um richtig auf dem linken Fuß aufzukommen, ihn möglichst wenig zu belasten und möglichst schnell wieder auf das standhafte, verlässliche Gutbein zu kommen. Wenn Gutbein jemals unter diesen Belastungen nachgeben sollte … ein fürchterlicher Gedanke. Doch bislang ließ ihn Gutbein nicht im Stich, schritt kraftvoll und ohne Schmerzen aus. Auf Gutbein war Verlass. Und wenn er dann tief in den Rhythmus dieses veränderten Laufens gefunden hatte, war es vielleicht in Ordnung, sogar gut, wenn seine Gedanken in die Vergangenheit oder Zukunft schweiften, sich anderen Sorgen zuwandten, wie ein Feuerstock um sich selbst kreisten. Unter anderem konnte er so ignorieren, dass Schlimmbein immer wieder aufkreischte.

Sie setzten ihren Weg fort, und Eistaucher wurde immer müder. Als der Mond unterging, machte Dorn an einem Eisloch halt, um sie trinken und ein paar Honigkekse essen zu lassen. Anschließend wanderten sie im Licht der Sterne, die nun überall aus dem tiefer werdenden Schwarz auftauchten. Es war jetzt schwerer, etwas zu sehen. Sie mussten besser auf den Schnee achten, wirklich aufmerksam zu Boden blicken, und erkannten manchmal trotzdem nicht, in welche Richtung er sich neigte oder wie glatt er war. Man musste das Land mit den Füßen ertasten.

Nachdem sie eine ganze Weile derart blind gewandert waren, spürte Eistaucher im letzten Abschnitt der Nacht, als die Eiseskälte am stärksten war, dass sein zweiter Atem in ihn eingefahren war, ohne dass er es bemerkt hatte. Er war jetzt stärker, leichter, zäher; er konnte weiterlaufen, und er hatte sogar das Gefühl, für immer weiterlaufen zu können, oder zumindest so lange wie nötig. Für den Rest seines Lebens mit diesen drei Gefährten weiterziehen zu können, ohne je zu ermüden. Manchmal fühlte es sich so an, wenn der zweite Atem einen überkam und der eine zum anderen sagte: Lass uns den ganzen Tag wandern und es dann bereden.

Es war ein gutes Gefühl. Fast immer empfand er enorme Dankbarkeit, wenn der zweite Atem ihn erfüllte, hieß ihn mit einem kleinen Hüpfer und einem Lied willkommen, und diesmal war er dankbarer denn je. Es fühlte sich so gut an, wenn Benommenheit und Schwäche einer tiefen inneren Stärke wichen.

Also schritt er weiter aus und stieß Drittbein dabei fest in den Boden. Er trat an Elgas Platz in der Reihe, lief dann mit einem knappen Hallo an Knack vorbei und gab mit einer Kopfbewegung seiner Hoffnung Ausdruck, Knack werde sich zurückfallen lassen und hinter Elga laufen, nur zu ihrer Sicherheit. Knack stimmte girrend zu, auch wenn nicht ganz klar war, zu was, und Eistaucher schloss zu Dorn auf.