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Gemeinsam erreichten sie eine Flussbiegung, die an die großen Schleifen der Urdecha erinnerte.

Während sie über das Eis gingen, sagte Dorn: — Wir sind beinahe an dem großen Fluss, der durch das Tal fließt. Ich hoffe, dass sein Eis noch nicht gebrochen ist. Es dürfte fast schon an der Zeit sein. Selbst auf diesen Seitenarmen wird das Eis dünn. Heute ist der achte Tag des sechsten Monats. Im Süden ist das Flusseis inzwischen fortgespült. Weit kann es bis dorthin nicht mehr sein.

— Sollten wir denn dann überhaupt die Flüsse überqueren?

— Wir müssen sie überqueren! Außerdem will ich wissen, in welchem Zustand sie sind. Wenn wir über den großen gehen und er danach bricht … er beschleunigte seinen Schritt etwas.

Eistaucher überließ Dorn die Führung und folgte. Dorn war jetzt auf der Jagd, und Eistaucher wollte ihn nicht dabei stören, und außerdem wollte er sich seinen zweiten Atem für die weite Strecke, die noch vor ihnen lag, einteilen. Als er zurückblickte, sah er, dass Knack direkt hinter Elga lief und sie beide dicht hinter ihm waren. Elgas Miene war konzentriert, zu Boden und nach innen gekehrt: Sie war ein Geschöpf der Nacht, das sein Dasein hier draußen ernst nahm, und noch weniger gesprächig als sonst. In einer kurzen Pause blickte sie zu Eistaucher, und er hatte den Eindruck, dass sie einfach durch ihn hindurchsähe. Diesen Fluchtversuch hatte sie nicht erwartet, das erkannte er; sie war überrascht und erinnerte ihn darin an die Jende, als sie es von ihrem Eisfloß heruntergeschafft hatten. Sie hatte nicht damit gerechnet zu leben. Jetzt würde sie entkommen oder sterben.

Bald nach Sonnenaufgang, im nackten Gelb des Morgens, weitete sich der Flusslauf, dem sie während der letzten paar Fäuste stromabwärts gefolgt waren, und sie überquerten ein zugefrorenes Becken oder eine überflutete Wiese in der Nähe der Stelle, an der ihr Wasserlauf in den großen Fluss mündete. Dorn bog ab und stieg auf eine kleine Anhöhe hinauf, von der aus man eine weite Sicht hatte, und während Eistaucher ihm folgte, wurde ihm bewusst, wie erschöpft seine Beine waren. Selbst die kleine Steigung raubte ihm fast die letzten Kräfte. Und sobald sie über den Fluss waren, würde es nur noch bergauf gehen.

Von der Erhebung aus konnten sie den Blick weit über den Fluss schweifen lassen. Er war noch weiß, aber an vielen Stellen ragten riesige Platten senkrecht eindrucksvoll in die Höhe. Und das Eis erhob seine Stimme. Ein tiefes, gedehntes Grollen erfüllte die Luft, wie Donner, der, durch die Eisschicht gedämpft, aus dem Fluss emporstieg. Dazwischen ertönte dann und wann ein lautes Knacken oder ein gedehntes, knisterndes Geräusch, ein Sirren in der Luft. Immer wenn ein solches Knistern und Sirren zu hören war, folgte ein Ächzen. O ja: Das Eis hier würde schon bald brechen, davon kündeten unmissverständlich all diese Geräusche, auch wenn sich noch nichts bewegte.

Dorn blickte zurück Richtung Norden und deutete mit dem Finger auf einen Krähenschwarm, der dicht am Horizont über einer Stelle kreiste.

— Lasst uns jetzt den Fluss überqueren, sagte Dorn. — Keine Zeit zum Verschnaufen. Wir gehen hinüber, steigen auf der anderen Seite auf einen Hügel und sehen uns alles Weitere an.

Also machten sie sich auf den Weg über den Fluss. Sie gingen mit gleitenden, behutsamen Schritten. Wenn sie Bänder aus schwarzem Eis überquerten, sahen sie eingeschlossene Blasen unter der glänzenden Oberfläche, und unter den Blasen konnte man manchmal kurz etwas in der Tiefe erkennen — entfernte Andeutungen von grünem Gras, das sich in der Strömung wiegte, oder das Aufblitzen einer Forelle. Flussabwärts waren das Knacken und die knisternden Geräusche lauter denn je, und Eistaucher stockte der Atem; so begann es — noch vor dem Aufbrechen breitete sich das Getöse flussaufwärts aus.

Dorn senkte bloß den Kopf und ging schneller. Sie trugen noch immer ihre Schneeschuhe, und manchmal gingen sie über schwarze Stellen, die so glatt gefroren waren, dass sie nass aussahen. Das ältere, weiße Eis war sehr viel höckriger. Mit rudernden Armen schubberten und rutschten sie so schnell sie konnten voran. Eistaucher stieß sich mit Drittbein ab. Die anderen hielten sich so dicht bei Dorn, wie es ihnen sicher erschien, jeder ein paar Körperlängen hinter dem Vordermann, wobei Eistaucher ganz hinten ging. Er achtete darauf, Abstand zu Elga zu wahren, sich aber nicht zu weit zurückfallen zu lassen.

Da der Fluss so breit war, brauchten sie lange, um hinüberzukommen. Als sie das andere Ufer erreichten, waren sie alle völlig aus der Puste. Sie waren um ihr Leben gerannt, und das spürten sie nun. Nachdem sie einen Moment lang Atem geschöpft und gewartet hatten, dass ihr Herzschlag sich beruhigte, führte Dorn sie zu einem kleinen Vorsprung, der in den Fluss hinein- und etwa zwei Mannshöhen über die Wasseroberfläche ragte.

Dort oben legten sie ihre Rucksäcke ab, zogen ihre Lederlappen hervor, banden ihre Schneeschuhe los, legten die Lappen auf die Schuhe und setzten sich darauf. Sie atmeten noch immer schwer. Dorn zwang sie, aus seinem Wasserschlauch zu trinken, und sie kramten in ihren Beuteln herum und aßen Nüsse, Trockenfleisch und Körnerkekse. Dabei stellten sie fest, dass sie abgesehen von einigen Beuteln Öl, die Dorn mit sich trug, nicht besonders viel zu essen hatten; aber mit diesem Problem würden sie sich später befassen. Im Moment waren sie ausgehungert, und sie mussten viel essen, um im gleichen Tempo wie bisher weiterzumachen. Also aßen sie.

Im Norden war keine Bewegung zu sehen, mit Ausnahme eines Otterrudels, das stromaufwärts am gegenüberliegenden Ufer herumtollte, als wäre es ein Tag wie jeder andere, als stünde der Fluss nicht unmittelbar davor, unter ihren Füßen aufzubrechen. Als Dorn das sah, machte er ein finsteres Gesicht, und nach einer Weile erhob er sich und führte einen kleinen Tanz auf, während er das Lied des brechenden Eises sang:

Der Frost muss frieren, das Eis die Flüsse kleiden, Einer allein löst des Eises Fessel Und treibt den langen Winter aus. Gutes Wetter wird kommen, Ein heißer Sonnensommer. Großes Salzmeer, Land der Toten, Damit du das Eis brichst, verbrennen wir Hülsdorn. Nimm ihn zurück, wir brauchen ihn nicht, Stoß die Sonne herauf, brate die Luft, Lass unter dem Eis das Wasser rasch strömen, Fülle die Schluchten, Fall herab am Felsen, Fülle, Wasser, fülle Jede Rinne, lauf über, Von unten drück weg Den Altschnee und Dreck. Fülle von oben Ein stürzender See Wie der Finger im Handschuh, Wie das Kind im Schoß Aus dem Innersten gepresst wird. Jetzt heißt es drücken und pressen Und pressen und pressen, Mutter Erde weiß, Mutter Erde presst, Ein Zucken ein Krampf Ein Knoten ein Pressen Geh in ihre Höhle und sage es ihr, Brich, Eis, brich jetzt! Brich, Eis, brich jetzt!

Der Fluss lebte, sie hörten seinen Puls. Unter seiner weißen Schneedecke, unter dem nackten Eis, das sich über ihm auftürmte, drückte er nach oben, angeschwollen von der Frühjahrsschmelze. Sie sahen, wie sich Schnee und Eis hier und dort verschoben oder plötzlich aufbäumten, wo die Platten in der Sonne blitzend kippten oder Risse zwischen neuen Platten aufplatzten, als wären sie mit unsichtbaren Sehnen zusammengenäht. Wasser strömte aus diesen Nähten und ließ das Eis stromabwärts blau in den Himmel blinzeln.

Dorn sang mit heiserer Stimme, tanzte, ohne die Füße zu bewegen, deutete den Tanz an, ohne ihn auszuführen. Er sprach mit dem Himmel. Der Fluss antwortete donnernd. Sowohl stromaufwärts wie stromabwärts donnerte seine Stimme. Aber er wollte nicht brechen.