Sie wussten alle, dass Eis manchmal tagelang in einem solchen Zustand verharrte, Faust um Faust, Tag um Tag hielt, bis es endlich wirklich brach und auf einem tosenden Schwall schwarzen Wassers flussabwärts geschwemmt wurde. Es war der Sommerorgasmus des Flusses, ein prachtvolles Spritzen. Nie zuvor war es ihnen darauf angekommen, wann genau es sich ereignete. Doch jetzt, als sie sahen, wie das Eis trotz allem hielt, war die Anspannung eine Qual. Bei einem so großen Fluss mochte es trotz allen Krachens und Knackens lange dauern. Und jetzt sah Eistaucher auf der anderen Seite des Flusses, weit im Nordwesten, Punkte, die sich bewegten. Er zeigte darauf, und Dorn hielt in seinem Tanz inne. — Kommt, sagte er grimmig. — Scheiß auf die Götter. Wir müssen weiter.
Eistaucher ächzte wie der Fluss. Er stellte sich hin und belastete probehalber Schlimmbein. Es fühlte sich noch immer schmerzhaft an. Er schlang sich den Rucksack über die Schultern, die unter den Gurten wund gescheuert waren.
Und weiter ging es.
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Nun führte ihr Weg sie bergauf, in die Nachmittagssonne, die blendend hell vom nassen Schnee zurückgeworfen wurde, sodass Eistaucher die Augen fast ganz zukneifen musste. Er hatte das Gefühl, mit dem ganzen Körper zu blinzeln, und trotzdem musste er weiter in den Lichtsturm hineinrennen.
Doch sie wurden nicht langsamer. Eistaucher fand wieder zu seinem zweiten Atem zurück, Steigung hin oder her. Und auf dem Weg bergauf benahm Schlimmbein sich sehr viel besser. Eistaucher trat mit den Schneeschuhen genau in die Spuren, die Knack und Dorn hinterließen; und Knack trat fast immer in Dorns Spuren, sodass es fast aussah, als wäre hier nur eine Person unterwegs gewesen. Irgendwann begann Eistaucher, Knacks Spuren zu folgen, wenn beide voneinander abwichen, da der Schnee in ihnen härter war; außerdem fiel ihm langsam auf, warum Knack sich bei seinen Abweichungen stets weiter oben hielt. Er wählte immer den Weg mit der sanftesten Steigung. Eistaucher hatte mit einem Mal das Gefühl, Knack durch das Verfolgen seiner Schritte besser zu verstehen, als es ihm jemals im Gespräch gelungen war.
Elga blieb ihm dicht auf den Fersen. Sie sah durstig aus und wanderte mit gesenktem Kopf, die Augen beinahe geschlossen, während sie die Schneeschuhe vorsichtig in die Spuren vor ihr setzte.
Dorn hielt auf einen schwarzen Hügel zu, der aus dem weißen Meer herausragte. Als sie sich ihm näherten und dabei auf dem zunehmend weichen Schnee langsamer wurden, sahen sie, dass er der Beginn einer nach Süden verlaufenden Hügelkette war, die den Westrand eines Tals bildete, das Eistaucher als das zu erkennen meinte, durch das er und Elga gekommen waren, als die Jende sie nach Norden gebracht hatten. Mit Sicherheit ließ sich das jedoch nur schwer sagen.
Dorn wollte auf dem Grat entlanglaufen, damit sie keine Fußabdrücke mehr im Schnee hinterließen. Weiter im Süden würde es noch mehr schneefreien Boden geben, erklärte er, weshalb es ihnen mit etwas Glück gelingen mochte, den Grat auch spurlos zu verlassen und ihren Weg fortzusetzen. Eistaucher und Elga nickten und senkten erneut die Köpfe, um Dorn und Knack auf die kahle Anhöhe zu folgen.
Als sie den ersten aus dem Schnee ragenden Felskamm erreichten, wurde jedoch schnell klar, dass der Weg über den Grat weit beschwerlicher sein würde als der über die verschneite Ebene. Allein schon, um hinaufzukommen, mussten sie Stufen in einen steilen Schneehang treten, bis sie schließlich eine Geröllrampe erreichten, über die sie auf den Grat gelangen konnten. Inzwischen fiel ihnen jede zusätzliche Anstrengung schwer, und Eistaucher spürte, wie in seinen Unterschenkeln Krämpfe aufflammten. Aber es war entscheidend, dass sie von dem Schnee herunterkamen, also stapften sie schnaufend, ächzend und schnalzend voran. Dicht am Fels war der Schnee besonders morsch; man musste aufpassen, um nicht in eines der Löcher zu stürzen, die er verdeckte. Manchmal genügte ein einziger Schritt. Eistaucher, dem der Schweiß in den Augen brannte, mühte sich durch den Matsch empor, dessen Weiß an den Rändern schwarz zu pulsieren schien.
Schließlich standen sie keuchend und schwitzend am Anfang des Grats. Der Weg vor ihnen ging bergauf, und als sie zurückblickten, konnten sie bis zum großen Fluss sehen. Hinter ihnen war noch alles weiß, doch vor ihnen im Süden war der schmelzende Schnee bereits von vielen dunklen Flecken durchzogen. O ja: Beinahe hatten sie schon die Steppe und die vertrauten Landstriche erreicht, wo sie den Höhenwegen folgen, sich unter die Tiere, ihre Brüder und Schwestern, mischen und mit den Wäldern eins werden konnten. Sie setzten sich hin, zogen ihre Schneeschuhe aus und banden sie wieder an ihre Rucksäcke.
Doch dann streckte Knack den Finger aus: Dort waren die Eisleute, wie kleine schwarze Punkte, die den Fluss überquert hatten und nun über die verschneite Ebene rannten. Von hier aus wirkte der Fluss noch weiß und still, allerdings konnten sie sehen, dass er weit im Westen bereits schwarz geworden war. Dennoch hatten die Jende es herübergeschafft und folgten ihnen noch immer. Dorn wies auf etwas Interessantes hin: Anscheinend waren die gefangenen Wölfe fort. Entweder man hatte sie zurückgebracht, oder sie waren weggelaufen. Dorn freute sich über die Entdeckung. Aber während sie die kleinen schwarzen Punkte beobachteten, wurde ihnen zugleich deutlich, dass die Jende nun die Wölfe waren, die Hyänen, Raben oder auch Leute; so oder so gehörten sie zu jener Sorte Jäger, die ihre Beute bis zur Erschöpfung verfolgte und dann zum Todesstoß ansetzte. Raben führten Wölfe oder Menschen sogar zu verwundeten Tieren, die sie aus der Luft gesehen hatten, um später das Aas fressen zu können, das die Jäger zurückließen, nachdem sie das Tier getötet und verzehrt hatten.
Eistaucher war noch nie zuvor in dieser Weise gejagt worden. Möglich, dass das für sie alle galt; doch als er Knack beobachtete, der zu den Jende blickte, begriff er, dass der Alte das hier schon einmal durchlebt hatte und nicht überrascht war. Knack summte kurz etwas bei sich und musterte dann neugierig Dorn und Elga und Eistaucher. Mit einer Kopfbewegung fragte er: Zeit, zu gehen?
Dorn starrte weiter auf die Punkte hinab und überschattete die Augen mit seiner Hand. Schließlich atmete er einmal schwer ein und aus.
— Warten wir, ob uns dieser Grat weiterhilft. Die müssen auch irgendwann müde werden. Wenn sie den Grat hochkommen und uns nicht sehen, uns überhaupt nicht mehr entdecken und keine Spur haben, der sie folgen könnten, dann wissen sie nicht, wo wir den Kamm verlassen haben. Dann werden sie aufgeben.
Knack tat so, als äße er etwas, und betrachtete seine Leere Hand.
— Ich weiß, sagte Dorn zu ihm. — Zweiter Atem.
— Mein zweiter Atem war schon bei mir, sagte Eistaucher.
Dorn musterte ihn. — Dann der dritte Atem. Manchmal muss er einfach kommen. Wie zum Beispiel jetzt.
Er lächelte angespannt. — Dafür leben wir! Für Tage wie diesen! Also kommt.
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Der breite Grat des Hügelkamms war tatsächlich in gewisser Weise schwierigeres Gelände als die verschneite Ebene, aber es war trotzdem gut, von dem Schnee herunter zu sein und mit den Füßen wieder sicheren Halt zu finden. Auch auf dem Kamm gab es kleine Schneeflecken, und links und rechts von ihnen waren breite Hangstücke noch weiß, aber um die machten sie einen Bogen und suchten sich ihren Weg von Fels zu Fels.
Auf dem Kamm ging es wie gewöhnlich auf und ab, doch insgesamt stieg er an. Manchmal wurde er auch schmaler. Größtenteils handelte es sich um einen schrundigen, zwanzig oder mehr Schritt breiten Weg aus schwarzem, flechtenbewachsenem Fels, doch hier und da verengte er sich zu einer Kante, die nicht breiter als ihre Füße war und zu deren beiden Seiten es steil hinabging. An diesen Stellen ließ Eistaucher sich auf Hände und Knie nieder und kroch, weil er sich nicht darauf verlassen wollte, dass Schlimmbein ihn trug. Manchmal krochen auch die anderen drei.