Er musste einfach jeden Schritt mit dem linken Bein so gut wie möglich platzieren. Gerade ins Loch hinabtreten, sich dann in den Schmerz hineinlehnen, wenn möglich festen Halt finden; dann zur Erholung kurz aufs rechte Bein und alles tun, um sein ganzes Gewicht darauf zu verlagern. Schritt für Schritt, wobei die Strafe für weichen Schnee oder einen Fehltritt ein erneutes Stechen war.
Er schwitzte heftig vor Anstrengung und Schmerz. Dann und wann hielt er inne, um ein wenig nassen Schnee in den Mund zu nehmen, der ihm Zähne und Gaumen kühlte und seinen ausgedörrten Mund und seine Kehle kurz befeuchtete. Er spürte deutlich, dass es ihm inzwischen an Flüssigkeit mangelte, und wusste, dass das einer der Gründe für die Krämpfe in seinen Beinen war. An der nächsten Wasserstelle würde er trinken, bis er einen runden Bauch hatte. Der unebene Schnee strahlte hell, und schwarzes Licht waberte darauf; der Schweiß brannte ihm in den Augen; er konnte kaum etwas sehen, aber es gab auch nichts zu sehen außer dem Schnee zu seinen Füßen. Es gab überhaupt nichts mehr außer dem Schnee, zerdrückt von der Doppelreihe flimmernder Schneeschuhabdrücke, schwarz umrandet oder vollständig dunkel. Es war eine seltsame Schwärze, weil der Schnee so weiß war, wie man es sich nur vorstellen konnte, und trotzdem voller Schwärze. Wässrige Körnchen Weiß im Schwarz. In seiner Blindheit konnte er noch immer erkennen, ob das nächste Stück Schneebrei ihn tragen würde oder nicht. Und für etwas anderes brauchte er seine Augen nicht.
Dann gab der Schnee unter Schlimmbein nach, und er rutschte weg und rauschte sofort auf der Seite den Hang hinab, so schnell, dass er sich nicht mit den Kanten der Schneeschuhe bremsen und auch Drittbein nicht in den Boden rammen konnte. Er konnte nur versuchen, seitlich auf den Schneeschuhen hinabzugleiten und nicht noch schneller zu werden. Weiter vorne gab es eine flache Senke, die wahrscheinlich seine beste Chance darstellte, anzuhalten, bevor er gegen die Felsen weiter unten prallte, also spannte er sich an, wartete und grub dann, als er in der Senke war, seine Schneeschuhe und Ellbogen und Drittbein in den Schnee, was ihn knirschend zum Stehen brachte.
Eine Weile saß er schwer atmend da, frierend und von brennenden Kratzern übersät, während ihm der Schweiß übers Gesicht lief. Weiter oben am Hang sah er seine Rutschspur, einen ausgefransten Graben, der in gerader Linie zu ihm führte. Kalt und heiß, verschwitzt und zitternd, stemmte er sich mit Drittbein als Stütze hoch. Aufgerichtet sah er, dass ein sanft abfallender schräger Pfad ihn zu einer Stelle oberhalb der Felsen führen würde, wo er sich mit Dorn und Knack und Elga treffen konnte. Elga rief seinen Namen; ihm wurde klar, dass sie ihn schon seit einer Weile rief. Er winkte kurz mit Drittbein und stapfte langsam zu ihnen hinüber. Der Weg hier war leichter als der am Hang hinab, aber Schlimmbein tat inzwischen so weh, dass er kaum noch damit auftreten konnte.
Als er die anderen am baumbestandenen Fuß des Hangs erreichte, brach er zusammen und konnte nicht gleich weitergehen.
49
Dorn sah Eistaucher eindringlich an, während er ihm half, seine Schneeschuhe auszuziehen. Als sie fertig waren, sagte er: — Ruh ein Weilchen aus, aber dann müssen wir weiter.
Während Eistaucher sich ausruhte, wanderte Dorn in dem Wäldchen herum, mit dem die Stirnseite der Schlucht zugewuchert war, und sah sich zwischen den Schneebuckeln nach einer Quelle um. Wie in vielen Kolbischluchten gab es in der Nähe der Stirnwand tatsächlich eine Quelle, doch zu dieser Jahreszeit befand sich der schwarze Halbmond offenen Wassers tief am Grund eines Lochs im Schnee. Dorn musste all ihre Gehstöcke verwenden, um sich abzustützen, während er sich erst hinkniete und dann lang hinstreckte, um mit seinem Beutel aus Krabbentaucherleder etwas Wasser zu schöpfen. Als der Beutel voll war, stemmte er sich mit einem kleinen Gebet wieder hoch, das wie ein Fluch klang: — Lass mich aufstehen, Mutter Erde!
Er teilte das Wasser mit Eistaucher und den anderen. Elga saß auf ihrem Felllappen, den sie über einen umgestürzten Baumstamm gebreitet hatte. Sie nahm ebenso tiefe Züge wie Eistaucher. Er war froh zu sehen, dass sie noch fast genauso aussah wie im Lager der Nordleute, nur ihre Augen waren etwas stärker blutunterlaufen. Jetzt hatte sie ihren Rucksack vorne auf ihren Schneeschuhen und kramte eine Handvoll Nüsse daraus hervor. Einige davon hielt sie Eistaucher hin, doch er schüttelte den Kopf: Ihm war speiübel, und er hätte nichts heruntergebracht. — Später, versprach er.
Knack saß auf einem verschneiten Stamm und kaute gemächlich auf einem Streifen getrockneten Fleisches herum, aß ihn Stück für Stück, bis nichts mehr übrig war. Er trank ein paar Schlucke aus Dorns Beutel und gab ihn dann zurück. — Dange, sagte er abwesend, wie Heide es auch getan hätte. Er schien in Gedanken woanders zu sein.
Dorn hingegen war ganz da und hielt den Blick seiner von der Sonne geröteten Augen auf Eistaucher gerichtet. — Bist du bereit? Kannst du laufen?
— Wir werden sehen, sagte Eistaucher und erhob sich rasch. Er taumelte und fing sich mit Drittbein ab.
— Du brauchst zwei gute Stöcke, sagte Dorn. — Warte hier. Er schritt einmal mehr das Wäldchen ab und kehrte mit einem stabilen Ast zurück, der ihm ein ganzes Stück über die Hüfte reichte, mit einer Krümmung oben, die angenehm in der Hand lag. — Ein guter Gehstock. Stütz dich bei Schritten mit dem linken Fuß mit beiden Spitzen ab und drück dich zwischen ihnen hindurch. Als ich in deinem Alter war, musste ich einmal eine Woche lang mit einem gebrochenen Bein wandern, und nachdem ich mich daran gewöhnt hatte, mich auf die Stöcke zu stemmen, ging es ziemlich gut.
Eistaucher probierte es aus. — In Ordnung, sagte er. Er wartete, bis die anderen losgegangen waren, und folgte Elga dann dichtauf.
Aber es war nicht in Ordnung. Mit den Stöcken konnte er zwar wirklich viel Druck von seinem linken Bein nehmen. Doch nun stiegen sie in der Schlucht hinab, und wenn sie sich zwischen den Bäumen halten wollten, dann mussten sie in einem Zickzackkurs laufen und sich dann und wann kleine Schneehänge hinabrutschen lassen. Die anderen drei glitten auf den Füßen hinab, und Eistaucher versuchte, ihnen auf einem Fuß zu folgen, was ihm manchmal auch gelang, doch meistens stürzte er. Und beim Wiederaufstehen schmerzte Schlimmbein, wie er es auch anstellte. Er keuchte und schwitzte vor Pein.
Elga wartete auf ihn, sodass sie hinter den anderen beiden zurückblieben. Die Sonne fiel schräg durch die Kiefern und Birken auf ihre Gesichter; sich in deren Schatten aufzuhalten war wahrhaft eine Erleichterung. Die Düfte der Bäume stiegen Eistaucher zu Kopf, so vertraut, dass er fast zu weinen begann. Der alte Schnee unter den Bäumen war von Kiefernnadeln und Baumstaub übersät, und in den Schatten gefror die Feuchtigkeit langsam wieder. Es kam ihm ungerecht vor, dass der eben noch weiche Schnee praktisch übergangslos wieder hart wurde. In manchen solchen Schluchten, oder auch in dieser Schlucht zu einer anderen Jahreszeit, wäre es eine einfache Wanderung gewesen, doch an diesem Nachmittag verwandelte sich ihr Grund in eine Reihe von Rutschbahnen zwischen den Bäumen. Eistaucher ging dazu über, die steilen Abschnitte auf dem Hintern sitzend zurückzulegen, wodurch er nass wurde und zu frieren begann. Wenn nur der Talgrund flach gewesen wäre, wenn nur nicht Eis und Schnee gelegen hätten … aber eigentlich gab es kein Gelände, auf dem er heute hätte leicht gehen können.
Also kämpfte er sich voran, während das Sonnenlicht schräg durch die Bäume fiel. Wenn die anderen einen Sonnenstreifen fanden, hielten sie dort an und warteten auf ihn, wobei sie mit den Schneeschuhen aufstampften, um sich warm zu halten. Natürlich hinterließen sie im Schnee nach wie vor Spuren, wenn auch nur wenige. Sobald die Schlucht ins südliche Tal mündete, würde Dorn sie wahrscheinlich eine Weile rennen lassen und dabei nach einem schneefreien Hang Ausschau halten, über den sie in ein Nachbartal steigen konnten. Die Aussicht darauf, bergauf zu laufen, gefiel Eistaucher, weil Schlimmbein dadurch der scharfe Schmerz beim Aufsetzen erspart bleiben würde. Andererseits zog jeder Aufstieg auch einen Abstieg nach sich. Außerdem würde der Weg nach oben anstrengender sein, und er wusste nicht, ob er noch genug Kraft dafür hatte. Auf jeden Fall würde er dafür den dritten Atem brauchen, so viel war gewiss.