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Gehen und Verschnaufen, Gehen und Verschnaufen. Im Dämmerlicht des Waldes warteten die anderen auf ihn und ruhten sich in den Schatten aus. Als er sie erreichte, stützte er sich schwer auf seine Stöcke, Ellbogen und Oberkörper nach vorne gebeugt. Er ächzte und schnaufte, während sie ihre Lage besprachen.

— Wir müssen weiter, sagte Dorn in dem harschen Tonfall, den er immer dann anschlug, wenn er Durst hatte, wütend war oder einen Schamanenbefehl gab. — Wir kommen an schneefreien Wegen vorbei, die über den Grat führen — falls sie also hier herunterkommen, dann wissen sie nicht, ob wir in der Schlucht geblieben sind oder nicht. Wenn wir die heutige Nacht nutzen, um in eine andere Schlucht zu wechseln, hängen wir sie ab.

Eine Bö wehte durch die Bäume, und Dorn blickte auf. Die höchsten Kiefern schwankten. Ihre Spitzen neigten sich nach Osten, und tatsächlich kam auch diese Bö aus dem Westen und drückte sie weiter in dieselbe Richtung.

— Das könnte ein Unwetter werden, sagte Dorn überrascht. — Das wäre gut. Etwas Gutes könnten wir im Moment gebrauchen. Damit legte er den Kopf in den Nacken und bellte ein gedämpftes kleines Fuchsbellen.

Sie wanderten weiter, während das Licht sich langsam verflüchtigte. Eistaucher ließen sie vorne gehen, sodass er das Tempo bestimmen konnte und sie ihn nicht abhängen würden.

Er nahm sich vor, den bestmöglichen Weg in der Schlucht hinab zu finden. Das konnte er genauso gut wie die anderen. In allen Schluchten gab es eine Rampe, auf der man besonders gut hinabsteigen konnte, auch wenn sie manchmal so zwischen Felsen und Bäumen verborgen war, dass sie sich nur schwer finden ließ. Manchmal verlief der beste Weg im Zickzack von einer Seitenwand zur anderen und manchmal so gerade wie ein Riss. Manchmal war er mit Bäumen oder Sträuchern zugewuchert, insbesondere in einer Erlenschlucht, doch trotzdem würde er sich dem suchenden Auge schließlich offenbaren, wenn man hartnäckig genug blieb. Also blieb Eistaucher hartnäckig, und der Weg zeigte sich ihm. Er stapfte voran und legte dabei so viel Gewicht wie möglich auf seine Stöcke.

Schließlich war das Tageslicht geschwunden. In den Schatten der Bäume war es finster. Allerdings starrte der schief hängende Mond zu ihnen herab, sodass Eistaucher beinahe weitermachen konnte wie bisher, nachdem er sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatte. Angestrengt spähte er nach unten; stieg über Büsche hinweg, die aus dem schmelzenden Schnee hervorragten; erreichte eine weitere Biegung; fand die Rampe mit den am wenigsten steilen Hangstücken; spürte durch den Schmerz, den Schlimmbein bei jedem Schritt aufbranden ließ, das Vergnügen daran, den richtigen Weg zu finden.

Doch dann gab der Schnee unter seinem linken Schneeschuh nach, ein übler Durchtritt, der ihn ins Mark erschütterte, als sein Fuß auf einem Felsbrocken landete, und vor Schmerz schrie er laut auf. Die anderen rannten herbei und halfen ihm aus dem Loch, wobei Elga die Hand ausstreckte und seinen Schneeschuh zur Seite drehte, um ihn durch das schneeschuhförmige Loch in der Eiskruste zu bekommen. Als Schlimmbein durch das Loch kam, verdrehte es sich, und sengende Pein schoss ihm durch Eier, Arschloch und Eingeweide. Noch ehe er es selbst merkte, schrie er schon und vergrub dann stöhnend sein Gesicht in einer Schneewehe.

— Scheiße, sagte Dorn, der die Arme um Eistauchers Schultern hatte. — Ganz ruhig, Junge. Hier, leg den Arm über meine Schulter. Lass das schlimme Bein hängen. So ist es gut. Lass es einfach hängen. Jetzt wackle mit dem Schneeschuh. Nur ein kleines bisschen. Bekommst du das hin?

Furchtsam versuchte Eistaucher es. Er konnte seinen linken Fuß tatsächlich bewegen, obwohl die schmerzende Stelle durch das leichte Schaukeln verdreht wurde. — Ich kann es bewegen.

— Dann kannst du vielleicht auch darauf laufen.

Eistaucher versuchte es, aber er musste sein ganzes Gewicht auf die Stöcke stützen.

Dorn fauchte, als er das sah. Er wandte sich Knack zu und deutete auf Eistaucher. — Knack, kannst du ihn tragen?

Er beschrieb mit Gesten, was er meinte. Knack begriff, und seine Stirn legte sich in vier scharfe Falten, als er die Brauen hob. In den Mondschatten erinnerten seine Hakennase, seine große, braune, gefurchte Stirn und sein borstiges kleines Kinn an die Holzmasken, die die Rudel im Westen schnitzten und die unterschiedliche Gefühle zum Ausdruck bringen sollten: in diesem Fall Überraschung. Er musterte Eistaucher von oben bis unten, als wöge er ihn in Gedanken. Jeder musste dann und wann einmal etwas Großes tragen, ein Reh, ein Kind, einen Mammutkopf, einen verletzten Freund, einen Holzklotz für das Feuer; deshalb wusste jeder, dass das nicht leicht war. Man hielt es nicht lange durch. Und es war Nacht. Und sie waren seit drei Tagen und Nächten ohne Pause unterwegs.

Dann veränderte sich Knacks Miene wie arbeitendes Holz, und die Maske nahm einen neuen Ausdruck an: Entschlossenheit. Es war ein Blick, der über das Menschliche hinausging, wie bei Dorn, wenn er zu einer Geistreise aufbrach. — Aaa, sagte er.

Dann schlurfte er zu Eistaucher. Elga und Dorn zogen Eistaucher so behutsam wie möglich die Schneeschuhe aus, und Elga band sie hinten an Dorns Rucksack. Sobald seine Füße aus ihnen befreit waren, schlang Eistaucher die Arme um Knacks Hals und hielt sich möglichst weit unten auf der Brust des Alten fest, indem er sich selbst bei den Unterarmen griff. Knack legte Eistaucher die Hände in die Kniekehlen, und so hievten sie ihn zu zweit auf Knacks Rücken. Knack machte einen Schritt nach vorn und blieb dann stehen. Er rückte Eistaucher hin und her, hoch und runter, und machte noch ein paar langsame Schritte.

— Girr, sagte er nur.

Dorn führte sie durch die Schlucht hinab. Zum Glück flachte der Boden langsam ab. Der Schnee härtete in der nächtlichen Kälte aus und wurde rutschig, das sah Eistaucher. Vorne war ihm warm, und hinten war ihm kalt. Er hoffte, dass er zumindest einen warmen Mantel für Knack abgab, während er sich fest an ihn klammerte und sich so leicht wie möglich machte, versuchte, sich selbst emporzuatmen, eine geringere Last zu werden, indem er sich auf die richtige Weise festhielt, sodass Knack ihn tragen konnte wie einen schweren Rucksack. Knacks Rucksack trug nun Dorn, und während er durch die Waldschatten lief, erinnerte er ein bisschen an den Bisonmann in der Höhle, ein großer Kopf auf Menschenbeinen.

Knack pfiff zwischen den Zähnen hindurch. Bei jedem Schritt gab er drei kleine Zischlaute von sich, wobei er die Luft zwischen den Zähnen hervorpresste. Dann atmete er tief ein und zischte wieder dreimal, im Rhythmus seiner langsamen Schritte, wie bei einem Stampftanz ums Feuer. Anscheinend atmete er nicht besonders schwer, und er beugte sich auch nicht weit nach vorne und lief nicht langsamer als Dorn. Er machte den Eindruck, dass er durchhalten würde. Eistaucher versuchte, sich in die Lüfte zu erheben, ein Vogel zu werden und davonzuflattern, den Alten mit sich in die Lüfte emporzuziehen.

Durch den Wald hinab. Der Schnee wich schwarzer Erde und angeschwemmtem Sand, hier und da auch großen, ebenen Felsflächen. Immer wieder führte Dorn sie zu diesen kahlen Felsabschnitten. Dann und wann schlief Eistaucher ein und erwachte wieder, wenn er von Knack wegkippte, worauf er sich festklammerte und dabei das deutliche Gefühl hatte, eine ganze Weile geschlafen zu haben, ohne ihn loszulassen und zu fallen. Im Schlaf träumte er, und in seinen Träumen verwandelten sich Knacks Dreifach-Zischlaute in Vogelzwitschern oder in jemandes Flötenspiel. Am Rücken wurde ihm sehr kalt. Immer wieder wackelte er ein wenig mit dem linken Fuß, um festzustellen, ob er zu etwas zu gebrauchen war, und versuchte dabei, den entstehenden Schmerz auf seinen Ursprungsort in seinem Knöchel zu begrenzen. Dort wollte er ihn einsperren, sein Blut an ihm vorbei durch den Rest seines Beins strömen lassen. Es sollte sich ausruhen und die Kraft finden, weiterzumachen.