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Der Mond stand im Westen, befand sich aber immer noch ein gutes Stück über dem Horizont, als die Kälte so tief in seinen Rücken eindrang, dass er krächzte: — Ich glaube, ich kann jetzt laufen. Setz mich ab, Knack, und lass es mich versuchen.

— Dange, sagte Knack. — Girr, girr.

Eistaucher ließ sich auf Gutbein hinabgleiten und dann auf seine Gehstöcke, die ihm Elga hinhielt. Behutsam setzte er Schlimmbein auf und verlagerte dadurch sein Gewicht. Ein kleiner, schmerzhafter Stich, oder ein Schnappen; doch als der Schmerz sich anschließend in seinen Beinmuskeln verteilte, verdünnte er sich auf ein erträgliches Maß. Er hatte immer noch die Kontrolle über das Bein, um den wabernden Schmerz herum oder durch ihn hindurch. Es würde funktionieren.

— Guter Mann, sagte Dorn, und sie machten sich wieder auf den Weg.

Eistaucher humpelte hinter Dorn her, und Knack ließ sich zurückfallen, um die Nachhut zu bilden. Wolken rasten unter dem Mond entlang und sammelten sich auf dem Weg nach Westen, doch noch waren sie dünn genug, um das Licht des Mondes durchzulassen, sodass sie um ihn herum erstrahlten und den ganzen Himmel erhellten. Dorn hielt oft inne, um sich im Stehen auszuruhen, worauf Elga jedes Mal zu ihnen aufschloss und Eistauchers Arm ergriff. Ihre Kräfte hatten sie noch nicht verlassen, wenn ihre Schritte auch etwas kürzer geworden waren, als humpelte sie mit beiden Beinen. Sie trat auf wie ein Reiher im Moor. Zweifellos hatte sie Schmerzen. Sie wurden alle langsamer. Der Mond stand nach wie vor ein paar Fäuste über dem Horizont: Sie hatten noch eine lange Nacht vor sich. Eistaucher fragte sich, ob sie es bis zur Morgendämmerung schaffen würden. Jedenfalls war er froh, gehen zu können. Nur ein kleiner Schmerz knackte jedes Mal in seinem Bein, wenn er das Fußgelenk beugte, und selbst über den konnte er sich mit seinen Armen und Stöcken fast ganz hinwegstemmen. Er konnte also gehen. Und das Gehen wärmte ihn auf, nicht ganz, aber in ihm drin, wo es darauf ankam. Die Haut auf seinem Rücken brannte, als das Gefühl in sie zurückkehrte. Auch seine Finger brannten, als er sie wieder zu spüren begann.

Der Wind nahm weiter zu. Selbst unten im Wald spürten sie es. Die Bäume an den Hängen sangen gemeinsam ihr brausendes, ächzendes Lied, während sie in den Böen hin und her wogten. Von Westen her ergoss sich die Wolkendecke über den ganzen Himmel, wurde dicker und brach dann zu mondbeschienenen weißen Bäuschen auseinander. Dort, wo die Wolken aufgerissen waren, schwammen flüchtige Sterne im Himmel, die aussahen, als hätten sie sich aus ihrer Verankerung gelöst und würden nun nach Westen treiben. Sah man länger hin, kamen sie zum Stehen, und man erkannte, wie schnell vielmehr die Wolken nach Osten flogen. Ein Unwetter, das vom großen Salzmeer aufzog. Eistaucher roch das Salz auf dem Wind. Dorn hob seinen Speer und hieß das Wetter mit einem Lied willkommen. Offenkundig freute er sich darüber. Eine frische Schneedecke würde sicher alle ihre Spuren verdecken, weshalb auch Eistaucher fand, dass ein Unwetter gut für sie sein würde. Aber es würde kalt werden.

Kalt, nun ja. Daran war er gewöhnt. Ihm war jetzt schon seit Monaten kalt, das konnte er auch noch länger aushalten. Die Welt war ein kalter Ort. Um es in ihr auszuhalten, atmete und bibberte und tanzte man dagegen an. Solange es etwas zu essen gab. Und ein Feuer wäre natürlich auch nicht schlecht. In einem Unwetter würde niemand den Rauch eines Feuers sehen können. Aber eines zu entfachen würde eine Herausforderung sein. Eistaucher verzog das Gesicht, als er sich an sein Scheitern in der ersten Nacht seiner Wanderschaft erinnerte. Aber Dorn war ein wahrer Feuermeister, wie alle alten Schamanen. Und er hatte sein Feuerzeug dabei, den Feuerstock und den Klotz dazu, die Feuersteine und Beutel mit Mulm, trocken verpackt in Krabbentaucherleder. Er würde es schaffen. Sie würden sich einen Unterschlupf bauen, ein Feuer entfachen und notfalls warten, bis das Unwetter sich gelegt hatte. Es durchwandern, wenn es ging. Vielleicht ein bisschen von beidem. Dorn würde das entscheiden. Er würde einen Plan für sie aushecken, Eistaucher musste sich nicht darum kümmern; und das war gut, weil er zu müde war, um etwas so Anstrengendes wie Denken zu tun. Er konnte nicht weiter denken als bis zu dem nächsten Knacken in seinem Knöchel.

Als der Mond unterging, wurde es sehr viel dunkler. Auch die Wolken verdunkelten und zogen sich zusammen, sodass keine Sterne mehr zu sehen waren. Obwohl Eistaucher wusste, dass es schon bald dämmern würde, konnte er kein Anzeichen dafür entdecken. So viel Zeit verging, dass es ihm inzwischen vorkam, als wären sie in eine Höhlenwelt gestürzt und die Nacht würde niemals enden.

Er sah nicht, wie der Himmel im Osten sich aufhellte, doch als er vom Boden aufblickte, stellte er fest, dass die ganze Welt sich grau eingefärbt hatte und wieder sichtbar war. Weder Schwarz noch Weiß störten diese Welt der Grautöne. Die Wolken hatten sich über Nacht abgesenkt und kratzten jetzt an den Graten um das Tal herum. Graues Schneegestöber bildete einen Schleier über grau bewaldeten Hängen. Mehr Tag würde es heute für sie nicht geben.

Es war so windig, dass sie zwischen den Bäumen bleiben mussten. Der Gesang der Kiefernadeln war ein stetes Brausen. Wie groß die Welt bei einem Sturm wurde. Sie waren auf Mutter Erde wie Ameisen, die zwischen Grashalmen umherkrochen, dankbar für den Schutz. Auch unten zwischen die Bäume fuhr der Wind gelegentlich hindurch, beutelte sie und stahl ihnen das bisschen Wärme aus den Kleidern. Selbst die Jende würden bei einem solchen Wind Unterschlupf suchen.

Sie konnten nicht besonders weit sehen. Es war schwer vorstellbar, dass ihre Verfolger bei diesem Wetter immer noch unterwegs sein würden, und schwer vorstellbar, dass sie ihnen in eben diese Schlucht hätten folgen können. Sie wussten ja selbst nicht einmal, wo sie waren.

Trotzdem wanderte Dorn weiter, und Eistaucher senkte den Kopf und folgte ihm Schritt für Schritt. Abgesehen von dem peinigenden Knacken meinte er, noch immer das Flackern des dritten Atems in seinem Innern zu spüren, das dem Unwetter die Stirn bot. Man muss sich dem Narsuk stellen. Er würde weitergehen, bis Dorn ihm befahl anzuhalten. Es war ganz einfach, er konnte sich an dem Gedanken festhalten. Weitergehen, bis Dorn ihm befahl anzuhalten.

Der Wind brauste. Den ganzen Tag über blieb es Abend. Sogar zwischen den Bäumen fiel der Schnee; erst waren es schwere Flocken, dann prasselte Eissand auf sie ein.

Dorn blieb bei einer kleinen Gruppe von Bäumen und Sträuchern stehen, die an einer flachen Stelle in der Nähe eines Eislochs im Bach wucherte. Schwarz glucksend fraß das Wasser den darauffallenden Schnee. Hier hörte man den Wind eher, als dass man ihn spürte.

— Hier sollten wir lagern, sagte Dorn.

— Ah, gut, sagte Eistaucher.

50

Dorn entfachte ein Feuer, während die anderen drei erst Holz sammelten und anschließend Äste zu einer Wand verwoben, die sie an der Windseite des Baumgestrüpps aufstellten. Eistaucher hüpfte auf seinen Stöcken herum, hob Holz vom Boden und brach tief hängende tote Äste ab. Er durfte Schlimmbein nicht belasten, aber das bekam er hin, und es war gut, herumhüpfen und etwas Sinnvolles tun zu können, ohne sich dabei Schmerzen zuzufügen.

Dorn kauerte an der Windseite auf einem flachen Felsen, den er für das Feuer vorbereitet hatte, indem er auf einer Seite Stöcke und Zweige aufgeschichtet und etwas Fett aus seinem Beutel darüber geträufelt hatte. Er holte seinen Feuerstock und seinen Drehklotz hervor und verteilte den Mulm um das Drehloch und in der Rinne, die von dem Loch zu seinem kleinen Haufen fettgetränkter Zweige führte. Dann drehte er kräftig den Feuerstock, wobei er die Hände so schnell vom unteren Ende des Stocks zum oberen bewegte, dass Eistauchers Blick kaum folgen konnte. Hin und her drehte er den Stock, seine roten Augen traten aus seinem schwarzen Schlangengesicht heraus, und er bleckte wild die Zähne, rieb, bis seine Hände unten ankamen, wechselte nach oben, rieb weiter.