Die Spitze seines Feuerstocks verfärbte sich schwarz, und kleine Rauchfähnchen stiegen aus dem Mulm empor, der am dichtesten an der Mulde lag. Weiter kräftig drehend, schob Dorn den Kopf vor und blies leicht auf den Klotz, sein ganzer Körper verdreht in der Mühe um das Feuer. Als der Mulm am Rande gelb zu knistern begann und mehr Rauch aufstieg, hörte er auf zu drehen und bückte sich noch tiefer, hielt das Gesicht direkt vor die Flamme, beschirmte sie mit einer Hand und stupste den Mulm mit der anderen behutsam an. Die Flamme im Mulm war kaum mehr als ein kleiner, leuchtender Funke, und als der danebenliegende Zweig Feuer fing und das Wunder einmal mehr die Welt betrat, blies er fester, blies es empor, wie er eine schnelle Melodie auf seiner Flöte gespielt hätte. Eistaucher half ihm, indem er erst windseitig des Feuers und dann um das restliche Feuer herum Steine positionierte. Als er einen richtigen Feuerring gebaut hatte, brannte Dorns Zweighaufen bereits hell, und vorsichtig legte er kleine Äste über die Flammen, damit auch sie Feuer fingen. Dann und wann kam Knack herangestapft, die Arme mit Holz beladen. Elga war immer noch damit beschäftigt, an der Windseite die Äste der Bäume ineinander zu verweben und schließlich auch einen Kreis um sie zu errichten, mit Ausnahme einer Öffnung zwischen den Bäumen an der windabgewandten Seite. Sie steckte so viele Äste in den Windschutz, dass er zu einer gewebten Wand aus Holz, Blättern und Nadeln wurde.
Nachdem sie sich um Dorns Feuer zusammengefunden hatten, das nun hell genug brannte, damit keine einzelne Bö es ausblasen konnte, wickelten sie sich in ihre Pelze und saßen da, wie vier besonders große Steine im Feuerring, in einem Halbkreis um die windzugewandte Seite aneinandergedrängt. Eistaucher saß links am Rand und hielt Schlimmbein vor sich ausgestreckt. Die Wärme des Feuers linderte den Schmerz. Dorn stand auf, ging ins Unwetter hinaus und kehrte mit einem Krabbentaucherbeutel voll Wasser vom Bach zurück. Nachdem sie daraus getrunken hatten, bis ihre Bäuche voll waren, hielt er den Beutel so nah an die Flammen wie möglich, ohne dass er zu brennen begann.
Das Feuer war sogar noch schöner als normalerweise. Selbst Eistauchers erstes Feuer auf seiner Wanderschaft hatte ihm nicht so viel Trost gespendet wie dieses. Manchmal wehten Böen die Wärme von ihm fort, doch wenige Momente später spürte er wieder die strahlende Kraft der Flammen. Eistauchers Gesicht und seine Fingerspitzen und Ohren brannten und juckten wie wild. Endlich konnte er Elgas sorgenvollen Blick erwidern: Es ging ihm gut. Neben diesem Feuer würde er sich ausruhen und aufwärmen können, Wasser trinken und etwas von ihrem verbliebenen Proviant essen. Langsam ging ihnen das Essen aus. Doch wenn der Sturm vorbei war und die Jende ihre Spur verloren hatten, dann konnten sie auf der Wanderung Nahrung suchen. Sie konnten in Erfahrung bringen, wo sie waren, falls Dorn es nicht wusste. Eistaucher hatte jedenfalls keine Ahnung.
— Weißt du, wo wir sind?, fragte er.
Dorn bedachte ihn mit einem bohrenden Blick. — Hier sind wir!
— Und weißt du, wo hier ist?
— Nah genug, sagte Dorn. Er kramte zwischen den Beuteln in seinem Rucksack herum. Erst dachte Eistaucher, dass er nachsehen wollte, wie viel Proviant sie noch hatten, doch dann zog Dorn ein Stück Kleidung nach dem anderen heraus, um sie an die Flammen zu halten und zu trocknen: Lederstücke, Pelzlappen, Handschuhe … nach einer Weile stand er auf, kehrte den Flammen sein Hinterteil zu und knurrte, als die Hitze darauf brannte. Schon bald fingen seine Kleider zu dampfen an. Von seinem Beispiel angeregt, standen die anderen auf und taten es ihm nach. Knack zischte noch immer sein dreifaches Pfeifen, als würde er im Traum weiter dahinmarschieren.
Als sie sich am Feuer getrocknet hatten und gut durchgewärmt waren, nahm Dorn einen der Beutel aus seinem Rucksack und holte sein Nähzeug daraus hervor. Elga hatte bisher die ganze Wanderung über nicht mehr als ihre Beinlinge und einen Bärenfellumhang aus dem Frauenhaus getragen, und so bot Dorn ihr seine Hilfe dabei an, ein richtiges Hemd und einen Mantel aus dem Umhang zu machen und ihre Beinlinge zu verlängern.
Sie war sofort einverstanden, und während Dorn sich mit ihrem Umhang ans Werk machte, stand sie in ihren Beinlingen über das Feuer gebeugt, wie eine Jende-Frau. Eistaucher stockte der Atem, als er sie so sah.
Dorn zerschnitt ihren Umhang mit seiner scharfen Klinge und hielt ihr zwischendurch immer wieder Pelzstücke an den Körper. Als er schließlich mit dem Zuschneiden fertig war, stanzte er mit seiner Geweihahle Löcher entlang der Ränder, wobei er sich konzentriert auf die Lippe biss. Dann zog er eine um ein Holzstück gewickelte Lederkordel aus seinem Rucksack und nähte die Stücke damit zusammen.
Knack starrte ins Feuer, während sie arbeiteten, doch Dorn blickte häufig auf und betrachtete eingehend Elgas Körper, wie sie da am flackernden Feuer stand. Ihre Brüste waren nur noch etwa halb so groß wie beim letzten Mal, als Eistaucher sie gesehen hatte, und ganz allgemein war sie dünn, obwohl ihre Schenkel ein gutes Stück dicker waren als die der drei Männer, und auch länger. Inzwischen waren sie alle dünn, sogar Knack. Eistaucher spürte, dass sein Bauchnabel nur einen Fingerbreit von seinem Rückgrat entfernt war. Es war nicht mehr viel an ihm dran. Und Dorn bestand seit jeher aus Haut und Knochen, jetzt umso mehr.
Trotzdem, sie hatten es inmitten eines Unwetters warm, und Elgas Leib glänzte dunkel vor dem Schnee und den Flammen und den Bäumen, die im Feuerschein flackerten. Dorn setzte seine Arbeit fort und passte ihr dabei dann und wann Teile an. Es wurde Nacht, ehe die Kleider für sie fertig waren. — Das hätten wir, sagte Dorn und fügte hinzu: — Gut siehst du aus. Selbst jetzt, nachdem ich dir etwas zum Anziehen gemacht habe.
Elga lachte und schlang die Arme um sich. — Das fühlt sich wunderbar warm an. Danke, Dorn.
In jener Nacht lagen sie in der Hitze der Flammen wie ein Feuerring aus Fleisch, direkt außerhalb des Steinrings. Dann und wann legten sie Äste von ihrem Feuerholzstapel nach. Der Wind toste weiter, und Schnee rieselte durch die Bäume auf sie herab. Wenn eine Schneeflocke auf ihnen landete, schmolz sie noch auf ihrem Haar oder auf den Pelzspitzen und verdampfte schnell. Inmitten dieses Unwetters hatten sie alle es so gemütlich wie schon seit Monaten nicht mehr, und die Begeisterung darüber war eine weitere Art der Wärme.
Eistaucher schlief zwischen dem Ein- und Ausatmen ein, und er schlief fest. Als er erwachte, weil sein Rücken kalt wurde, und etwas aufs Feuer legte, sah er, dass auch die anderen in tiefem Schlaf lagen.
Als der Morgen graute, schneite es noch immer, war aber weniger windig als am Vortag. Große Flocken fielen gerade zu Boden. Sie mussten entscheiden, ob sie hierbleiben oder weiterziehen sollten, und Dorn unternahm einen kurzen Rundgang außerhalb ihres Wäldchens, um ein besseres Gefühl für den Tag zu bekommen. Als er zurückkehrte, sagte er düster: — Man kann wandern. Wir sollten wahrscheinlich weitergehen.
Die anderen schwiegen. Das Feuer zischte und knackte auf seinem großen Glutbett und lockte sie, im Warmen zu bleiben. Es erschien undenkbar, dass die Nordleute in diesem Unwetter auf der Jagd nach ihnen waren, ohne Sicht in dem dichten Schneegestöber; oben auf den Graten würde es wahrscheinlich noch immer stürmisch sein. Haufen weichen Schnees konnten als Lawinen abgehen oder unter den Füßen nachgeben. Mit Sicherheit saßen die Nordleute irgendwo um ein Feuer gekauert.
Aber wenn dem so war, dann konnten sie Abstand zu ihnen gewinnen, wenn sie jetzt weitergingen; und wenn nicht, wenn die Nordleute nach wie vor auf der Jagd nach ihnen waren, dann konnten sie ihren Abstand zumindest wahren, indem sie weiterzogen. So oder so war es besser weiterzugehen. Sie alle erkannten, dass Dorn recht hatte. Aber es war eine Überwindung, das Feuer zu verlassen und ins Unwetter hinauszutreten.