Es schneite den ganzen Tag. Der weiche Neuschnee breitete eine dicke Decke aus, häufte sich zwischen den Bäumen an und machte die Welt zu einem schwarz-weißen Flickenteppich. Unwetter im Sommer waren mitunter so.
Zum Glück hatten sie Schneeschuhe, denn ohne sie wären sie bei jedem Schritt hüfttief eingesunken. Selbst mit den Schuhen sank derjenige, der voranging, knietief ein und musste hohe Schritte machen. Den größten Teil des Tages über führte Knack sie an, der deutlich schwerer war als die anderen, wodurch sie leichter in seine Fußstapfen treten konnten als er in ihre.
Dorn ging direkt hinter Knack und gab ihm Anweisungen. Gelegentlich hörte Eistaucher ihn dabei. — Nein, links, links! Links ist zu deiner Linken, rechts ist zu deiner Rechten, geradeaus ist geradeaus! Warum kapierst du das denn nicht? Sag mir, wie du die Richtungen nennst, dann benutze ich stattdessen deine Worte! Ich bin es leid, dass du es immer falsch machst!
— Girr, sagte Knack und zeigte dabei nach rechts. — Girr, girr, fügte er hinzu und zeigte nach links.
— Na bitte!, sagte Dorn schwer seufzend. — Wenn du das hinbekommst, warum kannst du sie dann nicht links und rechts nennen?
Knacks Schweigen ließ vermuten, dass er darauf keine Antwort wusste.
— Mutter Erde, sagte Dorn schließlich. — Du willst mich doch bloß ärgern.
Von da an ging er dichter hinter Knack und tippte dem Alten mit dem Speer an die eine oder andere Schulter, sagte: — He, he, dort entlang, und zeigte dabei mit dem Speer in die entsprechende Richtung. — Geh dort entlang, das ist links, girr, girr, links, und dann pfiff er einen durchdringenden, ansteigenden Ton, der an den Ruf eines Falken erinnerte. Später tippte er ihm dann auf die rechte Schulter: — Nach rechts, rechts, girr, so ist es richtig, und pfiff einen absteigenden Ton. Den ganzen Tag über hörte Eistaucher mit, wie Dorn Knack mit solchen Angaben piesackte. — Geradeaus heißt einfach geradeaus! Weder rechts noch links, einfach geradeaus. Dort entlang!
Eistaucher wollte sagen: Er kennt den Weg besser als du!, aber er hatte keine Kraft zum Reden übrig. Er konnte nur seine Schneeschuhe in die Spuren setzen und versuchen, schmerzhafte Bewegungen mit dem linken Bein zu vermeiden. Knack nahm wahrscheinlich ohnehin den besten Weg, ganz egal, wie sehr Dorn ihn vollplärrte.
Spät am Nachmittag öffnete sich das Tal, in dem sie hinabgestiegen waren, auf eine weite Ebene, die so groß war, dass man ihre Ausmaße im fallenden Schnee nicht erkennen konnte. Dorn betrachtete eine Weile lang den weißen Himmel, der in Flocken auf sie herniederfiel, ehe er Knack die Richtung wies, und weiter ging es über den weichen Neuschnee. Nach einer Weile erreichten sie einen flachen Streifen, bei dem es sich eindeutig um einen Fluss handelte. Wie bei dem großen Fluss hinter ihnen im Norden stand auch bei diesem das Eis kurz davor zu brechen, aber unter der frischen Schneedecke ließ sich schwer sagen, wann oder wo es dazu kommen würde. Alle Geräusche waren gedämpft. Schneegekrönte Eisschollen ragten in unregelmäßigen Reihen auf, und in der Nähe des gegenüberliegenden Ufers waren lange Bänder schwarzen, fließenden Wassers zu erkennen. Von weiter stromabwärts, als sie im Schneetreiben sehen konnten, erklang ein tiefes, nasses Brausen.
Und dann erzitterte mit einem Mal der Neuschnee auf dem Fluss direkt vor ihnen, brach mit gedämpftem Knacken auf und wurde von einer schwarzen Flut mit gewaltiger Kraft stromabwärts gerissen. Unten an der letzten noch sichtbaren Flussbiegung sammelten sich knirschend Eisdämme, verkeilten sich ineinander, wurden aufgesprengt und donnerten weiter stromabwärts.
Stromaufwärts von ihnen hielt das Eis noch. Das schwarze Wasser strömte flach darunter hervor wie eine gewaltige Quelle aus einem weißen Berg. Der Anblick war atemberaubend.
— Lauft!, schrie Dorn die anderen drei an. Sie konnten ihn kaum hören. Er deutete stromaufwärts und rannte los, und sie folgten ihm am Ufer entlang. Doch selbst Dorn war zu müde, um wirklich schnell zu rennen, und so übernahm Knack bald wieder die Führung und stampfte den Schnee für sie nieder, während Dorn ihm dicht auf den Fersen blieb und auf ihn einredete. Auch Elga folgte dichtauf. Eistaucher gab sich alle Mühe, nicht zu weit hinter ihr zurückzubleiben. Er hoffte, dass Dorn sie nicht zu nah an der Bruchkante und dem irrsinnigen Strom darunter über den Fluss führen würde. Er wusste, je schneller er lief, desto schneller würden sie den Fluss überqueren können und desto besser standen ihre Chancen, dass das Eis halten würde, bis sie auf der anderen Seite waren. Und wenn Eistaucher dicht hinter ihm blieb, dann würde Dorn sie vielleicht als schnell genug einschätzen, um es noch etwas weiter stromaufwärts zu probieren. Also senkte Eistaucher den Kopf und lief und stakste durch die Fußspuren der anderen, ohne auf die auflodernden Schmerzen in seinem Knöchel zu achten, keuchend und schwitzend und fest entschlossen, direkt hinter Elga zu bleiben. Sie war schnell, und in ihren neuen Kleidern sah sie verändert aus — größer, ausschreitender. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass sie tatsächlich da war, dass das seine Elga war, genau vor ihm, von den Eismännern befreit, mit ihm auf der Flucht aus ihrer Gefangenschaft und auf dem Weg nach Hause. Etwas an dieser Erkenntnis verlieh seinem Herzen Flügel, und er zeigte seinem Knöchel die Zähne und rannte weiter, immer darauf bedacht, mit den Vorderseiten seiner Schneeschuhe nicht in die ausgefransten Ränder aus hohem, weißem Schnee zu treten, die einen Fußabdruck vom anderen trennten. Hohe und saubere Schritte, Schnaufen und Keuchen und auf den Schmerz fluchen. Spüren, wie die kalte Luft zu Kopf steigt und die Sinne schärft — wie bei der Jagd oder in Todesangst. Er sah nur auf den Schnee zu seinen Füßen und auf den Fluss neben ihnen, der nach wie vor weiß und unbewegt war. Alles in dieser Blase aus fallendem Schnee war näher an ihn herangerückt, trat schärfer und heller hervor, alles war von seinem Herzschlag durchpulst und strahlte sogar an diesem trüben, verschneiten Tag hell. Alles war von innen heraus erleuchtet, und Eistaucher sah die Dinge wie sonst wahrscheinlich nur ein Falke.
Dorn tippte Knack auf die Schulter und wandte sich Richtung Fluss, und Eistaucher sog vor Angst zischend die Luft zwischen den Zähnen hindurch. Er beugte sich vor und verdoppelte seine Anstrengungen, um auf jeden Fall bei den anderen zu bleiben. Das gelang ihm auch, allerdings lastete dadurch womöglich mehr Gewicht auf dem Flusseis, als es tragen konnte. Dorn sah zu ihm zurück, als wüsste er um seine Angst, und durchbohrte ihn mit seinem Blick.
In dem Moment fuhr etwas in ihn hinein und packte ihn so fest, wie er seine Stöcke umklammerte. Langsamer. Denk dran, was die Nordleute dich gelehrt haben, draußen auf dem gefrorenen Salzmeer.
Er sah zu, wie Dorn und Knack am Ufer auf und ab liefen und prüfend auf das schneebedeckte Eis einstachen. Ihm wurde klar, dass er selbst vermutlich mehr über Eis wusste als die beiden. Stromabwärts hallte das Brausen des offenen Wassers zwischen den Bäumen wider, so laut, dass sie es durch die Fußsohlen spürten.
Eistaucher sah ein gutes Stück Eis am Ufer, das sich anscheinend fast ganz über den Fluss erstreckte. Er lief, als hätte er zwei gesunde Füße. — Lasst mich vorgehen!, sagte er, als er an Dorn vorbeikam und die verschneite Böschung zum Fluss hinunterstapfte. — Das habe ich den ganzen Winter über gemacht.
Er betrat das Eis und klopfte es dabei behutsam mit seinen Gehstöcken ab, als wären sie kurze Unas. Langsam, aber stetig schob er sich vor und achtete dabei darauf, ob das Eis unter ihm in irgendeiner Weise nachgab. Ein Summen erfüllte seinen Leib, wie damals, als ihn mehrere Bienen gestochen hatten. Die Schneeflocken in der Luft waren nun sehr klein, fast nur noch ein feiner Nebel, von einer feinen Brise verwirbelt.