Als sie in der Mitte des Flusses angelangt waren, hörten sie deutlicher denn je das offene Wasser stromabwärts. Das Eis unter ihnen wurde unter der Schneedecke leicht angehoben und ächzte in allen Richtungen, auch stromaufwärts. Unverkennbar spürte es das Nahen des großen Brechens, und deshalb wand es sich stellenweise und schrie — Eistaucher wusste nicht, ob vor Angst oder Verlangen. Er schob sich im gleichen, stetigen Tempo weiter. Die anderen drei blieben dicht hinter ihm und wahrten etwas weniger Abstand voneinander, als die Nordleute es in einer solchen Lage getan hätten.
Stromabwärts kündete ein gewaltiges Knacken und ein mehrfaches tiefes Rumpeln von einem weiteren Abbruch. Eisplatten bäumten sich auf und bescherten ihnen eine noch bessere Sicht auf die schwarzen Fluten. Das Krachen klang wie Donnergrollen.
Eistaucher schob sich so schnell es ging weiter vor. Den Schmerz in Schlimmbein spürte er nicht mehr: Sein ganzer Leib war von einem gleichförmigen Summen erfüllt. Er hielt den Blick fest auf den Teil der Eisdecke gerichtet, den sie noch überqueren mussten. An der Außenkante einer Krümmung ist das Eis am dünnsten. Und nun versperrten ihnen mehrere Löcher den Weg.
Eistaucher wandte sich nach links, stromaufwärts, und stieß seinen Stock vor sich auf das Eis, um sicherzugehen, dass es unter der Schneedecke fest war. Ein dumpfer Laut ließ hoffen, dass das Eis dick genug war, um ihn zu tragen. Er wandte sich nach rechts und schob sich rasch, mit flachen Schritten, über das letzte Stück hin zur Uferböschung, wo er für die anderen Stufen in den Schnee trat. Sie folgten ihm genau in diesen Abdrücken, als führten sie mit großen Schritten einen Tanz auf, den sie schon tausendmal geübt hatten.
Als Dorn ihn oben auf der Böschung eingeholt hatte, legte er den Kopf in den Nacken und stieß ein Heulen aus. Die anderen fielen mit ein und heulten ebenfalls wie Wölfe. Im Krachen des brechenden Eises und im Tosen des Windes konnten sie sich kaum selbst hören.
Und auch ich stimmte in das Geheul mit ein, dann kehrte ich unauffällig an meinen Platz zurück.
Eistaucher spürte die Hitze der Flussüberquerung jetzt als Pochen im ganzen Körper, und zu seiner Überraschung tobte Schlimmbein in rasendem Zorn. Sein ganzes linkes Bein fühlte sich heiß an, als er es berührte. Er ging zu einem umgestürzten Baumstamm, wischte den Neuschnee herunter und setzte sich hin. Seinen Rucksack legte er vorne auf seine Schneeschuhe, stützte die Ellbogen darauf und Kinn und Hände auf die Ellbogen. Dann beobachtete er das tosende Spektakel, das der Fluss bot, während die Eisschollen abbrachen und in der Strömung aneinanderstießen.
Elga setzte sich neben ihn. Knack kauerte sich auf einen Felsen. Dorn nahm seinen Rucksack von der Schulter, stellte ihn in den Schnee, tanzte einen kleinen Tanz auf der Stelle und sang das Lied vom Eisbrechen.
— Sei still, sonst bleibt das Eis wegen dir noch!, rief Eistaucher.
Dorn beachtete ihn nicht, wenn er ihn überhaupt hörte. Und da sie mit Sicherheit hier sitzen bleiben würden, bis das Eis auf diesem Flussabschnitt vollständig gebrochen war, würde er nach jedem Wortwechsel ohnehin als Sieger dastehen. Also hielt Eis-taucher den Mund und beobachtete Dorn beim Singen und Heulen. Nach einer ganzen Weile begann Eistaucher in seinem Rucksack herumzukramen und stellte erschreckt fest, wie klein seine Essensbeutel inzwischen waren. Irgendwie hatte er geglaubt, noch einen vollen Beutel dort drin zu haben, aber er hatte sich geirrt.
— Wie steht es um unseren Proviant?, fragte er.
Doch in diesem Moment richtete sich das Eis direkt vor ihnen auf und zerbarst in weiße Schollen, die gegeneinanderkrachten und um die Flussbiegung davontrieben. Es war ein unglaublicher Lärm. Das rauschende schwarze Wasser, das nun zu sehen war, kam in einer so weißen und lautlosen Welt wie ein Schock.
Nach einer Weile konnten sie sich wieder schreiend verständigen, aber es gab nichts zu sagen, also saßen sie da und beobachteten wortlos das Spektakel. Eisschollen lösten sich und trieben eine nach der anderen an ihnen vorbei. Weiter flussaufwärts strömte das schwarze Wasser unter einer gezackten weißen Linie hervor, die sich immer weiter entfernte. Das ganze Tal hallte von dem Tosen und Krachen wider.
Stromaufwärts, an der Biegung, hinter der sie den Fluss nicht mehr einsehen konnten, war nun eine seichte Stelle zu erkennen, an der Felsen aus dem Wasser ragten und das glatte Schwarz zu weißem Schaum aufwühlten. Das Rauschen, Klatschen und Gurgeln des strömenden Wassers war nun wieder deutlich zu hören, ein Geräusch, das ihnen den ganzen Winter über nicht zu Ohren gekommen war. Noch immer rasten Eisbrocken an ihnen vorbei. Nach einer Weile war der ganze Fluss in beide Richtungen schwarz.
Dorn beendete das Lied des Eisbrechens. — Diesen Fluss wird für eine ganze Weile niemand überqueren, sagte er. — Lasst uns ein Feuer machen!
51
Sie zogen ein Stück stromaufwärts und fort vom Ufer und fanden schließlich eine flache Stelle in einem kleinen Wäldchen aus Kieferngestrüpp und Birken. Inzwischen lag überall Schnee, sodass ihnen nichts übrig blieb, als ihn an einer Stelle mit ihren Schneeschuhen platt zu treten und von einem nahen Geröllhaufen die schwersten Steine zu holen, die sie tragen konnten, als unebene Plattform für das Feuer und als Hocker. Zum Schlafen würden sie sich in den Schnee legen müssen; aber mit einem Feuer und ihren Rentierfellen würde das nicht allzu schlimm sein.
Den restlichen Tag über richteten sie ihr Lager her, und als sie damit fertig waren, war Eistaucher praktisch ein Einbeiniger. Dorn hatte in seiner Gürteltasche ein bisschen Glut von ihrem Feuer der letzten Nacht mitgenommen, und damit und mit etwas Mulm, fettgetränkten Zweigen und kunstvollem Pusten entfachte er das Feuer erneut. Anschließend war er sehr zufrieden mit sich selbst. Unter dem bewölkten Abendhimmel ließen sie sich um das Feuer herum nieder. Einmal mehr hatte Elga um ihren Platz herum zwischen den Bäumen Wände aus Ästen und Schnee errichtet. Und gemeinsam hatten sie einen ordentlichen Stoß Feuerholz gesammelt.
Eigentlich hätte es ein guter Moment sein müssen. Niemand würde hinter ihnen den Fluss überqueren können, zumindest nicht im nächsten halben Monat, vielleicht sogar erst spät im Sommer. Sie waren ihren Verfolgern also entkommen, wenn nicht die Nordleute durch ein unerwartetes Schicksal eine ganz andere Route zu genau dieser Stelle eingeschlagen hatten. Das war so unwahrscheinlich, dass es nicht lohnte, darüber nachzudenken. Es war eine beachtliche Leistung, so hartnäckige Jäger hinter sich zu lassen. Sie hätten stolz sein können. Und ihr Feuer brannte hell im Zwielicht.
Aber sie hatten so wenig zu essen. Und es schneite noch immer.
Sie gingen ihren Proviant durch. Dorn hatte noch einen fast vollen Beutel Nüsse, und so zählte er jedem von ihnen ein paar in die Hand und reichte seinen Wasserschlauch herum. Sie aßen langsam, während sie sich am Feuer trockneten. Da sie ziemlich nass waren, dauerte das eine ganze Weile. Noch bevor Eistaucher damit fertig war, schlief er wider Willen ein. Er gab einfach auf und legte sich direkt an den Steinring ums Feuer, zusammengerollt, um seinen Pelz möglichst fest um sich ziehen zu können. Er bemerkte kaum, dass Elga es ihm nachtat und sich neben ihn legte.
Die ganze Nacht lang schlief er tief und fest und erwachte nur, wenn kalte Luft durch eine Lücke in seiner Umwicklung einsickerte und ihn frösteln ließ. Dann rutschte er herum, zog den Pelz fester um sich, sah nach dem Feuer und warf falls nötig einen Ast darauf, um anschließend das Kinn an die Brust zu legen und wieder einzuschlafen. Weil es die Nacht über schneite, wurde es nie zu kalt.
Sie erwachten, als es hell wurde. Es schneite noch immer und war wieder windiger geworden. Selbst im Dämmerlicht fiel Eistaucher auf, wie abgehärmt seine Gefährten inzwischen waren, und wahrscheinlich sah er selbst nicht besser aus. Er spürte, wie der Hunger ihn von innen ins Rückgrat kniff, bis er sich schwach und schwindelig fühlte.