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Sie setzten sich auf, legten Äste aufs Feuer, tranken Wasser und begutachteten ihren verbliebenen Proviant, den sie dazu auf einem vom Schnee befreiten Stein neben dem Feuer ausgebreitet hatten. Viel war es nicht. Nüsse, Trockenfleisch, Honigkekse. Dorn seufzte schwer, holte seine schärfste Klinge hervor und begann, sehr schmale Streifen von seinem Sitzlappen abzuschneiden, Bänder wie die, mit denen er Elgas Kleider genäht hatte. Leder und Pelz: kein besonders verlockendes Mahl. Doch er reichte jedem von ihnen einen solchen Streifen und begann selbst, auf einem herumzukauen. Eine Nuss, ein Bissen Trockenfleisch, ein Stück Leder und Pelz. Es war nicht leicht, das Leder zu zerbeißen. Man musste es vor dem Schlucken lange kauen.

Noch immer fiel Schnee und verdampfte zischend im Feuer. Der aufgefrischte Wind brachte die Bäume auf den umliegenden Hängen zum Singen. Es war kein guter Tag zum Reisen. Vielleicht konnten sie ein paar Wurzeln zum Essen ausgraben, wenn sie den Tag damit zubrachten, unter der Neuschneedecke nach Nahrung zu suchen. Und sie hatten hier ein gutes Glutbett. Es sah also ganz danach aus, dass es am besten sein würde, wenn sie noch einen Tag hierblieben, und Eistaucher beobachtete Dorn erwartungsvoll, als dieser ihren Unterschlupf verließ, um sich umzusehen. Aber in dem Moment, in dem er das kleine Baumgrüppchen verließ, ertönte dreimal hintereinander ein gewaltiger Donner, der zwischen den Felskämmen über ihnen widerhallte, als würde auch über ihnen am Himmel ein Fluss aufbrechen.

Dorn hatte der Mut noch nicht ganz verlassen, denn er lächelte ein wenig, als er zu ihrem Lagerplatz zurückkehrte. — Ich schätze, wir sollen den Rest des Tages hierbleiben. Lasst uns mehr Holz sammeln und uns auf die Suche nach Nahrung machen.

Es war der sechste Monat, und ein schlimmer Frühling lag hinter ihnen: eine denkbar schlechte Zeit, um etwas zu essen zu finden. Aber vielleicht konnten sie zumindest ein paar kleine, tote Tiere auftreiben. Die Aussicht auf eine solche Nahrungssuche war immer noch besser als die auf die Fortsetzung ihrer Wanderung.

Also verbrachten sie den Tag mit kurzen Ausflügen ins Gewitter hinaus, von denen sie weiteres Feuerholz mitbrachten, nachdem sie auf der Suche nach etwas Essbarem vergeblich mit Stöcken im Schnee herumgekratzt hatten. Sie versorgten die Flammen mit reichlich Nahrung. Einmal, als Eistaucher sich schwach vor Hunger neben dem Feuer auf den Boden plumpsen ließ, um sich von einem Schwindelanfall zu erholen, fragte er Dorn erneut: — Weißt du, wo wir sind?

— Ja, antwortete Dorn kurz angebunden.

Doch Eistaucher konnte sich nicht vorstellen, dass Dorn es wirklich wusste. Kein Zweifel, Dorn wusste über viele Dinge mehr als er selbst. Vielleicht auch darüber, wo sie waren. Aber vielleicht meinte er auch nur, dass er ihren Aufenthaltsort bei Gelegenheit würde bestimmen können. An Dorns Gesichtsausdruck sah er jedenfalls, dass er besser keine weiteren Fragen stellte. Heute würden sie nirgendwohin gehen, und morgen wahrscheinlich auch nicht; bei all dem Neuschnee, der sich zu Schneewehen sammelte, war das Wandern auf ebenem Boden beschwerlich und an den Hängen gefährlich. Darüber hinaus stellte Eistaucher fest, dass er kaum noch gehen konnte. Sobald er Schlimmbein auch nur leicht belastete, schwanden ihm vor Schmerz die Kräfte. Als Dorn beobachtete, wie er neben ihrem Steinhaufen einen entsprechenden Versuch unternahm, schüttelte er den Kopf und winkte Eistaucher ans Feuer zurück. Ihnen blieb nichts weiter übrig, als noch etwas Leder zu essen und abzuwarten. Sie würden erst dann herausfinden, wo sie waren, wenn sie ihren Weg fortsetzen konnten.

Die folgende Nacht war lang. Je hungriger man ist, desto mehr friert man. Das alte Sprichwort erwies sich einmal mehr als wahr. Sie mussten Feuer essen, wie man sagte, weil sie sonst nichts hatten. Nur das Feuer half ihnen durch die lange Nacht.

Am nächsten Tag schneite es heftiger denn je. Bei diesem Wetter weiterzuziehen kam nicht infrage.

Spät am Tag, als es immer dunkler wurde, fand Elga auf ihren Streifzügen eine kleine Wiese unter der Schneedecke und kehrte mit einem Beutel voller Frühlingszwiebeln zurück, die sie mit einem Stock ausgegraben hatte. Die anderen zogen erneut mit ihr los, um noch mehr zu holen.

Wenn man die Zwiebeln über dem Feuer briet, schmeckten sie größer. In ihren Mägen waren sie nicht besonders groß, aber immerhin waren die Lederschnüre dort nun nicht mehr allein. Sie aßen auch Teile der grünen Stängel über den Wurzelknollen, und einmal, während sie auf dem gebratenen Grünzeug herumkauten, beäugte Dorn Elga und sagte: — Eigentlich wollte ich nie in der Geschichte von der Schwanenfrau leben, aber jetzt bin ich trotzdem hier. Und noch dazu nur als der alte Helfer.

Elga schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf. — Wenn ich könnte, würde ich davonfliegen, erwiderte sie.

Dorn lachte sein abgehacktes, bellendes Lachen, das ein wenig an das Grunzen eines durch den Wald polternden Unaussprechlichen erinnerte. Er hielt ihr eine der Frühlingszwiebeln hin.

— Wenn du noch mehr Gänsefutter isst, lernst du es vielleicht.

Wieder war die Nacht lang. Einmal erwachte Eistaucher aus einem Traum, in dem sein Vater ihn davor warnte, einen vereisten Fluss zu überqueren. Er hatte seinem Vater gesagt, dass er sich keine Gedanken machen müsse, weil sie es bereits herübergeschafft hätten. Doch jetzt sollten sie umkehren und den Fluss anscheinend in die Gegenrichtung überqueren. Es würde schwer werden, hatte er sorgenvoll zu seinem Vater gesagt, jetzt, wo das Eis weg war.

Das Feuer war beinahe heruntergebrannt. Nur ein Flämmchen flackerte noch in der rosigen, grau verkrusteten Glut, die langsam schwarz wurde und von den darauffallenden Schneeflocken zischte. Er legte drei Äste darüber und schlief wieder ein, noch bevor sie Feuer gefangen hatten.

Am Morgen wurden sie von Dorn geweckt, der hinter Eistaucher und Elga im Schnee kniete. Er schürzte die Lippen, was ihn wie eine große Eidechse aussehen ließ.

— Knack ist tot.

— Was?, rief Eistaucher. — Wie? Warum?

Er hatte nicht warum sagen wollen, doch jetzt hing das Wort in der Luft wie ein im Flug innehaltender Schwirrvogel. Es hätte unangenehm sein können, aber Dorn war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt und hatte ihn anscheinend nicht gehört.

— Ich weiß nicht, sagte er schließlich, — vielleicht hat er sich an etwas verschluckt, oder er war hungriger, als wir dachten. Jedenfalls ist er tot. Nichts dran zu machen.

Eistaucher und Elga setzten sich unwillkürlich auf. Es schneite noch immer. Elga hielt sich eine Faust vor den Mund und blickte über das Feuer hinweg auf den in Pelze gehüllten Klumpen, der einmal Knack gewesen war. Regungslos lag er da. Eistaucher sah, dass Dorn die Wahrheit gesagt hatte: Eine Leiche war etwas Unverkennbares. Es fehlte plötzlich so viel.

Dorn stand auf und nahm einen seiner tiefen Atemzüge: ein und dann aus. — Ich bringe ihn vom Feuer weg.

Auf wackligen Beinen stapfte er um das Feuer herum zu Knack, ging neben ihm in die Hocke und sah dem Alten ins Gesicht. Es war abgewandt, als wollte Knack nicht, dass sie ihn tot sahen. Dorn streckte die Hand aus und zog dem Mann die Bärenpelzdecke über den Kopf, in die der Rest von ihm schon eingewickelt war. Jetzt war er nur noch ein mannsgroßer Klumpen in einem Bärenfell. Dorn fasste den Pelz dort an, wo er um Knacks Füße gewickelt war, und zog ihn über den Pfad, den sie auf ihren Wegen aus ihrem Unterschlupf und wieder hinein in den Schnee getrampelt hatten. Der Schnee fiel in dichten Wolken, und die Kiefern an den Hängen sangen ihr rauschendes Windlied.

Sobald Dorn Knacks Leichnam hinter einige Bäume außer Sicht gezogen hatte, hörten Eistaucher und Elga, wie er eines seiner Schamanenlieder sang, das dem Sterbenden auf dem Weg in die nächste Welt helfen sollte: