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Jetzt reist du zum Himmel, Finde Frieden, wir denken an dich.

Anschließend herrschte für eine Weile Stille, dann und wann unterbrochen von Schnaufen und Poltern. Als Dorn ans Feuer zurückkehrte, hielt er Knacks zusammengeknüllten Mantel in den Händen. Er ließ sich schwer auf einen Stein am Feuer nieder und holte einige seiner Klingen aus dem Rucksack. Ohne ein Wort begann er, Lederstreifen aus Knacks Mantel zu schneiden.

Nach einer ganzen Weile schlug er vor, dass die beiden anderen Feuerholz sammeln gehen sollten. Elga stand auf und verließ den Unterschlupf, wobei sie mit Bedacht eine Richtung einschlug, die sie von Knack wegführte. Eistaucher erhob sich ebenfalls und humpelte los. Schlimmbein wollte sich überhaupt nicht mehr bewegen, und er hatte in der ganzen linken Seite Schmerzen, und auch in Brust und Schultern. Angesichts all der zerschundenen Stellen wurde ihm klar, wie sehr er sich hatte verausgaben müssen, um selbst mit seinen Stöcken zu gehen. Bei den nächstgelegenen Bäumen wühlte er im Schnee nach totem Holz. Die Flocken sanken auf ihn nieder.

Die folgende Nacht war windig. Sie gaben dem Feuer viel Nahrung und schliefen hungrig.

Am nächsten Tag war es wieder stürmisch. Sie lagen in ihre Pelze gewickelt da und starrten ins Feuer. Von Zeit zu Zeit stand einer von ihnen auf, um sich zu erleichtern oder um mehr Holz zu sammeln. Inzwischen hatten sie ein Glutbett, auf dem auch feuchtes oder grünes Holz brannte, weshalb es leichter war, Brennstoff zu finden. Aber in dem immer tieferen Schnee wurde es schwerer, sich zu bewegen, und es wurde schwerer, an etwas anderes zu denken als an den Hunger, der an ihren Eingeweiden nagte. Kaum zu glauben, dass es der sechste Monat war. Andererseits war bekannt, dass Unwetter im sechsten Monat immer besonders schwer waren.

In jener Nacht stürmte es wieder. Hungriger denn je hielten sie das Feuer in Gang. Hungern bedeutete frieren.

Im Morgengrauen legte Dorn immer mehr Äste aufs Feuer, bis es hoch aufloderte, und wandte sich dann mit ausgestreckt erhobenen Armen nach Osten. Er sang ein Lied, dessen Worte Eistaucher nicht verstand und die so seltsam klangen, dass es sich vielleicht nur um bedeutungslose Laute handelte.

Als Dorn damit fertig war, wandte er sich Eistaucher und Elga zu und stemmte die Hände in die Hüften. Sie sahen aus ihren Pelzen zu ihm auf.

— Wir müssen etwas essen, sagte er zu ihnen. — Den Weg nach Hause suchen wir, wenn der Sturm vorbei ist und der Schnee zur Ruhe kommt, aber wir brauchen Nahrung, sonst schaffen wir es nicht.

Er starrte auf sie herab.

Elga sagte: — Dann müssen wir also Knack essen.

Dorn nickte schwer. Er sah sie auf eine Art an, auf die er Eistaucher noch nie angesehen hatte.

— Ja, sagte er. — Genau. Knack ist seit zwei Tagen tot. Er ist gefroren. Ich werde also ein paar Fleischstücke aus ihm herausschneiden, die wir anschließend braten und essen. Sein Fleisch ist zäh und alt, aber etwas anderes haben wir nicht. Es betrübt mich, das zu tun, aber Knack wird es verstehen. Ich habe gerade mit ihm darüber geredet, und sein Geist ist inzwischen weit aus seinem Körper heraus und oben zwischen den Sternen. Er sagt, dass es ihn freut, wenn er uns behilflich sein kann. Und er sagt Dange. Wie er es immer gesagt hat.

Eistaucher warf Elga einen Blick zu. Mit einem Mal spürte er, dass ihm der Mund offen stand. Sie erwiderte seinen Blick und schluckte schwer. Eistaucher schloss den Mund, und auch er schluckte. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Er musste pinkeln, und beim Gedanken an gebratenes Fleisch lief ihm beinahe der Speichel übers Kinn. — Ich muss pinkeln, sagte er.

— Geh dort entlang, sagte Dorn und zeigte von Knack weg. — Und dann lass mich in Ruhe. Damit stapfte er, eine Klinge in der Hand, durch den frischen Schnee dorthin, wo er Knacks Leichnam abgelegt hatte.

Eistaucher erhob sich und ging zum Pinkeln in die andere Richtung. Die Luft war eiskalt. Er spürte den Hunger in seinem Innern. Das Schlimmste daran war nicht die Schwäche seiner Muskeln, sondern der Schwindel. Die Welt um ihn herum hatte keine Tiefe, sie war ausgebleicht. Er konnte die Bäume, die sich an den höheren Hängen im Wind hin und her warfen, nicht ansehen, er musste den Kopf abwenden, damit er nicht das Gleichgewicht verlor. Er wusste nicht mehr, wie weit entfernt die Dinge waren. Das war die eigentliche Gefahr, die der Hunger mit sich brachte, das und die schiere Schwäche.

Als er zum Feuer zurückkehrte, saß Elga in ihren Pelz gehüllt und kümmerte sich um das Feuer. Frisch aufgelegte Äste entflammten. Sie sah zu ihm auf, und während sie einen Blick wechselten, erkannte Eistaucher, was sie dachte: Da lässt sich nichts machen. Später würden sie einander den Rücken decken, die gleiche Geschichte erzählen. Nichts zu machen. Jetzt war es an der Zeit, weiterzuleben.

Er ließ sich neben ihr nieder, brach fast zusammen, und sie wickelten sich ihre Pelze gemeinsam um die Schultern, zogen sie über ihre Köpfe. Sie kauerten sich aneinander wie Welpen, während die Füchsin fort war.

Als Dorn zurückkehrte, hielt er eine in seinen Lederlappen gewickelte Masse mit beiden Händen vor sich ausgestreckt. Er setzte sich ans Feuer, griff nach einem schlanken, alten Ast, entfernte die Rinde davon und brach die Spitze ab. Dann schlug er das Leder zur Seite und holte einen Brocken Fleisch heraus, etwa von der Größe seiner Faust; anscheinend ein Rumpfstück. Es war noch gefroren. Er musste mit seiner Klinge ein Loch hineinbohren, um das spitze Ende des Stocks hindurchzubekommen. Als das Fleisch schließlich fest auf dem Stock saß, hielt er es ins Feuer. Zuerst hielt er es mitten in die Flammen, um es zu grillen; dann neben die Flammen, um es aufzutauen; und dann über die Flammen, um es zu garen. Ein leichtes Brutzeln war zu hören, als Fett und Blut ins Feuer tropften, worauf Dorn das Fleisch sofort zurückzog und in der kalten Luft dampfen ließ. Der Wind wehte einige Schneeflocken von den Bäumen über ihnen herab. Er berührte das Fleisch prüfend mit den Lippen, entblößte dann einen Eckzahn und biss wie eine Katze hinein; biss ein Stück ab und begutachtete das Fleisch an der entsprechenden Stelle: rosig. Es war durch. Er kaute und schluckte das Stück. — Ah, sagte er. — Danke.

Er reichte das gegarte Fleisch mitsamt Ast Elga, die sich bedankte und ohne viel Aufhebens hineinbiss, als wäre es ein ganz normales, aus einem Tier geschnittenes Stück. Eistaucher lief das Wasser im Mund zusammen, und er war froh, als sie ihm den Stock weiterreichte und ihn abbeißen ließ. Das Fleisch schmeckte ein wenig wie Bärenfleisch. Sehr zäh, als hätte Knacks ganzer Körper aus Herzmuskelfleisch bestanden. Einen Moment lang zuckte etwas in Eistauchers Gesicht, und er weinte, doch Elga und Dorn reagierten nicht darauf.

Dorn garte ein zweites Stück, und während sie es aßen, ein etwas kleineres drittes, das vom vorderen oder hinteren Oberschenkelmuskel stammen mochte. Sie reichten den Stock herum und aßen schweigend. As sie fertig waren, reichte Dorn seinen Wasserschlauch herum. Eine Weile sah er zum Himmel; die Wolken hingen noch immer tief und eilten nach Osten, aber sie brachen auch langsam zu dunkelgrauen Massen auf, zwischen denen weiße Fäden wie Sprösslinge verliefen. — Legt euch hin, solange ihr das gute Essen im Bauch habt, damit es sich in euch ausbreitet, sagte er. — Ihr kennt das ja, nach einer Weile ist der Magen so leer, dass er vergisst, wie man isst. Heute sollten wir ohnehin nicht mehr weiterziehen, dafür ist der Schnee zu weich. In einer Weile essen wir noch einmal, und morgen gehen wir dann los.

Und es stimmte, was er über Nahrung und einen leeren Magen gesagt hatte: Eine Weile war Eistaucher schlecht, und sein Bauch fühlte sich hart an. Am leichtesten war es, einfach dazuliegen und ins Feuer zu schauen, während er Elgas Arm umklammert hielt. Nach einer Weile ging es ihm besser. Er fühlte sich wärmer, gekräftigt, konnte wieder klarer sehen. Später musste er zum Scheißen hinaus in den Schnee, und als er wieder am Feuer war und sich aufwärmte, fühlte er sich besser denn je.