Den ganzen Tag lagen sie zu dritt da und badeten im Feuerschein, während Knacks Fleisch sie von innen wärmte und ihnen Kraft gab. Jeder ging dann und wann in den grauen, windigen Tag hinaus, um sich zu erleichtern oder einfach nur aufzustampfen, bis das Gefühl in die Beine zurückkehrte. Eistaucher machte sich Sorgen, weil er Schlimmbeins Fuß nicht mehr spürte. Erfroren war er anscheinend nicht, aber weitgehend taub. Das war besser als der Schmerz, aber er wusste nicht, wie er so laufen sollte.
Der nächste Morgen graute klar und kalt, und nachdem sie das Feuer ein letztes Mal hoch aufgeschichtet und eine weitere Mahlzeit, die aus Knacks gegrillten Unterschenkeln bestand, eingenommen hatten, erhoben sie sich, sammelten ihre Sachen ein und schnürten ihre Rucksäcke. Schon bald waren sie aufbruchbereit.
Dorn bedeutete ihnen zu warten. — Knack nehmen wir mit, sagte er. — Wir werden ihn brauchen.
Er hielt ein Seil hoch, das er aus Knacks Mantel gemacht hatte. Die Streifen hatte er zu einer Leine zusammengebunden. Sie war länger, als Eistaucher vom Ansehen des Mantels her vermutet hätte, und machte einen festen Eindruck. Dorn ging zu Knacks Leichnam, und als er zurückkehrte, zog er ihn mit den Füßen voran hinter sich her. Um Knack hatte er mit Lederbändern eine Bärenhaut gebunden, sodass sie eine Art Schlitten bildete, in dem man ihn über den Schnee ziehen konnte. Das Seil war lang genug, damit Dorn es als Behelfsgeschirr zweimal um seinen Rumpf schlingen und es anschließend am Knoten um Knacks Füße befestigen konnte. So zog er das verschnürte Bündel aus dem Wäldchen auf die Schneefläche hinaus und ging anschließend seine Schneeschuhe und seinen Rucksack holen. Die Schneeschuhe zog er an, ohne dafür das Geschirr abzulegen.
Sie machten sich auf den Weg. Der Schnee war noch nicht ganz fest, aber die Schneeschuhe erwiesen sich einmal mehr als große Hilfe und sorgten dafür, dass sie nur knöcheltief einsanken.
Doch als es das erste Mal bergab ging, kippte Eistaucher nach links und kam nicht wieder auf die Beine. Schlimmbein ließ sich weder am Knöchel noch am Knie beugen, und er konnte seinen Fuß nicht spüren. Er schrie und mühte sich, kam auf die Knie, rückte die Schneeschuhe zurecht, stand mithilfe seiner Arme und der Stöcke auf und fiel dann beim nächsten Schritt wieder nach links. Hilflos sah er zu den anderen auf.
— Ich sagte doch, dass wir Knack noch brauchen werden, sagte Dorn grimmig. — Eistaucher, kriech hierher und setz dich auf den Schlitten. Leg dich seitlich darauf. Knack ist es egal. Und wir müssen weiter.
— Ich ziehe ihn, sagte Elga. — Such du den richtigen Weg. Ich ziehe die beiden.
— In Ordnung. Das ist gut. Während sie das Seil zu einem Geschirr um Elgas Brust schnürten, fügte er an Eistaucher gewandt hinzu: — Deine Frau gefällt mir.
Für einen kurzen Moment lachten sie alle.
52
Es war, als läge er auf einem umgestürzten Baum. Im Wald hatten sie das alle schon das eine oder andere Mal probiert — hatten sich zu einem Nickerchen auf die flachste verfügbare Oberfläche gelegt. Knack war vollständig von dem um ihn gewickelten Bärenpelz bedeckt, und Dorn hatte ihn an Zehen und Kopf gut zugeschnürt. Und Knack war steif gefroren. Mit den Schneeschuhen an den Füßen und sich mit ihren beiden Gehstöcken abstoßend zog Elga den Schlitten ohne große Schwierigkeiten durch den Schnee. Später am Tag, als der Schnee weicher wurde, hatte sie es schwerer. Doch der alte Schnee war steinhart, weshalb Eistaucher und Knack nur in die frische Schicht darüber einsanken, und auch der frische Schnee würde in einem oder zwei Tagen härter werden. Außerdem war Elga stark.
Als es bergab ging, musste sie den Schlitten vor sich hinabgleiten lassen und an den steilen Stellen aufpassen, damit sie nicht mitgerissen wurde. Eistaucher konnte ihr helfen, indem er Gutbein und einen seiner Stöcke in den Schnee hinausstreckte, um zu bremsen. Auf der Seite liegend, konnte er Elga, wenn es bergab ging, direkt ins Gesicht sehen. An den steileren Hängen bildeten die Falten zwischen ihren Brauen einen Keil auf ihrer Stirn. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen, und ihre Rippen stachen hervor: Die Fettpolster hinter ihren Augen und um ihre Rippen waren aufgezehrt.
Ein- oder zweimal führte Dorn sie seitlich an Hängen hinab, doch wenn sie ihm dabei zu folgen versuchte, rutschte der Schlitten immer hangabwärts, sodass sie mehrmals mit den Schneeschuhen aufstampfen und dann einen großen Schritt nach unten machen und sich eine weitere Stufe stampfen musste, wobei sie nur mit Mühe und Not das Gleichgewicht wahrte und sich rasch zurücklehnte, wenn der Schnee wegbröckelte. Immer wieder war Eistaucher verblüfft über ihre fließenden und kraftvollen Bewegungen; er hätte es ihr wohl nicht nachtun können, nicht einmal mit zwei gesunden Beinen. Mit einem Mal erkannte er, dass sie eine Nordfrau war, dass sie im Schnee aufgewachsen war. Seine Frau kam aus einer anderen Welt, wie Dorn es am Feuer mit seiner Rede von der Schwanenfraugeschichte angedeutet hatte. Wenn es schwierig wurde, stand sie ächzend und schnaufend da, mit rotem Gesicht und die Augen zu Schlitzen zugekniffen, aber jede ihrer Bewegungen war sicher. Und sie ließ nicht nach.
Auch Dorn bemerkte, welche Schwierigkeiten ihr der Schlitten an den Hängen bereitete, weshalb er immer öfter vorauslief, an den Hängen hinabschlitterte, um die Steinspitzen zu begutachten, um sie dann hinterherzuwinken oder sich wieder emporzumühen und eine andere Richtung einzuschlagen.
Das Tal, in dem sie sich befanden, verlief nach Süden, und bald wurde klar, dass Dorn nach Osten wollte. Zu Mittag legten sie eine Rast ein, und während Eistaucher und Elga neben dem Schlitten auf einem Baumstamm saßen, steckte er einen Stock in eine Schneefläche und brach weitere Stöcke ab, um abzumessen, wie lang der Schatten zu Mittag war. Sie befanden sich in der Mitte des sechsten Monats; Eistaucher war sich nicht sicher, welcher Tag es genau war, weil der Mond so lange von den Unwetterwolken verdeckt gewesen war. Aber Dorn wusste es. Und er wusste auch, so erklärte er ihnen, während er Stöcke in verschiedenen Längen abbrach, wie lang der Schatten eines Stocks im Verhältnis zu seiner Höhe an einem Mittsommermittag in ihrem heimischen Lager war. Was bedeutete, dass er daran, wie viel länger oder kürzer der Schatten hier war, vielleicht erkennen konnte, ob sie sich nördlich oder südlich ihres Lagers befanden. Zu Hause hatte der Schatten ein Sechstel der Länge des Stocks.
Hier war es etwa genauso, was ihn nach eingehender Untersuchung und ausgiebigem Gemurmel zu dem Schluss gelangen ließ, dass sie einfach nur weiter Richtung Osten gehen mussten, um nach Hause zu gelangen. Er war sich nämlich ziemlich sicher, dass sie sich westlich ihres Lagers befanden.
— Wir können von Glück sagen, dass ich das weiß, weil man nämlich unmöglich herausfinden kann, ob man sich östlich oder westlich eines Orts befindet. Nur ob man nördlich oder südlich ist, lässt sich in Erfahrung bringen. Der alte Pfeifhase hat mir diesen Trick gezeigt, und er meinte, dass er ihn von seinem Raben gelernt habe und der erste Mensch sei, der ihn gekannt hätte. Das hat er dauernd behauptet, aber ich habe nie einen anderen Schamanen von diesem Trick erzählen hören, weder auf dem Acht-Acht noch anderswo.
— Wenn wir östlich des Lagers wären, dann befänden wir uns in den großen Bergen, bemerkte Elga.
— Das stimmt.
Also mussten sie sich, soweit möglich, Richtung Osten halten. Aber die Täler in dieser Gegend verliefen nach Süden, weshalb sie es nicht leicht hatten.
Schließlich stiegen sie über einen Hügelkamm in ein schmales Tal mit ebenem Grund, das einen Bogen nach Osten beschrieb, und Dorn führte sie etwas abseits des Bachbetts hindurch, dort, wo der Schnee am härtesten war. Den ganzen Nachmittag lang wanderten sie weiter. Als die Sonne hinter ihnen tief stand, sodass ihre Schatten sich vor ihnen weit durchs Tal dehnten, machte Dorn bei einem Wäldchen halt, wo ein kleiner, zugeschneiter Wasserlauf in den Talbach mündete. An der Einmündung gab es ein Loch im Schnee, und das freundlich glucksende Wasser war beinahe der einzige Laut abgesehen von ihrem Atmen.