Endlich war es windstill. Über dem südlichen Horizont waren Wolken zu sehen. Die Nacht würde kalt werden, und Dorn stampfte einen Bereich für ihr Lagerfeuer nieder. Erneut hatte er etwas Glut mitgenommen, eingewickelt in Kiefernnadeln und in einem Wurzelknoten verstaut, der in seinem Gürtel steckte. Mit dieser Glut entlockte er einer weiteren Handvoll Mulm aus seinen Vorräten eine Flamme. Er machte es sehr gut, doch diesmal beglückwünschte er sich nicht selbst zu seiner Arbeit. Er zog Knack vom Feuer fort, damit er nicht auftaute. Eistaucher hüpfte auf Gutbein und seinen Stöcken umher, um Feuerholz zu sammeln. Insbesondere bei dieser Aufgabe fehlte ihnen Knacks Unterstützung, weil er Äste hatte abbrechen können, die für sie zu dick waren. Es war schon beinahe dunkel, bevor sie genug Nahrung für das Feuer beisammenhatten.
Einmal mehr entfernte Dorn sich mit quietschenden Schritten über den zunehmend harten Schnee, seine Klinge in der Hand. Der Himmel im Westen war von einem üppigen, reinen Blau, scharf abgeschnitten vom hügeligen schwarzen Horizont. Direkt über den Hügeln, wo das Blau am hellsten war, pulsierte und knisterte es rötlich vor Eistauchers Augen. Wenn er den Mund öffnete, dann hörte er sein Herz hinten in seiner Kehle pochen. Er war wieder hungrig.
Dorn kehrte wie schon in der vorangegangenen Nacht mit einem in Leder gewickelten Klumpen zurück, den er diesmal allerdings weiter von sich weghielt als zuvor. Er versengte die Stücke und briet sie dann. Einmal mehr lief Eistaucher das Wasser im Mund zusammen, obwohl er heute nicht einmal hatte wandern müssen. Elga starrte so angestrengt auf das Fleisch, dass das Weiße in ihren Augen rund um die Iriden sichtbar war.
Sie aßen schweigend, ehe sie sich am Feuer in ihre Pelze wickelten und mehr Feuerholz aufschichteten, um ein großes Glutbett zu bekommen. Ein letztes Mal erleichterten sie sich unter dem Sternenhimmel, und Dorn zog Knack etwas dichter ans Feuer, damit nächtliche Aasfresser sich nicht an ihn heranwagen würden. Schon ein paar Schritte vom Feuer entfernt war die Luft eisig. Auch die heutige Nacht würde kalt werden, vielleicht sogar die kälteste Nacht ihrer bisherigen Reise. Am Ende eines Unwetters ist es immer am kältesten.
Sie rollten sich fest in ihre Pelze und legten sich so dicht an das Feuer, dass ihnen dann und wann der Geruch versengten Fells in die Nasen stieg. Nach Mitternacht war es so kalt, dass sie sich ohne darüber zu reden aneinanderdrängten wie Pferde in einem Gewitter. Erst lag Elga zwischen den beiden Männern, später, als die Sterne langsam über den Himmel krochen, rückte der am weitesten vom Feuer Liegende direkt an den Steinring und drückte dabei die anderen beiden mit dem Rücken weg. So zwängte der kälteste Teil ihres Dreierleibs sich an den wärmsten Platz, und die Person, die nun außen lag, kuschelte sich an den Rücken derjenigen, die in der Mitte lag. Immer im Kreis ging es so, Faust um Faust, wie bei einem Wurf Kätzchen. Schließlich ging der Mond Atemzug für Atemzug unter. Es war der einzige Zeitpunkt, zu dem sich leicht erkennen ließ, wie der Nachthimmel sich über einem drehte. Danach mussten sie bis zum Ende der Nacht nur noch etwa zwei Fäuste überstehen.
Als der Morgen am östlichen Himmel graute, erwachte Eistaucher direkt an der Glut, den Rücken an Dorn gedrückt. Eine Bewegung auf der anderen Seite des Feuers veranlasste ihn, den Kopf zu heben. Es war Knack. Er stand auf den Knien, weil Dorn seine Unterschenkel ja entfernt und gebraten hatte. Auf Knacks Gesicht lag ein Ausdruck, den Eistaucher nicht ganz begriff, eine seltsame Mischung aus Stolz und Sehnsucht, Enttäuschung und Kummer. Eistaucher wollte ihm zugirren, sagte dann aber doch lieber nichts, weil er Angst hatte, Dorn und Elga zu wecken. Ihm wurde klar, dass auch er noch schlief, dass er träumte. Er formte die Worte mit den Lippen und sprach sie im Traum: — Danke. Und dann ließ er den Kopf sinken, schloss die Augen und dachte: Jetzt wird Knacks Geist für den Rest der Nacht über uns wachen. Allerdings waren in einer so kalten Nacht ohnehin nur Geister unterwegs, weshalb ihm keine Gefahren drohten.
Die nächsten drei Tage waren hart. Es wurde etwas wärmer. Ihr Schlitten wurde kürzer. Eistaucher stand so oft wie möglich auf und ging ein wenig, aber jedes Mal musste er viel früher, als es ihm lieb war, auf den Schlitten zurückkehren. Elga und Dorn wechselten sich nun mit dem Ziehen ab. Elga verlor noch immer Gewicht: Ihre Brüste waren inzwischen fast völlig flach, ihre Augen hatten sich tief in die Höhlen zurückgezogen, ihre obersten Rippenbögen stachen weit hervor. Die Form ihres Schädels war gut zu erkennen. Dorn, der seit jeher nur aus Haut und Knochen bestand, hatte einen Schlangenkopf bekommen, ohrlos, lippenlos, fleischlos. Er sprach sehr wenig, vor allem im Vergleich zu seinen normalen Zeiten, und hatte es immer eilig, auf Grate zu gelangen, von denen aus man nach Osten sehen konnte, weshalb er oft voranlief. Sie folgten seinen Spuren und fanden ihn oben wieder, wo er, die Augen mit der Hand beschirmt, nach Osten blickte, sorgenvoll auf der Suche nach Hinweisen. Niemand sprach davon, dass sie sich verlaufen hatten. Jeden Nachmittag machten sie halt und entfachten ein Feuer, wobei sie die Glut der vergangenen Nacht verwendeten, und jeden Abend aßen sie in der blauen Dämmerung gebratenes Fleisch, darunter Nieren, Leber und sogar das Herz, das noch zäher war als die zähen alten Muskeln, die sie zuerst verzehrt hatten. Bei Nacht lagen sie aneinandergeschmiegt am Feuer. Nur eine der folgenden Nächte war annähernd so kalt wie die letzte Unwetternacht, und am darauffolgenden Morgen zog Dorn los und kehrte mit zwei Händen voller Stare zurück, die er bei den Füßen hielt. Er hatte sie in einer kleinen Gruppe von Schwarzkiefern gefunden, wo sie in der Nacht erfroren und von den Ästen gefallen waren. Gegrillt stellten sie eine willkommene Abwechslung dar.
Auf den Wiesen, an denen sie vorbeikamen, fanden sie auch weitere Frühlingszwiebeln. Von denen fühlten sich ihre Bäuche zwar aufgebläht an, aber sie aßen sie trotzdem. Der frische Schnee schmolz schnell, und jeden Tag taute auch etwas von dem alten Schnee. An den Nachmittagen sahen sie immer öfter schwarzes Wasser, das zwischen zunehmend schwarzen Ufern rauschte. Endlich kam der Sommer. Jetzt mussten sie nach Schneebahnen Ausschau halten, auf denen sich der Schlitten leichter ziehen ließ. Während der letzte alte Schnee schmolz, wurden die Mulden darin immer tiefer, sodass der Schlitten sich durch sie fast ebenso schlecht ziehen ließ wie über schneefreien Boden. Eistaucher ging über immer weitere Strecken selbst, wobei er statt Schlimmbein seine Stöcke verwendete, doch Dorn war ungeduldig und befahl Eistaucher manchmal, sich wieder auf den Schlitten zu legen und ziehen zu lassen. Elga schürzte darauf bloß die Lippen und zog, ob Eistaucher nun aufsaß oder nicht. Manchmal übernahm Dorn für sie, doch wenn es bergab ging, musste er wieder an Elga übergeben, da er inzwischen zu leicht war, um den Schlitten zu halten.
Dann kam ein Nachmittag, an dem Elga in den Schnee fiel und nur sehr langsam wieder auf die Beine kam. Eistaucher stieg von dem Schlitten, der inzwischen sehr viel kürzer und unförmiger war, und humpelte zu ihr. Er fühlte sich furchtbar. Mit einem Mal wurde ihm klar, wie ausgemergelt und sonnenverbrannt sie war, beinahe zu schwach, um wieder aufzustehen. Sie hatte sich zuschanden gelaufen, ohne ein Wort darüber zu verlieren.
— Nein!, sagte Eistaucher, als sie schließlich aufstand und die Schlittengurte festzog. — Jetzt bin ich dran.
Er nahm ihr das Geschirr ab und legte es sich um die Hüften. Mit seinen Gehstöcken und seinen Beinen hatte er sich in einen Vierbeiner verwandelt, einer Hyäne nicht unähnlich, hässlich und mit hochstehenden Schultern. Aber er konnte noch immer weiterhüpfen, wobei er Schlimmbein hinter sich herzog und wann immer möglich zu Hilfe nahm. Elga humpelte hinter ihm in der leichten Vertiefung, die der Schlitten im Schnee hinterließ.