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Inzwischen konnte keiner von ihnen noch besonders gut gehen, weshalb sie sich immerhin mit etwa der gleichen Geschwindigkeit bewegten. Wortlos taumelten sie weiter, schlugen jeden Tag früher ihr Lager auf und machten sich auf die Suche nach Knollen und Feuerholz. Nachts schliefen sie auf trockenem Boden oder trockenem Fels, warm von der Hitze des Feuers.

Schließlich kam der Tag, an dem sie alle der völligen Erschöpfung nahe waren. An jenem Tag war es Schlimmbein, das sie durchbrachte, weil es als Einziges noch Muskeln hatte, die nicht völlig ausgelaugt waren. Es war nun Schlimmbein, das Eistaucher beim Gehen am meisten Vortrieb gab, trotz aller Schmerzen. Also zog Eistaucher den Schlitten, manchmal mit Dorn darauf und manchmal sogar mit Elga, die vor Wut weinte, weil sie sich hinlegen und schleppen lassen musste. Doch Eistaucher bestand darauf. Verglichen mit allen anderen war Schlimmbein ausgeruht, und Eistaucher lernte bald, den Schmerz einzudämmen, sodass nur ein kleines, quälendes Stechen bei jedem Schritt blieb, das man ignorieren konnte wie einen ungebetenen Gast, einen Eindringling, jemanden, an dem man rasch und grußlos vorbeiging wie an einer Hyäne oder einem Hecht. Schritt für Schritt schaffte er es mit dieser Einstellung, zumindest fast. Sein dritter Atem, vielleicht sogar ein noch späterer Atem, war nun in ihm, und er biss die Zähne zusammen und spürte der Kraft in jenen Teilen von Schlimmbein nach, die nicht schmerzten. Selbst Gutbein war inzwischen weniger kräftig als Schlimmbein.

Ich bin der dritte Atem Ich komme zu dir Wenn dir nichts geblieben ist Wenn du nicht mehr weiterkannst Aber trotzdem weitermachst In jenem äußersten Moment

Am Nachmittag desselben Tages stiegen sie einen bewaldeten, verschneiten Hang zu einem kahlen Grat empor, der von Südwesten nach Nordosten verlief. Alle drei bis vier Schritte machten sie eine Pause. Oben angekommen, beschirmte Dorn sich mit der Hand die Augen und sah nach Osten.

Plötzlich sagte er: — Nanu, was ist das?

Er streckte den Finger aus. — Siehst du den Gipfel, der dort hinten genau über den Horizont ragt, jenseits der Bäume? Das ist die südliche Eiskappe. Pui Mir.

Dorn spähte weiter nach Osten. Dann sah er Elga und Eistaucher lächelnd an. Es war, als sähe man eine Schlange lächeln, unerwartet und abstoßend, aber trotzdem war es ein Lächeln.

— Ich bin mir sicher.

53

Die Vorstellung, zu wissen, wo sie waren, machte ihnen natürlich neuen Mut. Aber ihre Probleme waren alles andere als vorbei, weil die südliche Eiskappe sich ein gutes Stück westlich ihres Lagers befand und das Eis über all den Flüssen und sogar über den Bächen inzwischen gebrochen war und sie Hochwasser führten. Von jetzt an würden sie nicht mehr übers Eis gehen, was einerseits eine Erleichterung war; aber andererseits waren sie zu schwach, um einen Wasserlauf an einer mehr als knöcheltiefen Furt zu durchqueren. Das Lager befand sich östlich von ihnen, aber die Schluchten verliefen hier von Nordosten nach Südwesten, sodass sie oft gegen die Maserung des Lands laufen und einen Bach nach dem anderen durchqueren mussten. Normalerweise war es am einfachsten, diese kleinen Bäche auf umgestürzten Bäumen zu überqueren. Doch da Eistaucher sich nicht darauf verlassen konnte, mit Schlimmbein das Gleichgewicht zu wahren, machten solche Stämme ihm mehr Angst als jede Furt. Jedes Mal setzte er sich auf den Hintern und rutschte oder kroch über den Baum, selbst wenn der Stamm so dick war, dass er ihn normalerweise auch im Handstand hätte überqueren können. Elga und Dorn, die sich inzwischen etwas erholt hatten, mussten auf dem Weg über solche Stämme Knack zwischen sich tragen wie einen in Fell gewickelten Holzscheit und ihn zwischen den nach oben weisenden Ästen hindurch oder über sie weg bugsieren. Eistaucher konnte ihnen dabei nicht helfen.

Hinzu kam, dass jetzt, wo es zwischen Mittag und kurz nach Sonnenuntergang deutlich wärmer wurde, der arme Knack nachmittags leicht zu tauen begann und in der Nacht wieder gefror, wodurch sein Fleisch zunehmend ungenießbar wurde. Eines Abends, nachdem sie einige seiner Rippen abgenagt hatten, machte Dorn sich ein letztes Mal an ihm zu schaffen und kam mit den letzten drei Beuteln Fleisch zurück, die sie in eine nahe Schneewehe steckten.

— Du kannst jetzt ohne Pause gehen?, fragte er Eistaucher.

— Ja, antwortete dieser, in der Hoffnung, dass es die Wahrheit war.

— Gut. Morgen lassen wir ihn zurück. Wir können später wiederkommen und seinen Leichnam richtig bestatten.

Er holte Knacks Beinlinge aus einer der Taschen und legte sie zum Verbrennen aufs Feuer, dabei sang er für Knacks Geist ein Abschiedslied:

Nun bist du fort, wir liebten dich. Nun bist du fort, wir danken dir. Nun ruhst du über uns im Himmel. Und wir werden dich nie vergessen.

Nach einer weiteren kalten Nacht, die sie aneinandergeschmiegt am Feuer verbrachten, eine Nacht, in der ihnen Knack keinen Besuch abstattete, erwachten sie in einem kalten Nordwind. Das war nicht gut für sie; der Wind war mit Abstand ihr schlimmster Feind; Schnee wäre besser gewesen, sogar Regen. Ihr Glück schien sie gänzlich im Stich gelassen zu haben, vielleicht wegen dem, was sie Knack angetan hatten. Es war jedenfalls schlimm.

Nachdem sie sich so gut wie möglich eingemummelt hatten, gingen sie gemeinsam zu den Resten von Knacks Leichnam, schleppten ihn zu einer Gruppe nach Süden blickender Felsen und legten ihn für die Vögel aus. Schon jetzt zankten sich schwarze Bussarde über ihnen im böigen Wind. Dorn sang das Trauerlied und versprach Knack, zurückzukehren und die verbliebenen Knochen einzusammeln, um sie richtig zu bestatten, wenn es so weit war.

Dann setzten sie ihren Weg ohne ihn fort.

Inzwischen ging Eistaucher so viel wie möglich mit seinen Stöcken, aber natürlich musste auch Schlimmbein seinen Beitrag leisten, daran führte kein Weg vorbei. Wann immer sie nachmittags über Schneereste gingen, kamen sie mit ihren Schneeschuhen besser voran, und für die brauchte er Schlimmbein in jedem Fall. Eistaucher musste einfach über dieses kleine, peinigende Knacken hinwegschreiten. Man konnte es beinahe hören. Und tatsächlich: morgens, wenn seine Gelenke steif waren und um ihn herum Stille herrschte, hörte er es knacken, wenn der Schmerz ihn durchfuhr. Das Geräusch ähnelte sehr einem von Knacks kleinen Schnalz-Worten, weshalb es Eistaucher bald vorkam, als hätte Knack den Platz von Schlimmbein und von Kreuch eingenommen. Knack war in ihn eingezogen, um gegen die schlechte Behandlung zu protestieren, die seine Kameraden ihm nach seinem Tod hatten angedeihen lassen, oder vielleicht um ihm auf seinem Weg zu helfen. Mit jedem Schritt knackte Knack in ihm.

Dorn wahrte ein langsames, stetiges Tempo, obwohl er jedes Mal, wenn sie sich einem Grat mit Blick nach Osten näherten, mit einer Geschwindigkeit hinaufeilte, die Eistaucher vermuten ließ, dass der alte Mann noch immer gewisse Kraftreserven hatte. Elga war langsamer, und Eistaucher sah, dass sie zunehmend ermattete. Sie hatte all ihr Fett aufgezehrt und war nun so dünn, wie sie werden konnte. Aber sie war auch stur. Das wusste er inzwischen ganz genau, und er konnte es auch daran sehen, wie straff sie ihre Schultern hielt, an dem tiefen Keil zwischen ihren Brauen und an ihrem Blick. Sie würde nicht aufgeben, jetzt, wo sie ihrem Ziel so nahe waren.

Letztlich galt es, Knack auf seinen einen kleinen Protest zu beschränken, den immer wiederkehrenden Stich, und ohne noch mehr Schmerzen weiterzukommen. Auf nassem Grund, über Steine und, wenn es sich nicht vermeiden ließ, über große Schneehöcker; Letztere machten ihm ernsthaft zu schaffen, ob nun des Morgens, wenn sie hart waren, oder nachmittags, wenn die Sonne sie aufgeweicht hatte. In Schluchten hoch und über Pässe, manchmal auf Tierpfaden, auf denen sich zuweilen auch menschliche Wegmarken fanden. Im Großen und Ganzen hielten sie sich ostwärts. Von jeder hohen Stelle aus starrten sie begierig nach Osten, und Dorn zeigte bei solchen Gelegenheiten auf das eine oder andere Detail, das er wiedererkannte, worauf es weiterging, hinunter zum nächsten Bach und auf der anderen Seite wieder hinauf zum nächsten Pass.