Выбрать главу

Lowy kratzte sich mit der Bronze den kahlen Kopf. Wäre das Stück aus der Chou-Zeit gewesen, hätte er das vermutlich nicht getan.

«Verstehen Sie auch etwas von Bildern?«

«Nur wenig. Es ist wie bei den Bronzen.«

Er schmunzelte.»Immerhin besser als nichts. Ich will mich mal umsehen. Vielleicht braucht einer meiner Kollegen eine Hilfe. Das Geschäft ist zwar flau, das sehen Sie bei Antiquitäten. Aber bei Bildern ist es anders. Besonders bei Impressionisten. Alte Bilder sind im Augenblick tot. Na, wir werden mal sehen.«

Lowy stapfte wieder die Treppe hinauf. Au revoir, Keller, dachte ich. Du warst für kurze Zeit eine dunkle Heimat für mich. Auf Wiedersehen, ihr goldenen Lampen aus dem späten 19. Jahrhundert, ihr bunten Appliken von 1890, ihr Möbel aus der Zeit des Bürgerkönigs Louis Philippe, ihr Vasen aus Persien, ihr leichten Tänzerinnen aus den Gräbern der Tang-Zeit, ihr Terrakotta pferde und all ihr stummen Zeugen verrauschter Kulturen! Ich habe euch herzlich geliebt und unter euch meine amerikanische Jugend vom zehnten bis zum fünfzehnten Lebensjahr verbracht! Ahoi und Evoe! Als unwilliger Angehöriger eines der lausigsten Jahrhunderte grüße ich euch, ein später Gladiator ohne Waffen in einer Arena voll von Hyänen, Schakalen und sehr wenigen Löwen. Als einer, der sich des Lebens freut, solange er nicht gefressen wird.

Ich verneigte mich nach allen Seiten, spendete Segen nach rechts und links und sah auf meine Uhr. Mein Arbeitstag war zu Ende. Der Abend stand rot über den Dädiern, und die sparsamen Licht reklamen begannen bleich zu glühen. Aus den Restaurants kam der freundliche Geruch von Fett und Zwiebeln.

«Was ist denn hier los?«fragte ich Melikow im Hotel.

«Raoul. Er will sich das Leben nehmen.«

«Seit wann?«

«Seit heute nachmittag. Er hat Kiki verloren, der seit vier Jahren sein Freund war.«

«In diesem Hotel wird viel geweint«, sagte ich, während ich auf das dumpfe Schluchzen lauschte, das aus der Ecke mit den Pflanzen in die Plüschbude kam.»Und immer unter Palmen.«

«In jedem Hotel wird viel geweint«, erklärte Melikow.

«Im Ritz auch?«

«Im Ritz wird geweint, wenn die Börse fällt. Bei uns, wenn der Mensch sich unversehens bewußt wird, daß er hoffnungslos allein ist, obwohl er es nicht glaubte.«

«Ist Kiki unter ein Auto gekommen?«

«Schlimmer. Er hat sich verlobt. Mit einer Frau. Das ist die Tragik für Raoul. Wäre er mit einem anderen Homo durchgegangen, so wäre es in der Familie geblieben. Aber eine Frau! Das ist das ewige feindliche Lager. Verräterei. Die Sünde wider den heiligen Geist. Schlimmer als tot.«

«Die armen Schwulen! Sie müssen sich nach zwei Seiten verteidigen. Gegen Männer- und Frauenkonkurrenz.«

Melikow schmunzelte.»Raoul hat vorhin eine Reihe von bemerkenswerten Aussprüchen darüber gemacht, wie ihm Frauen vorkommen. Die einfachste darunter war: wie Seehunde ohne Haut. Auch über die in Amerika so angebetete Zier der Damen, die volle Brust, hat er sich rüde geäußert. >Schlappende Kuheuter entarteter Säuger< war das mildeste. Jedesmal, wenn er sich vorstellt, daß Kiki an einer davon hängt, brüllt Raoul auf. Gut, daß du gekommen bist. Wir müssen ihn auf sein Zimmer schaffen. Hier unten kann er nicht bleiben. Hilf mir. Der Kerl wiegt zwei hundert Pfund.«

Wir näherten uns der Palmenecke.»Er kommt wieder, Raoul«, flüsterte Melikow.»Jeder Mensch kann einmal irren. Kiki kommt wieder. Fassen Sie sich.«

Wir versuchten ihn hochzuheben. Er stemmte sich gegen den Marmortisch und flennte. Melikow redete weiter beschwörend auf ihn ein.»Sie müssen schlafen, danach ist alles besser. Er kommt wieder, Raoul. Ich habe so etwas öfter gesehen. Er kommt zurück.«

«Befleckt!«knirschte Raoul.

Während wir ihn wieder emporhoben, trat er mir auf den Fuß. Zweihundert Pfund.»Passen Sie auf, Sie verdammtes altes Weib!«fluchte ich.

«Was?«

«Ja, Sie benehmen sich wie eine rührselige Kaffeeschwester!«

«Ich ein altes Weib?«sagte Raoul, plötzlich einigermaßen normal.

«Herr Ross meint das nicht so«, beschwichtigte Melikow.

«Doch, ich meine es so!«

Raoul fuhr sich über die Augen. Wir blickten ihn an und erwarteten einen hysterischen Aufschrei.»Ich ein Weib!«sagte er stattdessen leise und tödlich beleidigt.»Ich ein Weib!«

«Das hat er nicht gesagt«, log Melikow.»Er hat gesagt: wie ein Weib.«

«So wird man verlassen«, erklärte Raoul und erhob sich ohne unsere Hilfe.

Wir brachten ihn mühelos zur Treppe.»Ein paar Stunden Schlaf«, sagte Melikow beschwörend.»Ein oder zwei Seconals und ein erfrischender Schlaf. Danach eine gute Tasse Kaffee. Dann sieht alles schon viel einfacher aus!«

Raoul antwortete nicht. Auch wir hatten ihn verlassen. Die ganze Welt.»Warum geben Sie sich mit dem fetten Mondkalb solche Mühe?«fragte ich.

«Er ist unser bester Mieter. Hat zwei Zimmer und ein Bad.«

VI

Ich wanderte ziellos durch die Straßen und fürchtete mich davor, ins Hotel zurückzukehren. Ich hatte nachts geträumt und war mit einem Schrei erwacht. Ich hatte schon vorher ab und zu ein mal geträumt, von der Polizei verfolgt zu werden, oder ich hatte den alten Traum aller Emigranten: über die deutsche Grenze geraten zu sein und von der SS entdeckt zu werden. Aber das waren Träume der Verzweiflung über die eigene Dummheit, hin eingeraten zu sein. Auch aus ihnen erwachte man manchmal schreiend, doch dann entdeckte man, daß man in New York war, blickte aus dem Fenster in den rötlichen Nachthimmel der Straße und streckte sich vorsichtig wieder aus: man war gerettet. Dieser Traum war anders gewesen, unbestimmter, aus Stücken zusammengeflossen, zäh, dunkel, pechartig und ohne Ende. Eine Frau hatte es in ihm gegeben, verstört und sehr bleich und lautlos um Hilfe rufend, die ich ihr nicht geben konnte, versinkend in dem zähen Geschiebe von Pech, Moor und altem Blut, die angst vollen Augen wie gelähmt auf mich gerichtet, weiß, schreiend ohne Worte, mit der schwarzen Höhle des aufgerissenen Mundes, gegen die die schwarze klebrige Masse anstieg, Kommandos, Blitze, eine scharfe Stimme mit einem sächsischen Akzent, Uniformen und ein entsetzlicher Mordgeruch, Verwesung und Feuer, aufgerissene Ofentüren voll loderndem Feuer, ein Mensch, der sich bewegte, nur eine Hand noch bewegte, einen einzigen Finger,ihn sehr langsam krumm machte, und jemand, der darauf stampfte, und dann plötzlich der Schrei, der von allen Seiten kam und nachhallte.

Ich blieb vor einem Schaufenster stehen, sah aber nichts. Erst nach einer Weile entdeckte ich, daß ich auf der Fifth Avenue stand, vor den Auslagen der Firma van Cleef und Arpels. Ich war, ohne darüber nachzudenken, von Lowys Laden weggegangen. Zum erstenmal war mir der Keller wie eine Gefängniszelle vorgekommen. Ich hatte Menschen gesucht und breite Straßen und war auf der Fifth Avenue gelandet.

Ich starrte auf ein Diadem, das der Kaiserin Eugenie von Frank reich gehört hatte. Es funkelte im künstlichen Licht mit Brillant blumen auf schwarzem Samt. Daneben lag ein Armband mit Rubinen, Smaragden und Saphiren, auf der anderen Seite Ringe und Solitäre.

«Möchtest du so was haben?«fragte eine Frau in einem roten Kostüm eine andere.

«Heute trägt man Perlen«, erwiderte die zweite Frau.»Klasse trägt Perlen.«

«Zuchtperlen oder echte?«

«Zuchtperlen und echte. Perlen und ein schwarzes Kleid. Das ist Eleganz der guten Klasse.«

«Meinst du, Eugenie war keine gute Klasse?«

«Das waren andere Zeiten.«

«Ich hätte nichts dagegen, wenn ich das Armband hätte«, sagte das rote Kostüm.

«Zu bunt«, erwiderte die andere Frau.

Ich ging weiter. Ich stand vor Tabaksläden und Schuhgeschäften, vor Porzellanläden und den Riesenfenstern der Modegeschäfte und ihrem Rausch an Farben, Seide und den gaffenden Menschenmengen davor. Ich drängte mich dazwischen und gaffte auch, ich horchte und schnappte nach Gesprächsfetzen wie ein verdurstender Fisch nach Wasser, ich ging durch den ganzen abendlichen Aufruhr des Lebens und wollte daran teilnehmen, in ihm schwimmen wie all die ändern, aber ich trieb hindurch, von einem Streifen fahlen Dunkels umweht, wie ein Orestes mit dem fernen Kreischen der Furien hinter sich.