Ich überlegte, ob ich versuchen sollte, Kahn zu erreichen, aber ich wollte mit niemandem sprechen, der mich an früher erinnerte. Nicht einmal mit Melikow. Es ist schwer, den Traum loszuwerden. Gewöhnlich verloren sich die Träume durch den Tag, sie zerflatterten, und für ein paar Stunden blieb vielleicht eine immer loser werdende, sich verwölkende Erinnerung zurück, aber dann war es vorbei. Dieser jedoch hockte und blieb. Ich hatte ihn zu rückgedrängt, aber er war nicht gewichen. Eine Drohung war geblieben, finster und bereit, wieder hervorzubrechen.
Ich hatte in Europa wenig geträumt, ich war zu sehr damit beschäftigt gewesen, zu überleben, und hier hatte ich geglaubt, entkommen zu sein. Das Meer mit seinem Rauschen hatte so viel Raum zwischen alles gelegt, daß ich die Hoffnung gefaßt hatte, das verdunkelte Schiff, das zwischen Unterseebooten dahinge schlichen war wie ein schattenhaftes Gespenst, sei auch den anderen Schatten entkommen. Aber jetzt wußte ich, daß die Schatten mitgekommen waren. Sie waren da hineingekrochen, wo ich sie nicht kontrollieren konnte: in den Schlaf und die geisterhafte Welt, die sich jede Nacht ohne Fundamente aufbaut und morgens wieder zerstiebt. Diese aber blieben wie klebriger, nasser Rauch — ich spürte Kälte im Nacken —, wie Rauch, fader, süßlicher Rauch. Rauch aus Krematorien.
Ich schaute mich um. Niemand beobachtete mich. Die süße Müdigkeit eines schönen Abends wölbte sich zwischen den Stein fronten mit ihren Tausenden von blinkenden Fensteraugen. Zwei, drei Stockwerke hoch hingen Reihen von goldenen Schau fenstern übereinander, mit Vasen, Bildern, Pelzen und Zimmern voll glänzendbrauner alter Möbel und seidener Lampen, die ungeheure Vertrautheit der Bürgerlichkeit schimmerte von allen Seiten; das Bilderbuch eines generösen Gottes gütiger Verschwendung, der zu flüstern schien: Nehmt, nehmt! Es ist genug da!
Welch ein Friede! Welch ein Abendspaziergang frisch erwachter Illusionen, verwelkter Liebe, die sich wieder aufrichtet, Hoffnung, neu grünend unter dem sanften Regen barmherziger Lügen, Stunde der Großmannssucht, der Wünsche und der schlafen den Resignation, Stunde, wo selbst Generäle und Politiker nicht nur glauben, sondern eine kurze Zeit sogar fühlen, daß sie Menschen sind und nicht ewig leben.
Wie ich mich anschmiegte an dieses Land, das die Toten schminkt, die Jugend vergöttert und seine Soldaten zum Sterben schickt in Länder, die sie nie vorher gesehen haben und von denen sie nicht einmal wußten, wo sie lagen und für was sie dort willig starben. Die ersten Weltbürger in Uniform.
Warum konnte ich nicht daran teilhaben? Warum gehörte ich ewig zu jener Gruppe von Heimatlosen, die in stolperndem, arm seligem Englisch und mit heißem, unsicherem Herzen endlose Treppen erstiegen und Aufzüge fuhren und von einem Zimmer zum anderen gingen, geduldet, aber nicht geliebt, und schon liebend, weil sie doch geduldet wurden?
Ich stand vor dem Pfeifenladen von Dunhills. Braun geflammt und matt poliert lagen die Symbole der Bürgerlichkeit und Sicherheit da, köstliche Ruhe verheißend und Abende voller gelassener Gespräche, Nächte mit dem Geruch von Honig, Rum, Shag-Tabak noch in den Haaren, und nebenan im Badezimmer das leise Rumoren einer nicht zu dünnen Frau, die sich für die Nacht und das große Bett vorbereitet. Wie anders war das als die bis zur Kippe gerauchten, hastig ausgedrückten Zigaretten der Fremde, diese schwarzen Gauloises, die nach Angst rochen und nicht nach Gemütlichkeit und Friedfertigkeit.
Ich werde in einer scheußlichen Weise sentimental, dachte ich. Wie lächerlich das war! War ich dazu einer der zahllosen Ahas versgeworden, um nun nach dem warmen Ofen und einem Paar gestickter Pantoffeln zu jammern? Nach der trostlosen Muffigkeit der Gewohnheit und den ausgelatschten Gefühlen der drapierten Langeweile?
Ich drehte mich entschlossen um und verließ die Läden der Fifth Avenue. Ich wandte mich nach Westen und kam durch die Allee der Bauernfänger und Burlesktheater in die Straßen, wo die Leute schweigend auf den hohen Stufen vor den Haustüren saßen, die Kinder wie schmutzige weiße Schmetterlinge vor den schmalen Häusern aus braunem Stein, die Erwachsenen müde und, wenn man der schützenden Dunkelheit trauen konnte, ohne schwere Sorgen.
Eine Frau, dachte ich, je näher ich dem Hotel Reuben kam. Eine Frau, ein dummes, lachendes Tier mit gelben Haaren und einem schaukelnden Hintern, eine Frau, die von nichts etwas weiß und keine anderen Fragen stellt als die, ob man genug Geld für sie bei sich hat, und dann eine Flasche kalifornischer Burgunder und meinetwegen Rum hinein, der billig war — und die Nacht bei ihr in ihrer Wohnung, so daß man nicht ins Hotel zurück mußte, nicht in dieser Nacht, nicht gerade in dieser Nacht. Aber wo war die Frau, das Mädchen, die Hure? Ich war hier nicht in Paris, und ich hatte schon gelernt, wie moralisch die Polizei in New York für arme Leute ist — die Huren liefen hier nicht auf den Straßen herum, sie waren nicht an Schirmen und übergroßen Handtaschen zu erkennen, es gab Telefonnummern, aber das brauchte Zeit und Kenntnis der Nummern.
«Guten Abend, Felix«, sagte ich.»Ist Melikow nicht hier?«
«Heute ist Sonnabend«, erwiderte Felix,»mein Tag.«
Richtig. Sonnabend, auch das noch! Das hatte ich vergessen. Ein langer, leerer Sonntag lag vor mir, den ich plötzlich fürchtete. Ich hatte noch etwas Wodka auf meinem Zimmer. Vielleicht auch noch ein paar Schlaftabletten. Unwillkürlich dachte ich an den dicken Raoul. Noch am Abend vorher hatte ich mich über ihn lustig gemacht. Jetzt war mir nicht viel anders zumute.
«Miß Petrowna hat auch gerade nach Herrn Melikow gefragt«, sagte Felix lässig.
«Ist sie schon weggegangen?«
«Ich glaube nicht. Sie wollte noch ein paar Minuten warten. «Natascha Petrowna kam mir im dürftigen Licht der Plüschbude entgegen. Hoffentlich weint sie nicht wieder, dachte ich und wunderte mich neuerlich, wie groß sie war.»Müssen Sie wieder zum Photographen?«fragte ich.
Sie nickte.»Ich wollte noch einen Wodka trinken, aber Wladimir Iwanowitsch ist heute nicht da. Ich hatte es vergessen, daß er heute frei hat.«
«Ich habe Wodka«, sagte ich rasch,»ich kann die Flasche runter holen.«
«Machen Sie sich keine Mühe. Der Photograph hat mehr als genug. Ich wollte nur hier noch ein bißchen sitzen.«
«Ich hole die Flasche. Es dauert nur eine Minute.«
Ich lief die Treppe hinauf und öffnete die Tür. Die Flasche blinkte auf der Fensterbank. Ich sah nicht rechts und nicht links, nahm sie und zwei Gläser. In der Tür blickte ich mich um. Nichts war zu sehen. Kein Gespenst und kein Geist. Das Bett schimmerte bleich im Dunkel. Ich schüttelte den Kopf über mich und ging nach unten.
Natascha Petrowna wirkte anders, als ich sie im Gedächtnis hatte. Weniger hysterisch und fast amerikanisch. Nur die rauhe Stimme verriet eine Spur von Akzent, aber eher einen französischen als einen russischen, soweit ich das beurteilen konnte. Um den Kopf trug sie wie einen losen Turban ein violettes seidenes Tuch.»Für die Frisur«, sagte sie.»Wir photographieren Abend kleider.«
«Weshalb sitzen Sie gerne hier?«fragte ich.
«Ich sitze gerne in Hotels. Es ist nie langweilig. Leute kommen und gehen. Man begrüßt sich oder nimmt Abschied. Das sind doch die besten Momente im Leben.«
«Meinen Sie?«
«Es sind die am wenigsten langweiligen. Was dazwischen liegt.. «Sie machte eine Geste der Ungeduld.»Die großen Hotels sind alle farblos. Jeder versteckt seine Emotion zu sehr. Man hat das Gefühl, es liege etwas Abenteuerliches in der Luft, aber man sieht es nie recht.«
«Sieht man es hier?«