«Warten Sie nicht auf Käufer?«
«Nicht so luxuriös wie eine Spinne. Wie ein Angestellter meiner selbst. Nicht wie ein Pirat!«
«Warum werden Sie nicht auch ein Parasit, Herr Lowy?«
Er sah mich stirnrunzelnd an.
Ich begriff, daß ich einen Fehler gemacht hatte.»Aus ethischen Gründen, was?«fragte ich.
«Schlimmer. Aus finanziellen Gründen. Diese Seeräuberei kann man nur betreiben, wenn man Geld hat. Und gute Ware. Sonst wird man ein Schlepper. Sehr gute Ware.«
«Verkauft der Pirat billiger? Er hat doch weniger Unkosten. «Lowy stieß die Zigarre in einen Renaissance-Mörser, holte sie aber gleich darauf wieder heraus, glättete sie und zündete sie neu an.»Teurer!«schrie er.»Das ist ja der Witz! Und die reichen Dummköpfe lassen sich düpieren und glauben, günstiger zu kaufen. Leute, die Millionen in harter Arbeit gemacht haben, fallen darauf rein. Wenn man ihren Snobismus und ihre gesellschaftliche Ehre, nebbich, kitzelt, kriechen sie wie Fliegen auf den Leim!«Lowys Zigarre sprühte wie ein Feuerwerksrad.»Die Verpackung!«zeterte er.»Sagen Sie einem neugebackenen Millionär, er solle einen Renoir kaufen — er lacht Sie aus, weil er glaubt, das sei ein Fahrrad! Sagen Sie ihm aber, ein Renoir er höhe seine gesellschaftliche Bedeutung, dann kauft er gleich ein paar! Verstehen Sie?«
Ich lauschte mit Entzücken. Von Zeit zu Zeit erhielt ich von Lowy diesen kostenlosen Unterricht über das praktische Leben, gewöhnlich nachmittags, wenn nicht viel zu tun war, oder abends, bevor ich im Keller Schluß machte. Heute war es früher Nachmittag.
«Wissen Sie, warum ich Ihnen diesen Kursus im höheren Bilder handel gebe?«fragte Lowy senior.
«Um mich auf den Krieg im Geschäftsleben vorzubereiten. Den ändern kenne ich ja schon.«
«Sie kennen etwas vom ersten totalen Krieg der Welt und glauben, das sei eine Neuigkeit. Im Geschäftsleben gibt es, seit die Erde sich dreht, nichts anderes als den totalen Krieg. Die Front ist überall. «Lowy senior reckte sich.»Ähnlich wie in einer Ehe.«
«Sind Sie verheiratet?«fragte ich. Ich liebte es nicht, den Krieg in irgendwelche albernen Vergleiche gezogen zu sehen. Dazu war er zu sehr jenseits aller Vergleiche, selbst der nicht albernen.
«Ich nicht!«erwiderte Lowy senior plötzlich umdüstert.»Aber mein Bruder trägt sich mit dem Gedanken. Stellen Sie sich das vor! Eine Tragödie! Eine Schickse will er heiraten! Das wäre unser Ruin.«
«Eine Schickse?«
«Na ja, so eine Christin mit Wasserstoffsuperoxyd-Gezottel um die Ohren, mit Augen wie ein Hering und einem Maul, das vor lauter Gier nach unsern sauer ersparten Notgroschen achtund vierzig Zähne hat. Nach unseren Dollars, meine ich. Eine künstliche blonde Hyäne mit zwei krummen rechten Füßen!«
Ich wartete einen Augenblick, um mir dieses Bild klarzumachen.»Meine arme Mutter, hätte sie das noch erlebt«, fuhr Lowy fort,»sie würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie nicht vor acht Jahren eingeäschert worden wäre.«
Ich kam nicht dazu, über diesen Wirrwarr nachzudenken. Ein Wort hatte mich getroffen wie eine Signalglocke.»Ein geäschert?«
«Im Krematorium. Sie war eine fromme Jüdin, noch in Polen geboren. Hier gestorben. Sie wissen — «
«Ich weiß«, sagte ich hastig.»Und Ihr Bruder? Warum soll er nicht heiraten?«
«Aber doch nicht eine Schickse!«empörte sich Lowy.»Es gibt in New York mehr ordentliche jüdische Mädchen als sonstwo. Soll er da keine finden? Ganze Stadtteile voll gibt es hier! Aber nein, er muß seinen Kopf durchsetzen. Das ist, als wollte er in Jerusalem ein Mädchen namens Brunhilde heiraten.«
Ich hörte mir den Ausbruch schweigend an. Ich hütete mich, Lowy auf seinen umgekehrten Antisemitismus aufmerksam zu machen. Es war auch hier wie mit dem Krieg: es gab keine Witze mehr und nicht einmal ironische Vergleiche.
Lowy beruhigte sich.»Entschuldigen Sie«, sagte er.»Manchmal kocht der Kaffeekessel über. Aber ich wollte mit Ihnen über etwas anderes reden. Über Parasiten. Ich habe gestern mit einem Parasiten über Sie gesprochen. Er könnte eine Hilfe brauchen, die einige Kenntnisse von Bildern hat. Nicht so viel, um selbst etwas abzugucken und es dann an die Konkurrenz weiterzuge ben. Jemand wie Sie, der sich lieber versteckt als rumredet. Sie sollen sich einmal bei ihm vorstellen. Heute abend um sechs Uhr. Ich habe für Sie zugesagt. In Ordnung?«
«Vielen Dank«, sagte ich überrascht.»Wirklich vielen Dank!«»Sie werden nicht allzuviel verdienen. Aber es kommt nicht auf den Anfang an, sondern auf die Möglichkeiten, pflegte mein Vater zu sagen. Hier — «, Lowy machte eine Bewegung über den Laden hin.»Hier haben Sie keine Möglichkeiten.«
«Ich bin dankbar für meine Zeit hier. Und ich bin dankbar, daß Sie mir weiterhelfen. Warum eigentlich?«
«Das dürfen Sie nie fragen: Warum?«Lowy betrachtete mich.»Ja, warum? Wir sind sonst keine solche Menschenfreunde. Wissen denn Sie, warum? Ich glaube, weil Sie so hilflos wirken!«»Was?«sagte ich sehr überrascht.
«Das muß es sein«, erwiderte Lowy, selbst überrascht.»Sie sehen dabei gar nicht so aus. Aber Sie wirken so. Mein Bruder kam auf den Gedanken, als wir über Sie sprachen. Er meinte, Sie würden Glück bei Frauen haben.«
«So was?«meinte ich halb entrüstet.
«Nehmen Sie das nicht ernst. Ich habe Ihnen ja erklärt, was für ein Rhinozeros mein Bruder in dieser Beziehung ist. Aber gehen Sie mal zu dem Piraten. Silvers heißt er. Heute abend.«
Silvers hatte kein Schild an der Tür. Er wohnte in einem Privat haus. Ich hatte eine Art zweibeinigen Hai erwartet. Statt dessen sah ich einen sanften, schmächtigen und eher scheuen Menschen, sehr gut gekleidet und zurückhaltend. Er gab mir einen Whisky- Soda und fragte mich vorsichtig aus. Dann holte er aus einem Nebenraum zwei Bilder und stellte sie auf eine Staffelei.»Welches Bild gefällt Ihnen besser?«
Ich deutete auf das rechte.»Warum?«fragte Silvers.
«Muß man dafür gleich einen Grund haben?«
«Es interessiert mich. Wissen Sie, von wem die Bilder sind?«
«Es sind zwei Zeichnungen von Degas. Das kann doch jeder sehen.«
«Nicht jeder«, sagte Silvers mit merkwürdig scheuem Lächeln.»Einige meiner Kunden nicht.«
«Weshalb kaufen sie dann?«
«Um einen Degas bei sich hängen zu haben«, sagte Silvers melancholisch.
Ich erinnerte mich an die Lektion von Lowy senior. Sie schien also zu stimmen. Ich hatte Lowy natürlich weniger als die Hälfte geglaubt, er neigte zu Übertreibungen, besonders dann, wenn er unsicher war.
«Bilder sind Emigranten, wie Sie«, erklärte Silvers.»Und sie landen oft an merkwürdigen Plätzen. Ob sie sich da wohl fühlen, ist eine andere Frage.«
Er holte zwei Aquarelle aus dem Nebenraum.»Wissen Sie, was das ist?«
«Das sind Cezanne-Aquarelle.«
Silvers war überrascht.»Können Sie mir auch sagen, welches das bessere ist?«
«Bei Cezanne ist jedes Aquarell gut«, erwiderte ich.»Das teuerere würde wohl das linke sein.«
«Warum? Weil es größer ist?«
«Nicht deshalb. Es ist ein spätes Bild und schon fast kubistisch. Eine sehr schöne Landschaft aus der Provence mit dem Mont St. Victoire. In Brüssel, im Museum, gibt es eine ähnliche.«
Das Gesicht Silvers’ hatte sich verändert. Er stand auf.»Wo haben Sie früher gearbeitet?«fragte er scharf.
Ich erinnerte mich an Natascha Petrowna.»Ich habe nirgendwo gearbeitet«, erwiderte ich ruhig.»Bei keiner Konkurrenz, und ich bin kein Spion. Ich war eine Zeitlang in Brüssel im Museum.«»Wann?«
«Während der Zeit, als es besetzt war. Ich wurde dort versteckt, aber ich konnte entkommen, über die Grenze. Daher stammen meine harmlosen Kenntnisse.«
Silvers setzte sich wieder.»Man kann in unserm Beruf nicht vorsichtig genug sein«, murmelte er.
«Warum?«sagte ich, froh, keine weiteren Erklärungen abgeben zu müssen.
Silvers zögerte etwas.»Bilder sind wie lebende Wesen. Wie Frauen. Man soll sie nicht überall herumzeigen, wenn sie ihren Zauber behalten sollen. Und ihren Wert.«