Выбрать главу

«Aber sie sind doch dazu gemacht?«

«Vielleicht, aber ich bin dessen nicht ganz sicher. Für den Händler ist es wichtig, daß nicht jeder sie kennt.«

«Merkwürdig. Ich dachte, das würde den Preis erhöhen.«

«Längst nicht immer. Bilder, die zu viel gezeigt werden, heißen in der Fachsprache >verbrannt<. Im Gegensatz dazu stehen die >Jungfrauen<, die immer in derselben Hand in Privatbesitz gewesen sind und die kaum jemand kennt. Sie werden höher bezahlt. Nicht weil sie besser sind, sondern weil da die Lust des Kenners und Sammlers am Entdecken dazukommt.«

«Und dafür bezahlt er?«

Silvers nickte.»Leider gibt es heute zehnmal so viele Sammler wie Kenner. Die eigentliche Epoche des Sammlers, der auch Kenner war, endete nach dem Kriege 1918. Mit jeder politischen und wirtschaftlichen Umwälzung kommt eine finanzielle. Vermögen wechseln. Sie werden verloren, und neue entstehen. Alte Sammler müssen verkaufen, neue kommen, aber oft haben sie das Geld, sind aber keine Kenner. Zum Kennerwerden gehören Zeit, Geduld und Liebe.«

Ich hörte ihm zu. In dem mit grauem Samt ausgeschlagenen Raum mit den beiden Staffeleien schien sich die verlorene Stille einer friedlichen Zeit gefangen zu haben. Silvers stellte ein neues Bild auf eine der Staffeleien.»Kennen Sie das?«

«Ein Monet. Ein Mohnblumenfeld.«

«Gefällt es Ihnen?«

«Es ist herrlich. Welch ein Friede! Und welch eine Sonne! Die Sonne von Frankreich.«

«Wir können es ja einmal versuchen«, sagte er schließlich.»Sie brauchen hier keine großen Kenntnisse. Zuverlässigkeit und Verschwiegenheit sind wichtiger. Wie wäre es mit sechs Dollar am Tage?«

Ich wurde mit einem Schlage lebendig.»Für welche Zeit? Vormittags oder nachmittags?«

«Vormittags und nachmittags. Aber Sie haben zwischendurch viel Zeit.«

«Das ist ungefähr so viel, wie ein besserer Laufbursche verdient.«

Ich erwartete jetzt, daß Silvers mir erklären würde, meine Stellung sei auch nichts weiter. Doch er war subtiler. Er rechnete mir vor, was bessere Laufburschen verdienen. Es war weniger.

«Ich kann es nicht unter zehn Dollar machen«, sagte ich.»Ich habe Schulden, die ich abtragen muß.«

«Schon?«

«Für den Anwalt, der meine Aufenthaltserlaubnis bearbeitet. «Ich wußte, daß Silvers das von Lowy gehört hatte, er tat aber so, als wäre das ein Makel, und er müsse sich jetzt neu überlegen, ob er mich nehmen könne. Endlich zeigte das Raubtier seine Zähne.

Wir einigten uns auf acht, nachdem Silvers mir mit scheuem Lächeln beigebracht hatte, daß ich ja, da ich schwarz arbeite, keine Steuern zu zahlen hätte. Außerdem spräche ich ja auch kein fließendes Englisch. An diesem Punkt aber faßte ich ihn. Dafür spräche ich Französisch, erklärte ich, und das sei doch in seinem Geschäft ein Vorteil. Darauf bewilligte er mir die acht Dollar und versprach, wenn ich gut einschlage, könnten wir noch einmal darüber reden.

Als ich das Hotel erreichte, bot sich mir ein ungewöhnliches Bild. In der altmodischen Bude brannten mehr Lichter als sonst. Auch die, die von der sparsamen Direktion gewöhnlich abgeschaltet wurden. Um einen Tisch in der Mitte war eine interessante gemischte Gesellschaft versammelt. Raoul präsidierte. Er hockte wie eine schwitzende Riesenkröte in einem beigefarbenen Riesenanzug an der Schmalseite des Tisches, der zu meinem Erstaunen weiß gedeckt war und an dem ein Kellner bediente. Melikow saß neben ihm; außerdem war Lachmann da mit der Puertoricanerin; der Mexikaner mit rosa Schlips, steinernem Gesicht und rastlosen Augen; ein sehr blonder junger Mann, der eine Baß stimme hatte, obschon jeder einen hohen Sopran vermutet hätte; zwei Mädchen unbestimmten Alters, zwischen dreißig und vierzig, wachsam, spanisch, reizvoll und dunkel. Und auf der anderen Seite Melikows Natascha Petrowna.

«Herr Ross!«rief Raoul.»Geben Sie uns die Ehre!«

«Was ist passiert?«fragte ich.»Ein Massen-Geburtstag? Oder hat jemand das große Los gezogen?«

«Setzen Sie sich zu uns, Herr Ross«, erwiderte Raoul mit schwerer Zunge.»Einer meiner Retter«, erklärte er dem blonden jungen Mann mit dem Baß.»Schüttelt euch die Hände! Dies ist John Bolton.«

Ich hatte ein Gefühl, als hielte ich einen toten Fisch zwischen meinen Fingern. Nach der tiefen Stimme war ich auf einen kräftigen Händedruck vorbereitet gewesen.»Was möchten Sie trinken?«fragte Raoul.»Alles, was Ihr Herz begehrt, Coca-Cola, Seven-up, Aalborg, Bourbon, Rye Scotch — meinetwegen sogar Champagner. Was sagten Sie das letztemal, als mein Herz vor Traurigkeit schwitzte? Alles fließt, sagten Sie. Nach einem alten Griechen, wie? Heraklit oder Demokrit oder Demokrat. Wie es an der Siebten Avenue heißt: Nichts währt ewig, der schönste Jud wird schäbig. Wie wahr. Aber andere, junge wachsen nach. Also, was wollen Sie trinken? Alfons!«Er winkte dem Kellner wie ein römischer Kaiser.

«Was trinken Sie?«fragte ich Natascha Petrowna.

«Wodka, was sonst!«erwiderte sie fröhlich.

«Wodka«, sagte ich zu Alfons.

«Doppelt!«erklärte Raoul mit schwimmenden Augen.

«Ist es das Mysterium des menschlichen Herzens, die Liebe?«fragte ich Melikow.

«Es ist das Mysterium der menschlichen Illusion, in der jeder glaubt, der andere sei sein Gefangener.«

«Le coup de foudre«, sagte Natascha Petrowna.»Einseitig!«

«Was machen Sie hier in dieser Gesellschaft?«

«Zufall. «Sie lachte.»Und welch ein prächtiger. Ich mußte ein mal heraus aus der sterilen Monotonie der Party im Colony Club. Aber dies hätte ich nicht erwartet!«

«Sie sind wieder auf dem Wege zum Photographen?«

«Heute nicht. Warum? Wären Sie mitgekommen?«

Ich wollte es eigentlich nicht direkt sagen und sagte es dann doch:»Ja.«

«Endlich ein klares Wort«, erwiderte Natascha Petrowna.»Salut.«

«Salut.«

«Salut, Salve, Salute«, rief Raoul und stieß mit allen an. Er versuchte dazu sogar aufzustehen, sank aber zurück, wobei der falsche Thronsessel, in dem er saß, krachte. Dieses alte Haus besaß zu all seinen anderen Schrecken auch noch eine rieugotische steife Möbelausstattung.

Lachmann kam während des Prostens heran.

«Heute abend«, wisperte er mir zu,»ich mache den Mexikaner besoffen.«

«Und du selbst?«*

«Ich habe Alfons bestochen. Er bringt mir nur Wasser. Der Mexikaner glaubt, er tränke mit mir Tequila. Hat dieselbe Farbe, nämlich keine.«

«Ich würde lieber mit der Frau trinken«, sagte ich,»der Mexikaner hat nichts dagegen. Es ist ja die Frau, die nicht will. «Lachmann wurde einen Augenblick unsicher.»Macht nichts«, sagte er dann trotzig.»Es wird schon klappen. Es muß ja. Es muß, verstehst du?«

«Trink mit beiden — und mit dir selbst. Vielleicht fällt dir im Rausch etwas ein, woran du nüchtern nie gedacht hättest. Manche Leute sind im Rausch unwiderstehlich.«

«Aber dann hätte ich doch nichts davon. Ich weiß dann nichts mehr. Es wäre dann, als wäre es nie gewesen!«

«Wenn du dir das doch umgekehrt einbilden könntest. Als wäre es gewesen und du wüßtest nichts mehr davon.«

«Aber hör mal, das wäre ja Falschmünzerei!«protestierte Lachmann erregt.»Man muß doch ehrlich bleiben!«

«Bist du ehrlich mit dem Tequila?«

«Ich bin ehrlich zu mir selbst. «Lachmann beugte sich an mein Ohr. Sein Atem war heiß und feucht, obwohl er nur Wasser schlürfte.»Ich habe herausgekriegt, daß Inez nur einen steifen Fuß hat und nicht amputiert ist. Sie trägt diese Chromstütze aus Eitelkeit!«

«Aber Lachmann!«

«Ich weiß es. Du kennst die Frauen nicht. Vielleicht will sie deshalb nicht? Damit ich es nicht herausfinde.«

Ich war einen Moment sprachlos. Amore, amour, Blitzschlag des Irrtums, Hoffnung der tiefsten Hoffnungslosigkeit, sorgloses Wunder weißer und schwarzer Magie, dachte ich, sei gegrüßt! Ich verneigte mich feierlich.»Lieber Lachmann, ich grüße in dir den Sternentraum der Liebe!«