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«Ach du mit deinen Witzen! Ich meine es todernst.«

Raoul hatte sich emporgerappelt.»Meine Herrschaften«, sagte er schweißüberströmt,»es lebe das Leben. Ich meine: gut, daß wir noch leben. Wenn ich mir vorstelle, daß ich mir noch vor kurzem dieses Leben nehmen wollte, so könnte ich mich ohrfeigen. Was sind wir doch für Idioten, wenn wir glauben, am edelsten zu sein.«

Die Puertoricanerin begann plötzlich zu singen. Es war ein spanisches Lied, wahrscheinlich aus Mexiko. Sie hatte eine pracht volle Stimme, tief und stark, wenn sie sang, die Augen unentwegt auf den Mexikaner gerichtet. Es war ein Lied von einer so vehementen, natürlichen Wollust, klagend fast, weit von jedem Nachdenken und jeder Zivilisation, aus einer Zeit, in der die Menschheit ihr menschlichstes Gut, den Humor, noch nicht erlernt hatte, direkt und schamlos und unschuldig. Der Mexikaner rührte nicht einen Muskel. Auch die Frau blieb bewegungslos bis auf ihren Mund und ihre Augen. Sie sahen sich an, ohne zu blinzeln, und die Melodie strömte und strömte. Es war eine Vereinigung, ohne daß sie sich berührten, und jeder fühlte, daß es das war. Ich sah, wie alle schwiegen, und ich sah sie alle, während das Lied langsam strömte — Raoul und John, Lachmann und Melikow und Natascha Petrowna, alle ernst und über sich selbst hinausgehoben durch diese Frau, die nichts sah als den Mexikaner und in ihm, in seinem schäbigen Gigologesicht, das Leben, und es war weder sonderbar noch lächerlich.

VIII

Ich hatte drei Tage Urlaub, bevor ich meine Stellung antrat. Am ersten Tag ging ich die Dritte Avenue um jene Stunde entlang, die ich dort am meisten liebte: den späten Nachmittag, wenn in den Antiquitätenläden die Zeit stehenblieb, die Schatten blau wurden und die Spiegel erwachten. Aus den Restaurants begann der erste Geruch von gebratenen Zwiebeln und Kartoffeln zu sickern, die Kellner fingen an, die Tische zu decken, und die Hummer auf ihrem Folterbett von Eis in den großen Fenstern des King of the Sea versuchten mit ihren durch spitze Holz pflöcke untauglich gemachten Scheren zu entfliehen. Ich konnte ihre runden, gebogenen Körper nie ohne leisen Schauder sehen, sie erinnerten mich an die Folterkammern in den Konzentra tionslagern des Volkes der Dichter und Denker.

«Der Reichsjägermeister Hermann Göring würde so etwas nicht gestatten«, sagte Kahn, den ich vor der Abteilung mit den Riesenkrabben traf.

«Sie meinen die Hummer? Die Krabben sind doch schon gevierteilt!«

Er nickte.»Das Dritte Reich ist berühmt für seine Tierliebe. Der Schäferhund des Führers heißt Blondi und wird von ihm wie ein Kind gehegt. Der Reichsjägermeister, preußischer Ministerpräsi dent etc. etc., Hermann der Cherusker, hält in seiner Walhalla mit der blonden Emmi Sonnemann einen jungen Löwen, dem er gern in altgermanischer Tracht leutselig gegenübertritt, das Hift horn an der Seite. Und der Chef aller Konzentrationslager, Heinrich Himmler, liebt zärtlich Angorakaninchen.«

«Dafür können die gevierteilten Krabben den Reichsinnenminister Frick befruchten. Aber halt, als Kulturmensch und Doktor hat er die Guillotine bereits als zu menschenfreundlich abgeschafft und durch das alte Handbeil ersetzt. Vielleicht ist es seine nächste Idee, die Juden zu vierteilen wie Riesenkrabben.«

«Wir sind nun einmal ein Volk«, sagte Kahn grimmig,»dessen urtümliches, unübersetzbares Wort >Gemütlichkeit< heißt.«

«Es gibt noch ein anderes urteutonisches Wort, das ebenfalls in keiner anderen Sprache vorkommt: >Schadenfreude<.«

«Wollen wir jetzt aufhören?«fragte Kahn.»Unser Humor wird mühsam.«

Wir blickten uns an wie ertappte Schulkinder.»Daß man das so schwer los wird«, murmelte Kahn.

«Geht es nur uns so?«

«Allen. Nach dem ersten oberflächlichen Gefühl der Geborgen heit und der Vogel-Strauß-Politik des Kopf-in-den-Sand-Stek- kens kommt die Gefahr. Und sie ist um so größer, je geborgener man sich fühlt. Am besten geht es noch denen, die wie die Amei sen nach einem Gewirr unverdrossen zu bauen anfangen — ein Nest, ein Geschäft, eine Familie, eine Zukunft. Die aber, die war ten, sind in größerer Gefahr.«

«Warten Sie auch?«

Kahn blickte mich ironisch an.»Warten Sie etwa nicht, Ross?«»Doch«, sagte ich nach einer Pause.

«Ich auch. Warum eigentlich?«

«Ich weiß, warum.«

«Jeder hat Gründe. Ich fürchte nur, sie werden zerspritzen wie Wasser auf einer heißen Herdplatte, wenn erst einmal alles vorbei ist. Dann werden wir wieder ein paar Jahre verloren haben und müssen wieder einmal neu anfangen. Die ändern sind uns dann um diese Jahre voraus.«

«Was macht das?«fragte ich verwundert.»Das Leben ist kein Hindernisrennen.«

«Nein?«fragte Kahn.

«Nicht der Konkurrenz wegen. Wollen nicht die meisten zurück?«

«Ich glaube, keiner weiß das ganz genau. Einige müssen zurück. Die Schauspieler, weil sie hier nichts werden können, weil sie niemals gut genug Englisch sprechen werden. Die Schriftsteller, die hier kein Publikum haben. Aber bei den meisten liegt der Grund anderswo. Unbewältigtes, lausiges Heimweh. Trotz allem! Es ist zum Kotzen! Sie wissen, wer die besten Patrioten in Deutschland waren? Die Juden. Sie haben das Land mit einer hündischen, sentimentalen Anhänglichkeit geliebt.«

Ich schwieg. Ich dachte, daß die Juden das Land vielleicht des halb so übermäßig geliebt haben, weil man sie nie ganz hatte heimisch werden lassen. Die leichte Unsicherheit hatte ihre Liebe nie zur Ruhe kommen lassen. In der Kaiserzeit hatte man die Juden allerdings sogar geschützt, aber später nicht mehr. Trotz dem war der Antisemitismus bis 1933 gering und eigentlich eher eine Angelegenheit von vulgären und schwitzenden, ungewaschenen Neurotikern gewesen.«

«Das mit der Liebe zu Deutschland habe ich erlebt«, sagte ich.»In der Schweiz. Bei einem jüdischen Kommerzienrat, den ich anschnorren wollte. Er gab mir kein Geld. Dafür den guten Rat, nach Deutschland zurückzukehren. Die Zeitungen lögen. Und wenn etwas stimme, dann seien es vorübergehende, nicht zu um gehende Härten. Wo gehobelt würde, fielen Späne. Die Juden hätten an vielem auch selbst schuld. Als ich ihm sagte, daß ich selbst im Konzentrationslager gewesen sei, erklärte er mir, das müsse einen Grund gehabt haben, und die Tatsache, daß man mich entlassen habe, sei ein Zeichen für die Gerechtigkeit der Deutschen.«

«Warum sind Sie entlassen worden?«unterbrach Kahn mich.»Weil ich kein Jude bin«, sagte ich und ärgerte mich, es erzählt zu haben.»Den Kommerzienrat habe ich angebrüllt. Er brüllte zurück, ich sei ein Antisemit.«

«Ich kenne diesen Typ!«sagte Kahn finster.»Er ist nicht häufig, aber er existiert.«

«Sogar in Amerika. «Ich dachte an meinen Anwalt.»Kuckuck«, sagte ich.

Kahn lachte und antwortete:»Kuckuck! Zum Kuckuck mit allen Idioten in dieser Welt.«

«Unseren eigenen auch.«

«Denen zuerst. Wollen wir jetzt trotzdem ein paar Krabben essen?«

Ich nickte.»Erlauben Sie mir, daß ich Sie dazu einlade. Es ist ein erhebendes Gefühl, dies wieder einmal zu können. Vermindert den Komplex, ein Gewohnheitsbettler zu sein. Oder ein Edel parasit, wenn Sie wollen.«

«Für die Verminderung des Schuldkomplexes, am Leben zu sein, den uns unser geliebtes Vaterland eingebleut hat, ist nichts zu gut. Ich nehme die Einladung an. Lassen Sie mich dafür eine Flasche New Yorker Riesling zahlen, damit wir uns für kurze Zeit wie Menschen Vorkommen.«

«Sind wir das hier nicht?«

«Zu neun Zehntel. «Kahn zog ein rosa Papier aus der Tasche.

«Ein Paß!«sagte ich andächtig.

«Ein Ausweis für feindliche Ausländer«, sagte Kahn.»Enemy alien. — Das sind wir hier.«

«Also noch immer keine vollwertigen Menschen«, erwiderte ich und öffnete die riesige Speisekarte.»Werden wir es jemals wieder werden?«