Wir gingen abends zu Betty Stein. Sie hatte eine Berliner Sitte aufrechterhalten. Donnerstags führte sie abends einen Salon. Jeder konnte kommen. Wer etwas Geld hatte, brachte mit, was er hatte — eine Flasche Wein, Zigaretten oder eine Dose Würstchen. Ein Grammophon war damit alten Platten, Lieder von Richard Tauber und alte Operetten von Kalman, Lehar und Walter Kollo. Ab und zu las einer der Dichter etwas vor, meistens diskutierte man.
«Sie meint es gut«, sagte Kahn.»Aber es ist ein Leichenschäuhaus von Toten und von Lebenden, die tot sind, ohne es zu wissen. «Betty war in ein altes Seidenkleid aus den Jahren vor Hitler gekleidet. Es war voll von Rüschen und raschelte, roch nach Mottenpulver und war violett. Ihre roten Backen, die eisengrauen Haare und die glänzenden dunklen Augen standen in Kontrast dazu. Sie kam uns mit dicken, ausgebreiteten Armen entgegen. Sie war so herzlich, daß man hilflos lächelte, sie rührend und lächerlich fand und sie liebte. Sie tat so, als ob es die Zeit seit 1933 nicht gebe. Sie mochte an anderen Tagen existieren, aber nicht am Donnerstag. Donnerstag war man in Berlin, und die Weimarer Verfassung war noch in Kraft.
Das große Zimmer mit der Galerie der Toten war ziemlich voll. Wir trafen den Schauspieler Otto Wieler, der in einem Kreis von Bewunderern stand.»Er hat Hollywood erobert!«sagte Betty voll Stolz.»Er hat sich durchgesetzt!«
Wieler ließ sich feiern.»Was für eine Rolle hat er?«fragte ich Betty.»Othello? Die Brüder Karamasow?«
«Eine Riesenrolle! Was, weiß ich nicht. Aber er wird alle schlagen! Ein künftiger Clark Gable.«
«Charles Laughton«, sagte Bettys Nichte, ein verschrumpeltes, älteres Mädchen, das Kaffee einschenkte.»Eher Charles Laughton. Ein Charakterschauspieler.«
Kahn warf mir einen sardonischen Blick zu.»Ganz so groß ist die Rolle nun doch nicht«, sagte er dann,»und ganz so groß war Wieler in Europa auch nicht. Kennen Sie die Geschichte des Mannes, der in Paris in einen Nachtklub russischer Emigranten kam? Der Besitzer versuchte ihm zu imponieren. >Der Portier hier<, sagte er, >war früher ein General, der Kellner ein Graf, der Sänger ein Großfürst, und so weiter<. Der Gast schwieg. Schließlich deutete der Besitzer auf den kleinen Dackel, den der Gast mit gebracht hatte. >Was ist denn das für ein Hund?< fragte er höflich. >Das<, erwiderte der Gast, >war früher in Berlin ein großer Bernhardinern«
Kahn lächelte melancholisch.»Aber Wieler hat wirklich eine Rolle gekriegt. Erspielt in einem B-Film einen Nazi. Einen SS-Mann.«»Was? Er ist doch Jude.«
«Was hat das damit zu tun? Die Wege Hollywoods kennt nur Gott. Und für Hollywood sehen die SS-Leute anscheinend jüdisch aus. Dies ist der vierte Fall, daß die Rolle eines SS-Mannes mit einem Juden besetzt wird.«
Kahn lachte.»Eine Art poetischer Gerechtigkeit. Die Gestapo schützt begabte Juden indirekt vor dem Verhungern!«
Betty gab bekannt, daß Doktor Gräfenheim für diesen Abend in New York sei. Einige kannten ihn, er war ein berühmter Berliner Frauenarzt gewesen. Eine Erfindung zur Empfängnisver hütung war nach ihm benannt worden. Er kam kurz darauf. Kahn kannte ihn. Er war ein bescheidener Mann, schmal, mit einem dunklen Bärtchen.
«Wo arbeiten Sie?«fragte Kahn den Mediziner.»Wo ist Ihre Praxis?«
«Praxis«, erwiderte Gräfenheim,»ich habe meine Prüfung noch nicht gemacht. Es ist schwer. Könnten Sie ohne weiteres das Abitur wiederholen?«
«Müssen Sie das denn?«
«Ja. Alles noch einmal. Und in Englisch.«
«Aber Sie waren doch ein bekannter Arzt. Man sollte Sie doch hier kennen! Und wenn es schon sein muß, so sollte das Examen nur eine Formsache sein.«
Gräfenheim hob die Schultern.»Das ist es aber nicht. Im Gegenteil, es wird uns schwerer gemacht als den Amerikanern. Sie wissen, wie das ist. Ärzte sind nur dem Beruf nach Menschen freunde. Sonst aber sind sie in Vereinen und Klubs zusammenge faßt und wehren sich ihrer Haut. Sie wollen keine Außenseiter eindringen lassen. Deshalb müssen wir die Examina nachmachen. Das ist nicht leicht in einer fremden Sprache. Ich bin über sechzig.«
Gräfenheim lächelte entschuldigend.»Ich hätte Sprachen lernen sollen. Aber es geht uns allen ähnlich. Ich muß auch noch mein Assistentenjahr nachmachen. Immerhin, dabei bekomme ich wenigstens schon die Kost im Hospital und kann auch dort wohnen.«
«Sagen Sie nur die Wahrheit!«unterbrach Betty ihn resolut,»Kahn und Ross verstehen das. Man hat ihn nämlich bestohlen. Ein Emigrantenlump hat ihn bestohlen.«
«Na, Betty…«
«Doch, gemein bestohlen. Gräfenheim hatte eine wertvolle Brief markensammlung. Einen Teil davon hat er einem Freund mit gegeben, als der vor Jahren Deutschland verließ. Er sollte sie für ihn aufbewahren. Aber als er ankam, war der Freund kein Freund mehr. Er behauptete, nie etwas von Gräfenheim bekommen zu haben.«
«Die alte Sache«, sagte Kahn.»Gewöhnlich wird allerdings behauptet, die Sachen seien einem an der Grenze abgenommen worden.«
«Dieser war schlauer. Er hätte damit ja zugegeben, daß er sie empfangen hatte, und Gräfenheim hätte ein gewisses schwaches Recht auf Wiedererstattung gehabt.«
«Nein, Betty«, sagte Kahn,»das hätte er nicht. Sie hatten doch keine Quittung, wie?«fragte er Gräfenheim.
«Natürlich nicht. Das war doch ausgeschlossen. So etwas mußte doch vertraulich gemacht werden.«
«Dem Schweinehund geht es dafür jetzt glänzend«, fauchte Betty.»Und Gräfenheim mußte hungern.«
«Hungern gerade nicht. Aber ich hatte damit gerechnet, mein zweites Studium damit bezahlen zu können.«
«Sagen Sie mir, um wieviel er Sie gebracht hat«, forderte Betty unbarmherzig.
«Nun ja«, lächelte Gräfenheim verlegen,»es waren meine seltensten Marken. Sechs-, siebentausend Dollar würde jeder Händler dafür zahlen.«
Betty, obschon sie die Geschichte kannte, riß erneut die Kirschen augen auf.»Ein Vermögen! Wieviel Gutes man damit hätte tun können!«
«Immer noch besser, als wenn die Nazis sie bekommen hätten«, sagte Gräfenheim entschuldigend.
Betty sah ihn entrüstet an.»Ewig dieses: Immer noch besser! Diese alte Emigranten-Resignation! Warum verfluchst du das Leben nicht aus tiefstem Herzensgründe?«
«Was würde es nützen, Betty?«
«Manchmal werde ich selbst zum Antisemiten. Immer dieses Verstehen und schon halb Verzeihen! Glaubt ihr, ein Nazi würde auch so handeln? Er würde den Betrüger totprügeln!«
Kahn sah Betty, die mit ihren violetten Rüschen wie ein aufgeplusterter Papagei wirkte, belustigt und zärtlich an.»Du bist die letzte Makkabäerin, mein Herzchen!«
«Lach nicht! Du wenigstens hast es den Barbaren gezeigt. Du solltest mich verstehen. Ich könnte manchmal ersticken. Immer diese Demut! Dieses Hinnehmen!«Betty blickte mich zornig an.»Was sagen Sie dazu? Nehmen Sie auch alles hin?«
Ich antwortete nicht. Was war da zu antworten? Betty schüttelte sich, lachte über sich selbst und ging zu einer anderen Gruppe. Jemand stellte das Grammophon an. Man hörte die Stimme Richard Taubers. Er sang ein Lied aus dem >Land des Lächelns<.»Jetzt beginnt das Heimweh nach dem Kurfürstendamm«, sagte Kahn. Er wandte sich an Gräfenheim.»Wo wohnen Sie jetzt?«»In Philadelphia. Ein Kollege hat mich dort aufgenommen. Viel leicht kennen Sie ihn: Ravic.«
«Ravic? Aus Paris? Natürlich kenne ich ihn. Ich wußte nicht, daß er herausgekommen ist. Was macht er?«
«Dasselbe wie ich. Er nimmt es nur leichter. In Paris war es unmöglich, ein Examen zu machen. Er betrachtet es als einen Fort schritt, daß es hier möglich ist. Für mich ist es schwer. Ich spreche leider nur diese eine verfluchte Sprache und außerdem Griechisch und Lateinisch ziemlich flüssig. Was tut man damit?«
«Können Sie nicht warten, bis alles vorbei ist? Deutschland kann den Krieg nicht gewinnen, das weiß jetzt jeder. Dann können Sie zurückgehen.«