Gräfenheim schüttelte langsam den Kopf.»Das wird die letzte Illusion sein, die uns zerbricht, daß wir zurückgehen können.«»Warum nicht? Wenn die Nazis erledigt sind?«
«Die Deutschen werden vielleicht erledigt sein, die Nazis nicht. Die Nazis sind ja nicht vom Mars heruntergefallen und haben Deutschland vergewaltigt«, sagte er.»Das glauben vielleicht noch jene, die Deutschland 1933 verlassen haben. Ich bin noch jahre lang dagewesen. Ich habe das Gebrüll im Radio gehört, das fette blutrünstige Geschrei in den Versammlungen. Das war nicht mehr eine Partei. Das war Deutschland. «Er horchte auf das Grammophon, das >Berlin bleibt Berlin< spielte, gesungen von Sängern, die inzwischen im Konzentrationslager oder in der Emigration gelandet waren. Betty Stein und ein paar andere lauschten verzückt, skeptisch und sehnsüchtig.»Die wollen uns drüben gar nicht wiederhaben«, sagte Gräfenheim.»Keiner. Und keinen.«
Ich ging zum Hotel zurück. Der Abend bei Betty Stein hatte mich melancholisch gemacht. Ich dachte an Gräfenheim,' der versuchte, sich eine neue Existenz aufzubauen. Wozu? Er hatte seine Frau in Deutschland zurückgelassen. Sie war keine Jüdin. Fünf Jahre hatte sie dem Drude der Gestapo standgehalten und sich nicht scheiden lassen. In diesen fünf Jahren war die blühende Frau ein nervöses Wrack geworden. Man hatte Gräfenheim alle paar Wochen zu einer Vernehmung geholt. Die Frau und er hatten jeden Morgen von vier bis sieben Uhr gezittert; das war die Zeit, zu der man ihn gewöhnlich abholte. Die Vernehmungen waren manchmal erst am anderen Tage oder mehrere Tage später. In der Zwischenzeit war Gräfenheim in eine Zelle gesperrt, in der auch andere Juden saßen. Sie hockten zusammen und schwitzten den kalten Schweiß der Todesangst. Sie wurden in diesen Stunden zu einer sonderbaren Brüderschaft. Sie flüsterten miteinander und hörten doch nichts. Sie horditen nach draußen — nur nach draußen, von wo die Schritte kamen. Sie waren eine Brüderschaft, die sich mit dem wenigen Rat zu helfen vorgab, den sie hatte, und die sich doch in einer schauerlichen Zuneigung und Abneigung fast haßte, als wäre nur ein bestimmtes Quantum an Ausfluchtsmöglichkeiten vorhanden für sie alle und als ob jeder mehr die Chancen des einzelnen verringerte. Der Stolz der deutschen Nation schleppte manchmal einen hinaus, mit Fuß tritten, Schlägen und den Beschimpfungen, die zwanzigjährige Recken für nötig hielten, um einen herzkranken alten Mann vor wärtszutreiben. Dann sprach niemand in der Zelle mehr.
Wenn dann, oft nach Stunden, ein blutiger Haufen Fleisch in die Zelle geworfen wurde, machte man sich schweigend an die Arbeit. Gräfenheim hatte das so oft mitgemacht, daß er schon, wenn er wieder einmal abgeholt wurde, seine weinende Frau instruiert hatte, ein paar Taschentücher in seinen Anzug zu stecken; er konnte sie zum Verbinden brauchen. Binden traute er sich nicht mitzunehmen. Denn selbst das Verbinden in der Zelle war eine Handlung, die großen Mut erforderte. Es war vorgekommen, daß Leute, die es taten, wegen Obstruktion totgeschlagen wurden. Gräfenheim erinnerte sich an die Opfer, wenn sie zurück geschleppt wurden. Sie konnten sich kaum bewegen, aber manche flüsterten mit ihren vom Schreien heiseren Stimmen und den Augen, in die sich die letzte Möglichkeit von Ausdruck geflüchtet hatte, so daß sie heiß und glänzend aus dem zerschundenen Gesicht starrten —»Glück gehabt, sie haben mich nicht behalten!«Dabehalten hieß, im Keller langsam zu Tode getrampelt zu werden oder im Konzentrationslager kaputtgeschunden und dann in den elektrischen Draht gejagt zu werden.
Gräfenheim war einmal wieder zurückgekommen. Seine Praxis hatte er längst an einen ändern Arzt abgeben müssen. Sein Nachfolger hatte ihm dreißigtausend Mark dafür geboten und dann tausend bezahlt — sie war dreihunderttausend wert. Ein Unter sturmführer aus der Verwandtschaft des Nachfolgers war eines Tages erschienen und hatte Gräfenheim vor die Wahl gestellt, ins Lager gesteckt zu werden, weil er unerlaubt praktiziert hatte, oder die tausend Mark zu nehmen und eine Quittung über dreißigtausend Mark auszustellen. Gräfenheim wußte, was er zu tun hatte. Schließlich war die Frau reif für die Irrenanstalt. Aber sie wollte sich immer noch nicht scheiden lassen. Sie glaubte, daß nur sie Gräfenheim noch davor schützte, in ein Lager gebracht zu werden. Sie wollte sich nur scheiden lassen, wenn Gräfenheim das Land verlassen konnte. Sie wollte ihn in Sicherheit wissen. Nun hatte Gräfenheim etwas Glück. Der Untersturmführer, der inzwischen Obersturmführer geworden war, suchte ihn eines Nachts auf. Er war in Zivil und kam nach einigem Zögern damit heraus, daß Gräfenheim bei seiner Freundin eine Abtreibung vornehmen solle. Er war verheiratet, und seine Frau hielt nicht viel von den nationalsozialistischen Ideen, es sei notwendig, möglichst viele Kinder zu haben, auch wenn sie von zwei oder drei erbtüchtigen Blutlinien kamen. Sie hielt ihre eigene Blutlinie für ausreichend. Gräfenheim weigerte sich. Er vermutete eine Falle. Zur Vorsicht erklärte er, daß sein Nachfolger doch auch Arzt sei, der Obersturmführer möge sich doch an ihn wenden; er sei doch sogar ein Verwandter und ihm — Gräfenheim deutete das behutsam an — sogar zu großem Dank verpflichtet. Der Obersturmführer wischte das fort.»Das Aas will nicht«, erklärte er.»Ich habe mal so ganz von weitem angetippt! Der Schweinehund hat mir eine nationalsozialistische Rede gehalten von Erbmasse, Erbgut und diesem Quatsch. Da sehen Sie, was Dankbarkeit ist! Dabei habe ich dem Kerl zu seiner Praxis verholfen!«Gräfenheim entdeckte keine Spur von Ironie in den Augen des wohlgenährten Obersturmführers.»Bei Ihnen ist das anders«, erklärte der Mann.»Bei Ihnen bleibt alles unter uns. Mein Schwager, das Luder, würde unter Umständen auch nicht die Schnauze halten. Oder mich ein Leben lang erpressen.«»Sie könnten ihn ja ebenso erpressen, wegen verbotenen Eingriffs«, wagte Gräfenheim zu antworten.»Ich bin ein einfacher Soldat«, erwiderte der Obersturmführer.»Ich kenne mich in so was nicht aus. Bei Ihnen nun, Doktorchen, ist das alles viel einfacher. Wir verstehen uns. Sie dürfen nicht arbeiten, und ich darf nicht ab treiben lassen; also kein Risiko für beide. Das Mädel kommt nachts her; morgens geht es nach Hause. In Ordnung?«»Nein!«sagte Frau Gräfenheim von der Tür her. Sie hatte voll Angst gelauscht und dann alles gehört. Wie ein zerstörter Geist stand sie in der Tür und hielt sich fest. Gräfenheim sprang auf.»Laß mich!«sagte die Frau.»Ich habe alles gehört. Du wirst nichts tun! Nichts, ehe du nicht eine Ausreiseerlaubnis bekommst. Das ist der Preis. Besorgen Sie sie«, wandte sie sich an den Ober sturmführer. Der versuchte ihr zu erklären, das sei nicht sein Gebiet. Sie blieb unerbittlich. Er versuchte wegzugehen. Sie drohte ihm mit Erpressung; sie würde ihn bloßstellen bei seinen Vorgesetzten. Wer würde ihr glauben? Aussage stünde gegen Aussage. Die seine gegen die ihre. Er versuchte es mit Versprechungen; sie ließ sich nicht darauf ein. Erst die Erlaubnis, dann die Abtreibung.
Das fast Unmögliche gelang. In dem Chaos der Bürokratie des Schreckens gab es ab und zu solche Oasen. Das Mädchen kam, kam ungefähr zwei Wochen später, nachts. Als alles vorüber war, erklärte der Obersturmführer Gräfenheim, daß er noch einen dritten Grund gehabt hätte, ihn zu nehmen; er hätte zu einem jüdischen Arzt mehr Vertrauen als zu seinem Kaffer von Schwager. Gräfenheim erwartete bis zum Schluß eine Falle. Der Ober sturmführer gab ihm zweihundert Mark Honorar. Gräfenheim wies sie zurück. Der Obersturmführer stopfte sie ihm in die Tasche.»Doktorchen, wir werden das schon noch brauchen können!«Er liebte das Mädchen wirklich. Gräfenheim war so mißtrauisch, daß er sich nicht von seiner Frau verabschiedete. Er glaubte, so das Schicksal zu bestechen. Hätte er sich verabschiedet, glaubte er, hätte man ihn zurückgebracht. Er kam durch. Nun saß er in Philadelphia und bereute, seine Frau nicht geküßt zu haben. Er konnte nicht darüber hinwegkommen. Von seiner Frau hatte er nie wieder etwas gehört. Es wäre auch schwer möglich gewesen, bald darauf war der Krieg ausgebrochen.