* * *
Vor dem Hotel Reuben stand ein Rolls-Royce mit Chauffeur. Er nahm sich da aus wie ein Goldbarren in einem Aschenhaufen.»Das ist der richtige Begleiter für Sie«, sagte Melikow aus dem Innern der Plüschbude.»Ich habe leider keine Zeit.«
Ich sah Natascha Petrowna in der Ecke.»Gehört Ihnen vielleicht der imposante Rolls-Royce draußen?«fragte ich.
«Geliehen!«erwiderte sie.»Geliehen, wie die Kleider, in denen ich photographiert werde, und wie der Schmuck. Nichts ist echt an mir.«
«Die Stimme ist echt. Und der Rolls-Royce auch.«
«Gut. Aber nichts gehört mir. Ich bin dann eine Betrügerin mit echten Dingen. Paßt das besser?«
«Es ist viel gefährlicher«, sagte ich.
«Sie sucht einen Begleiter«, erklärte Melikow.»Sie hat den Rolls- Royce nur für heute abend. Morgen muß sie ihn wieder abliefern. Möchtest du nicht einen Abend als Hochstapler durch die Welt gleiten?«
Ich lachte.»Das tue ich seit vielen Jahren. Aber nicht im Auto.
Das wäre etwas Neues.«
«Wir haben auch einen Chauffeur«, sagte Natascha Petrowna.»Sogar in Uniform. Einen englischen.«
«Muß ich mich umziehen?«
«Selbstverständlich nicht. Schauen Sie mich doch an!«
Es wäre mir auch schwergefallen, mich umzuziehen. Ich hatte zwei Anzüge, und den besseren hatte ich bereits an.
«Fahren Sie mit?«fragte Natascha Petrowna.
«Gerne!«Mir konnte nichts Besseres passieren, um von dem Gedanken an Gräfenheim loszukommen.»Heute scheint ein glücklicher Tag für mich zu sein«, sagte ich.»Ich habe mir selbst drei Tage Urlaub gegeben, aber ich habe nicht an solche Über raschungen geglaubt.«
«Können Sie sich selbst Urlaub geben? Ich kann das nicht.«
«Ich auch nicht, aber ich wechsle meine Stellung. In drei Tagen werde ich Schlepper, Bildereinrahmer und Hausbursche bei einem Bilderhändler.«
«Verkäufer auch?«
«Gott bewahre. Das tut Herr Silvers selbst.«
Natascha Petrowna studierte mich einen Augenblick.»Warum sollten Sie nicht verkaufen können?«
«Dazu verstehe ich zu wenig.«
«Man muß nichts verstehen von dem, was man verkauft. Man verkauft dann sogar besser. Es gibt einem mehr Freiheit, wenn man die Nachteile nicht kennt.«
Ich lachte.»Woher wissen Sie das alles?«
«Ich muß manchmal auch verkaufen. Kleider und Hüte. «Sie studierte mich wieder.»Aber ich bekomme dann eine Provision. Das sollten Sie auch!«
«Vorläufig weiß ich überhaupt nicht, ob ich nicht nur das Haus ausfegen muß und Kaffee für die Kunden bringen. Oder Cocktails.«
Wir fuhren langsam durch die Straßen, vor uns den breiten Rükken eines in Cord gekleideten Chauffeurs mit einer beigefarbenen Mütze. Natascha drückte einen Knopf, und aus der Mahagoniwand vor uns hob sich langsam ein versenkbarer Tisch.»Cocktails«, sagte sie und griff in ein Abteil, das unter dem Tisch frei geworden war und einige Gläser und Flaschen enthielt.»Eis gekühlt«, erklärte sie.»Das Neueste. Ein kleiner eingebauter Eis schrank. Was möchten Sie haben? Wodka, Whisky oder Mineral wasser? Wodka, nicht wahr?«
«Selbstverständlich.«
Ich blickte auf die Flasche.»Aber das ist ja echter russischer. Wie kommt denn der hierher?«
«Der Nektar der Götter! Der Uber-Nektar sogar. Eine der wenigen erfreulichen Folgen des Krieges. Der Mann, dem dieser Wagen gehört, hat etwas mit Außenpolitik zu tun. Er muß öfter nach Rußland und Washington. «Sie lachte.»Fragen wir nicht weiter, sondern genießen wir. Man hat es mir erlaubt.«
«Aber nicht mir.«
«Der Mann, dem dieser Wagen gehört, weiß auch, daß ich darin nicht allein umherfahre.«
Der Wodka war hervorragend. Was ich bisher getrunken hatte, war dagegen alles zu scharf und schmeckte zu sehr nach Sprit.»Noch einen?«fragte sie.
«Warum nicht? Es scheint plötzlich mein Schicksal zu sein, als Kriegsnutznießer zu leben. Ich bin in Amerika hereingelassen worden, weil Krieg ist; ich habe Arbeit gefunden, weil Krieg ist; und nun trinke ich russischen Wodka, wiederum weil Krieg ist. Ich bin ein Parasit wider Willen.«
Natascha Petrowna blinzelte mich an.»Warum sind Sie es nicht mit Willen? Es ist viel angenehmer.«
Wir fuhren die Fifth Avenue hinauf, am Central Park entlang.»Hier beginnt Ihr Gebiet«, sagte Natascha Petrowna.
Wir bogen nach einiger Zeit in die 86. Straße ein. Sie war breit und amerikanisch und erinnerte doch sofort an eine Straße in einer deutschen Kleinstadt. Konditoreien, Bierkneipen, Wurst läden säumten den Weg.»Spricht man hier noch Deutsch?«fragte ich.
«Soviel Sie wollen. Die Amerikaner sind großzügig. Sie sperren deshalb keinen ein. Nicht wie die Deutschen.«
«Und nicht wie die Russen«, erwiderte ich.
Natascha Petrowna lachte.»Die Amerikaner sperren auch Leute ein«, sagte sie.»Die Japaner, die hier leben.«
«Und die Franzosen und die Emigranten, die drüben lebten.«
«Ich glaube, überall werden die Falschen eingesperrt, wie?«
«Das mag sein. Die Nazis dieser Straße hier sind jedenfalls frei. Können wir nicht anderswohin fahren?«
Natascha Petrowna sah mich einen Augenblick schweigend an.»Ich bin sonst nicht so«, sagte sie dann nachdenklich.»Irgend etwas reizt mich bei Ihnen.«
«Wie schön. Es geht mir mit Ihnen auch so.«
Sie achtete nicht auf meine Antwort.»Es ist irgend etwas wie eine versteckte Selbstzufriedenheit«, sagte sie.»Etwas Verstocktes, an das man nicht herankann. Aber man ärgert sich darüber. Verstehen Sie das?«
«Ohne weiteres. Ich ärgere mich selbst darüber. Aber wozu sagen Sie es mir?«
«Um Sie zu ärgern«, erwiderte Natascha Petrowna.»Warum sonst? Und ich? Was reizt Sie an mir?«
Ich lachte.»Nichts«, sagte ich.
Sie stutzte. Ich bereute sofort, was ich gesagt hatte, aber es war zu spät.»Sie verdammter Deutscher«, sagte sie. Ihr Gesicht war blaß, und sie sah an mir vorbei.
«Es mag Sie interessieren, daß Deutschland mich ausgebürgert hat«, erwiderte ich und ärgerte mich sofort, auch das gesagt zu haben.
«Kein Wunder!«Natascha Petrowna klopfte an die Scheibe.»Fahren Sie zum Hotel Reuben.«
«Verzeihen Sie, Madame, in welcher Straße?«fragte der Chauffeur.
«Das Hotel, wo wir zuletzt gehalten haben.«
«Sehr wohl.«
«Sie brauchen mich nicht zum Hotel zu bringen«, sagte ich.»Ich kann hier aussteigen. Es fahren überall Omnibusse.«
«Wie Sie wollen. Hier sind Sie ja zu Hause.«
«Halten Sie bitte!«sagte ich zu dem Chauffeur und stieg aus.»Vielen Dank«, sagte ich zu Natascha Petrowna. Sie antwortete nicht. Ich stand auf der 86. Straße in New York und starrte auf das Cafe Hindenburg, aus dem Blechmusik erscholl. Im Cafe Geiger lag heimischer Kranzkuchen aus. Nebenan hingen Blut würste im Fenster. Um mich herum klangen deutsche Laute. Ich hatte mir in all den Jahren oft ausgemalt, wie es wohl sein würde, wenn ich einmal zurückkommen würde, aber so hatte ich es mir niemals vorgestellt.
IX
Meine Arbeit bei Silvers bestand zunächst darin, alles zu katalogisieren, was er je verkauft hatte, und die Photographien, die es dazu gab, mit den Aufschriften über die Herkunft der Bilder zu versehen.
«Bei alten Bildern besteht die Schwierigkeit immer in der Expertise«, erklärte Silvers.»Man weiß nicht von allen, woher sie kommen. Bilder sind wie Aristokraten, man muß ihre Ahnenlinie bis zu dem Mann verfolgen können, der sie gemalt hat. Und es muß eine ununterbrochene Linie sein, von der Kirche X zum Kardinal A, von der Sammlung der Fürsten Z bis schließlich zum Gummimagnaten Rabinowitz oder zum Automobilkönig Ford. Sei tensprünge gibt’s da nicht.«
«Aber man kennt doch das Bild?«
«Man mag es kennen, aber die Photographie ist erst eine Sache des späten neunzehnten Jahrhunderts. Und längst nicht von allen alten Bildern hat man Stiche zum Vergleichen angefertigt. Man ist da häufig nur auf Vermutungen angewiesen. «Silvers lächelte diabolisch.»Und auf Kunsthistoriker.«