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Ich schichtete einen Pack Photos zusammen. Zuoberst lagen viele farbige Photos von Manets. Es waren Blumenbilder kleinen Formats, Päonien in einem Wasserglas. Man konnte die Blüten und das Wasser fühlen. Eine wunderbare Ruhe ging von ihnen aus und eine Energie, die reine Schöpfung waren: als hätte der Maler in diese Blumen zum erstenmal geschaffen und als wären sie vorher nicht auf der Welt gewesen.

«Gefallen sie Ihnen?«fragte Silvers.

«Sie sind herrlich.«

«Besser als die Rosen von Renoir drüben an der Wand?«»Anders«, sagte ich.»Wie kann man hier von besser reden!«

«Man kann. Wenn man Kunsthändler ist.«

«Die Manets hier sind ein Augenblick der Schöpfung, der Renoir des blühenden Lebens.«

Silvers wiegte den Kopf.»Nicht schlecht. Waren Sie einmal Schriftsteller?«

«Nur ein lausiger Journalist.«

«Sie haben anscheinend das Zeug, über Bilder zu schreiben.«»Dazu verstehe ich viel zu wenig.«

Silvers setzte wieder sein diabolisches Lächeln auf.»Meinen Sie, die Leute, die über Bilder schreiben, verstehen mehr? Ich will Ihnen ein Geheimnis mitteilen. Über Bilder kann man gar nicht schreiben. Über Kunst auch nicht. Alles, was darüber geschrieben wird, ist dazu da, Banausen aufzuklären. Über Kunst kann man nicht schreiben. Man kann sie nur fühlen.«

Ich erwiderte nichts.

«Und verkaufen«, sagte Silvers,»das war es doch, was Sie dachten?«

«Nein«, erwiderte ich wahrheitsgetreu.»Aber weshalb meinen Sie dann, ich hätte das Zeug, darüber zu schreiben? Weil nichts darüber zu schreiben ist?«

«Vielleicht ist das besser, als ein lausiger Journalist zu sein.«»Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist es besser, ein lausiger ehrlicher Journalist zu sein als ein hochtrabender Phrasendrescher, der über Kunstwerke schreibt.«

Silvers lachte.»Sie haben die Eigenschaft vieler Europäer. Sie denken in Extremen. Oder ist es die Eigenschaft der Jugend? Aber so jung sind Sie gar nicht mehr. Zwischen Ihren beiden Extremen liegen tausend Varianten und Nuancen. Und außerdem stimmen die Voraussetzungen nicht. Sehen Sie, ich wollte Maler werden. War es auch. Mit allem Enthusiasmus ein lausiger Maler. Jetzt bin ich Kunsthändler. Mit allem Zynismus, den ein Kunst händler hat. Ist etwas anders geworden? Habe ich die Kunst verraten, weil ich keine schlechten Bilder mehr male, oder habe ich sie verraten, weil ich sie verkaufe?«

Silvers bot mir eine Zigarre an.»Gedanken an einem Sommer- nachmittag in New York«, sagte er.»Versuchen Sie einmal diese Zigarre. Es ist die leichteste Havanna, die es gibt. Sind Sie Zigarrenraucher?«

«Ich habe es da noch zu keiner Unterscheidung gebracht. Ich habe geraucht, was mir in die Finger kam.«

«Wie glücklich Sie sind!«

Ich blickte überrascht auf.»Das ist mir neu. Ich wußte nicht, daß man deswegen glücklich sein kann.«

«Sie haben das alles noch vor sich, das Auswahlen, das Genießen und das Ermüden. Zum Schluß bleibt nur das Ermüden. Je weiter unten man anfängt, um so länger dauert es, bis man dazu kommt.«

«Sie meinen, man sollte als Barbar beginnen?«

«Wenn man kann.«

Ich war plötzlich verärgert. Ich hatte genug von Barbaren gesehen. Diese ästhetische Salonauffassung brauchte ich nicht, das war etwas für ruhigere Zeiten. Das parfümierte Geschwätz lag mir nicht, auch nicht für acht Dollar am Tag. Ich zeigte auf den Stapel Photographien.»Bei diesen ist das Gutachten wohl eine einfachere Sache als bei Bildern aus der Renaissance«, sagte ich.»Es ist eine Differenz von einigen Jahrhunderten. Degas und Renoir haben ja noch bis in den Ersten Weltkrieg, ja Renoir sogar noch darüber hinaus gelebt.«

«Trotzdem gibt es schon genug falsche Bilder von ihnen.«

«Ist die lückenlose Expertise da die einzige Sicherheit?«

Silvers lächelte.»Das, oder das Gefühl. Man muß viele Hunderte von Bildern sehen. Immer wieder sehen. Über viele Jahre hinaus. Sehen, studieren, vergleichen. Und immer wieder sehen.«»Das klingt ganz gut«, sagte ich.»Aber wie kommt es, daß so viele Museumsdirektoren falsche Expertisen abgeben?«

«Einige geben sie ab wider besseres Wissen. Das spricht sich aber rasch herum. Andere irren sich einfach. Warum? Da kommen wir zum Unterschied zwischen dem Museumsdirektor und dem Händler. Der Museumsdirektor kauft ab und zu — aber für das Geld des Museums. Der Händler kauft oft — aber immer für sein eigenes Geld. Glauben Sie nicht, daß das einen Unterschied macht? Wenn dem Händler ein Fehlurteil unterläuft, verliert er sein Geld. Der Museumsdirektor aber verliert keinen Pfennig seines Gehalts. Sein Interesse am Bild ist akademisch, das des Händlers ist finanziell. Der Händler schaut schärfer hin, er riskiert mehr.«

Ich betrachtete den sehr gut angezogenen Mann. Seine Anzüge und Schuhe stammten aus London, seine Hemden hatten Pariser Schick. Er war gepflegt und duftete nach französischem Eau de Cologne. Ich sah ihn wie durch eine Glasscheibe; ich hörte ihn, aber als wäre er in einem ändern Haus. Es war eine gedämpfte Welt, in der er zu leben schien, eine Welt der Halsabschneider und Räuber, dessen war ich sicher — aber eine Welt eleganter und leicht gefährlicher Räuber und Flalsabschneider. Alles, was er gesagt hatte, stimmte — und trotzdem stimmte nichts. Es war alles auf eine fast unwirkliche Weise verschoben. Silvers wirkte gelassen und sehr überlegen, aber ich hatte das Gefühl, daß er sich jeden Augenblick verwandeln könne in einen rücksichtslosen Geschäftemacher, der über Leichen gehen würde. Seine Welt schwebte in der Luft. Sie war gebildet aus den Seifenblasen wohl lautender Phrasen, einer intimen Kenntnis künstlerischer Dinge, von denen er doch nur die Preise wirklich verstehen konnte — denn wer Dinge wirklich liebt, verkauft sie doch nicht, meinte ich. Silvers sah auf seine Uhr.»Madien wir Schluß für heute. Ich muß in meinen Klub.«

Ich wunderte mich nicht, daß er in einen Klub mußte. Es gehörte zu der unrealen Glashausexistenz, die er für mich zu führen schien.»Wir werden miteinander auskommen«, sagte er und zog die Bügelfalten seiner Hose glatt. Ich blickte auf seine Schuhe. Alles, was er trug, war um eine Nuance zu gepflegt. Die Schuhe waren um eine Spur zu spitz; auch um eine Spur zu hell. Das Muster des Anzugs war um ein weniges zu lebhaft und die Krawatte um ein geringes zu bunt und zu gut. Er betrachtete meinen Anzug.»Ist der nicht etwas dick für den Sommer in New York?«

«Ich kann die Jacke ausziehen, wenn es zu heiß ist.«

«Nicht hier. Kaufen Sie sich einen Tropical. Die amerikanische Konfektion ist sehr gut. Selbst Millionäre tragen hier selten Maßanzüge. Kaufen Sie bei den Brook’s Brothers. Wenn Sie billiger kaufen wollen, bei Browning und King. Für sechzig Dollar bekommen Sie da schon etwas Vernünftiges.«

Er zog einen Packen Scheine aus der Rocktasche. Ich hatte schon früher bemerkt, daß er keine Brieftasche hatte.»Hier«, sagte er und blätterte einen Hundertdollarschein ab.»Betrachten Sie es als einen Vorschuß.«

Ich fühlte die Hundertdollarnote wie einen heißen Stein in meiner Tasche. Es war noch Zeit, zu Browning und King zu gehen. Ich wanderte durch die Fifth Avenue und pries Silvers in stummem Gebet. Ich hätte das Geld behalten und weiter meinen früheren Anzug getragen, das war aber nicht möglich. Silvers würde in einigen Tagen Fragen stellen. Immerhin, nach all den Vorträgen über Bilder als die beste Kapitalanlage hatte ich selbst, ohne einen Manet zu kaufen, mein Vermögen heute verdoppelt.

Ich bog nach einiger Zeit in die 54. Straße ein. Ein Stück weiter war ein kleiner Blumenladen, der sehr billige Orchideen verkaufte; sie waren vielleicht nicht mehr ganz frisch, doch das sah man nicht. Ich hatte mir am Tage vorher von Melikow die Adresse des Geschäftes geben lassen, in dem Natascha Petrowna beschäftigt war — ich war im Hin- und Widerstreit meiner Gedanken nicht dazugekommen, einen Entschluß zu fassen. In der einen Stunde hielt ich Natascha für eine chauvinistische Mode ziege, in der ändern mich für einen ungehobelten Polterer. Jetzt schien Gott eingegriffen zu haben, und der Geldschein war ein Beweis dafür. Ich kaufte zwei Orchideen und schickte sie an Nataschas Adresse. Sie kosteten nur fünf Dollar und sahen teurer aus, und auch das schien mir irgendwie zu passen.