Bei Browning und King fand ich einen leichten grauen Anzug, bei dem nur die Hose passend gemacht werden mußte.»Bis morgen abend«, sagte der Verkäufer.
«Kann ich ihn nicht heute abend haben?«
«Es ist schon spät.«
«Ich brauche ihn heute abend«, sagte ich,»dringend.«
Ich brauchte ihn nicht so dringend, aber ich wollte ihn plötzlich so rasch wie möglich haben. Es war endlos lange her, seit ich einen neuen Anzug hatte kaufen können, und es kam mir törich terweise auf einmal so vor, als wäre das ein Symbol, daß meine lange Zeit als heimatloser Emigrant vielleicht vorüber wäre, daß ich seßhaft werden könnte, um ein ruhiges Dasein als Kleinbürger zu beginnen.
«Versuchen Sie es möglich zu machen«, sagte ich.
«Ich will erst mal in der Werkstatt nachsehen.«
Ich stand zwischen den langen Reihen der aufgehängten Anzüge und wartete. Die Reihen schienen von allen Seiten gegen mich zu marschieren, wie eine Armee von Automaten, bei denen endlich der Gipfel der Perfektion erreicht war — die völlige Ausschaltung des Menschen. Wie ein Anachronismus huschte der Verkäufer zappelnd durch die stummen Reihen.»Es läßt sich machen. Holen Sie den Anzug kurz vor sieben ab.«
«Vielen Dank.«
Ich trat durch einen Streifen von staubigem Sonnenschein auf die heiße Straße.
Ich ging die Dritte Avenue entlang. Lowy senior stand im Schau fenster und dekorierte. Ich blieb in der ganzen Pracht meines Tropical draußen stehen. Er madite Augen wie ein Uhu in der Nacht und winkte mir mit einem Leuchter, hereinzukommen.»Köstlich«, sagte er.»Ist das bereits die erste Frucht Ihrer Tätigkeit als höherer Gauner?«
«Es ist die Frucht eines Vorschusses von dem Mann, bei dem Sie mich empfohlen haben, Herr Lowy.«
Lowy grinste.»Ein ganzer Anzug. Tiens.«
«Und noch was drüber. Silvers hatte mir Brook’s Brothers empfohlen. Ich habe bescheidener gewählt.«
«Sie sehen aus wie ein Hochstapler.«
«Herzlichen Dank. Das bin ich auch.«
«Sie scheinen sich bereits glänzend zu verstehen«, brummte Lowy und befestigte einen wunderbaren Engel aus dem 18. Jahrhundert, dessen Bemalung neu war, vor einem Stück Samt aus
Genua.»Ein Wunder, daß Sie sich überhaupt noch hier sehen lassen bei uns kleinen Pinschern.«
Ich sah ihn sprachlos an. Der kleine Dicke war eifersüchtig, dabei hatte er mich selbst Silvers empfohlen.»Wäre es Ihnen lieber, wenn ich Silvers beraubt hätte?«fragte ich.
«Zwischen ihn berauben und ihm den Arsch küssen ist noch ein Unterschied!«Lowy schob einen französischen Stuhl zurecht, von dem ein halbes Bein original aus der Zeit war. Ein warmes Gefühl stieg in mir auf. Es war viel Zeit vergangen, seit ich gespürt hatte, daß mich jemand gern hatte, ohne etwas von mir zu wollen. Es war eigentlich nicht so lange her, fand ich, als ich darüber nachdachte. Die Welt war voll von guten Menschen: Das merkte man erst, wenn es einem sehr schlecht ging, und es war eine gewisse Aussöhnung dafür, daß es einem schlecht ging. Eine merkwürdige Balance, die einen in verzweifelten Augenblicken sogar an einen sehr fernen, unpersönlichen und automatischen Gott mit Schalttafeln glauben ließ. Allerdings nur in diesem Mo ment und dann nicht lange.
«Was starren Sie so?«fragte Lowy.
«Sie sind ein netter Mensch«, erwiderte ich aufrichtig.»Wie ein Vater!«
«Was?«
«Ich meine es so. In einem komischen, vagen Übersinne.«
«Was?«.fragte Lowy.»Es geht Ihnen also gut. Sie reden Schmonzes. Schmonzes Balonzes! Gefällt Ihnen das Leben bei dem Parasiten so sehr?«Er wischte sich den Staub von den Händen ab.»So was brauchen Sie da nicht zu tun, was?«Er warf das schmutzige Handtuch hinter einen Vorhang auf einen Haufen einge rahmter japanischer Holzschnitte.»Besser als hier ist es da, was?«
«Nein«, sagte ich.
«Uberschmonzes!«
«Anders, Herr Lowy. Was macht das alles aus, wenn die Bilder herrlich sind! Das sind keine Parasiten!«
«Das sind Opfer«, erwiderte Lowy senior plötzlich ruhig.»Stellen Sie sich vor, wie denen zumute sein müßte, wenn sie ein Bewußtsein hätten! Wo die überall wie Sklaven hin verkauft werden. An Waffenhändler, Gewehrfabrikanten, Bombenkaufleute! Für ihr Blutgeld kaufen sich die Kerle Bilder voll himmlischen Friedens.«
Ich sah Lowy an.»Also gut«, sagte er.»Dieser Krieg ist anders, aber ist er anders für diese Schmarotzer? Die wollen verdienen, für oder gegen, da können Sie sagen, was Sie wollen. Die würden auch dem Teufel…«Er stockte.»Da kommt Julius«, flüsterte er.»Gerechter Gott, im Smoking! Alles ist verloren.«
Lowy junior war nicht im Smoking. Er tauchte auf im letzten schmutzig-honigfarbenen Sonnenlicht der Straße, umwallt von Benzinrauch und Auspuffgasen, im kleinen Besuchsanzug — dunkles Marengojackett, gestreifte Hose, steifer Hut und zu meinem Erstaunen hellgraue, altväterliche Gamaschen. Ich betrachtete die Gamaschen mit Rührung, ich hatte so was seit der Zeit vor Hitler nicht mehr gesehen.
«Julius!«schrie Lowy senior.»Komm herein; geh nicht. Ein letztes Wort: Denk an deine fromme Mutter!«
Julius schritt langsam über die Schwelle.»An die Mutter habe ich gedacht«, erklärte er.»Und du kannst mich nicht irre machen, du jüdischer Faschist!«
«Julius, rede nicht so! Habe ich nicht immer dein Bestes gewollt? Auf dich aufgepaßt, wie ein älterer Bruder es nur kann, dich gepflegt, wenn du krank warst, du…«
«Wir sind doch Zwillinge«, erklärte Julius,»mein Bruder ist, wie ich Ihnen gesagt habe, drei Stunden älter als ich.«
«Drei Stunden können mehr als ein Leben sein. Immer warst du träumerisch, weitabgewandt, immer mußte ich auf dich aufpassen, Julius, du weißt es, immer hatte ich dein Bestes im Auge, und nun plötzlich behandelst du mich wie deinen Erzfeind.«
«Weil ich heiraten will.«
«Weil du die Schickse heiraten willst. Schauen Sie sich an, wie er dasteht, Herr Ross, zum Erbarmen, als wäre er ein Goi und möchte auf die Rennbahn gehn. Julius, Julius, komm zu dir! Warte noch! Einen Antrag will er machen wie ein Kommerzien rat! Man hat dir einen Liebestrank eingegeben, denk an Tristan und Isolde und das Unglück, das daraus entstanden ist. Schon nennst du deinen leiblichen Bruder einen Faschisten, weil er dich davor bewahren will, falsch zu heiraten. Nimm eine ordentliche jüdische Frau, Julius.«
«Ich will keine ordentliche jüdische Frau. Ich will die Frau heiraten, die ich liebe!«
«Liebe, Schmiebe, was für ein Wort! Schau dir an, wie du schon jetzt aussiehst. Einen Antrag will er ihr machen. Schauen Sie ihn an, Herr Ross!«
«Ich kann dazu nichts sagen«, erwiderte ich.»Ich trage auch einen neuen Anzug. Einen für Hochstapler, Herr Lowy, erinnern Sie sich?«
«Das war Spaß!«
Das Gespräch wurde sehr bald ruhiger. Julius nahm den jüdi schen Faschisten zurück und tauschte ihn um gegen einen Zionisten und bald darauf sogar gegen einen Familienfanatiker. Lowy senior machte in der Hitze der Diskussion einen taktischen Fehler. Er sagte, daß ich doch auch nicht unbedingt eine Jüdin heiraten würde.»Warum nicht?«erwiderte ich.»Als ich sechzehn Jahre alt war, hat mir mein Vater sogar schon geraten, eine zu heiraten. Sonst, meinte er, würde bestimmt nichts aus mir.«»Siehst du!«rief Julius.
Das Gespräch flammte aufs neue auf. Aber Lowy senior gewann allein schon durch seinen Eifer gegen den Lyriker und Träumer Julius an Boden. Ich hatte nichts anderes erwartet. Wäre Julius fest entschlossen gewesen, er wäre nicht noch einmal im kleinen Besuchsanzug in der Dritten Avenue erschienen, sondern gleich ins Haus der Göttin mit den gelben Haarzotteln — gefärbt, wie der Senior glaubte — marschiert. Er ließ sich nicht allzu ungern überreden, mit dem Antrag noch zu warten.»Du verlierst nichts«, beschwor Lowy senior ihn.»Du überlegst es dir einfach noch mal.«