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«Und wenn ein anderer kommt?«

«Es kommt kein anderer, Julius. Bist du denn umsonst seit dreißig Jahren hier im Geschäft gewesen? Haben wir nicht tausend mal behauptet, ein anderer Kunde sei hinter einem Objekt her und wolle es kaufen, und es war immer ein fauler Trick? Aber Julius, nun komm und zieh die Affenjacke aus!«

«Das tue ich nicht«, erklärte Julius mit unerwarteter Schärfe.

«Jetzt habe ich sie an und gehe aus.«

Lowy senior fürchtete ein neues Hindernis.»Gut, gehen wir aus«, sagte er bereitwillig.»Wohin wollen wir gehen? Ins Kino? Da wird ein Film von Paulette Goddard gezeigt.«

«Kino?«Julius sah beleidigt an seinem Marengojackett herunter. Im Kino kam so etwas nicht zur Geltung, da war es dunkel.

«Gut, Julius. Gehen wir essen. Gut essen, erstklassig essen! Mit einer Vorspeise! Gehackte Hühnerleber und hinterher als Dessert Pfirsich Melba. Wohin du willst.«

«Ins Voisin«, sagte Julius entschlossen.

Lowy senior schluckte einen Moment.»Gut, also ins Voisin. «Er wandte sich an mich.»Herr Ross, gehen Sie mit. Sie sind ja ohne hin schon festlich gekleidet. Was haben Sie in dem Paket?«»Meinen alten Anzug.«

«Lassen Sie ihn hier. Wir holen ihn später ab.«

Ich kam ungefähr um zehn Uhr zurück ins Hotel.»Ein Paket ist für dich angekommen«, sagte Melikow.»Scheint eine Flasche zu sein.«

Ich packte es aus.»Mein Gott!«rief Melikow.»Echter russischer Wodka!«

Ich suchte in der Verpackung herum. Kein Wort war dabei. Nur die Flasche war da.»Hast du gesehen, daß die Flasche nicht ganz voll ist?«fragte Melikow.»Das war nicht ich. Sie ist so gekommen.«

«Ich weiß«, erwiderte ich.»Zwei ziemlich große Gläser fehlen. Wollen wir anfangen? Welch ein Tag!«

X

Ich holte Kahn ab. Wir waren zu einer Festlichkeit bei der Familie Vriesländer eingeladen.»Ungefähr dasselbe wie früher eine Bar Mizwa, die ja der Konfirmation bei den Protestanten entspricht«, erklärte Kahn.»Die Vriesländers sind vorgestern ein gebürgert worden.«

«So bald schon? Muß man nicht fünf Jahre warten, bis man die ersten Papiere bekommt?«

«Die Vriesländers haben fünf Jahre gewartet. Sie gehören zur >smarten Welle<. Sind schon vor dem Krieg nach Amerika aus gewandert.«

«Wirklich smart«, sagte ich.»Warum sind wir nicht auf die Idee gekommen?«

Die Vriesländers waren Leute, die Glück gehabt hatten. Sie hatten einen Teil ihres Geldes schon vor der Nazi-Zeit in Amerika angelegt. Der alte Herr hatte weder den Deutschen noch den Europäern getraut. Er hatte, was er erübrigen konnte, in amerikanischen Aktien angelegt, meistens in American Tel and Tel. Die waren im Laufe der Zeit ganz hübsch gestiegen. Das einzige, was er versäumt hatte, war die Wahl der richtigen Termine gewesen. Er hatte einen Teil seines Geldes in Amerika untergebracht, aber nur den Teil, der im Geschäft nicht gebraucht wurde. Vriesländer hatte mit Seide und Pelzen gehandelt, und er hatte geglaubt, daß er klug genug sei, alles rasch zu verkaufen, wenn die Situation brenzlig würde. Aber die Situation wurde zwei Jahre vor der Machtergreifung der Nazis brenzlig. Die Darmstädter und Nationalbank, eine der großen deutschen Banken, begann plötzlich zu wackeln. Ein Sturm auf die Kassen begann. Die Deutschen hatten die furchtbare Inflation von vor zehn Jahren nicht vergessen. Eine Billion Mark war damals auf vier wirkliche Mark zusammengeschmolzen. Um einen Krach zu verhindern, schloß die Regierung die Kassen und blockierte alle Überweisungen ins Ausland. So wollte sie verhüten, daß die ganzen Markbestände in stabilere Währungen umgewandelt würden. Es war eine demokratische Regierung — aber sie sprach damit, ohne es zu wissen, das Todesurteil über zahllose Juden und Feinde der Nazipartei aus. Die Blockade von 1931 wurde nie aufgehoben. Fast niemand konnte daher, als die Nazis kamen, sein Geld ins Ausland retten. Man mußte entweder alles im Stich lassen oder bei seinem Gelde bleiben und damit rechnen, umzukommen. In Kreisen der nationalsozialistischen Partei wurde das als einer der besten Scherze der Welt betrachtet.

Vriesländer zögerte damals. Er wollte nicht alles im Stich lassen; außerdem verfiel er der sonderbaren Euphorie, der 1933 zahllose Juden verfielen, daß alles nur ein Übergang sei. Das Geschrei der Fleißsporne würde bald verstummen, wenn erst erreicht war, was man wollte: die Macht, und eine ordentliche Regierung würde daraus hervorgehen. Ein paar Monate würden zu über stehen sein, wie bei jedem Umsturz. Dann würde alles ruhiger werden. Vriesländer war, bei all seinem geschäftlichen Mißtrauen, ein glühender Patriot. Er traute den Nazis nicht; aber hatte man nicht noch den ehrwürdigen Reichspräsidenten von Hindenburg, Feldmarschall und preußische Säule des Rechtes und der Tugend?

Es dauerte einige Zeit, bis Vriesländer aus seinem Traum er wachte. Es dauerte so lange, bis ein Gericht ihn aller möglichen Untaten anklagte, von Betrügereien bis dazu, ein minderjähriges Lehrmädchen, das er nie gesehen hatte, vergewaltigt zu haben. Mutter und Tochter schworen, daß die Anklage zu Recht erhoben sei, nachdem der törichte Vriesländer einen Erpressungsversuch der Mutter — sie wollte 10 000 Mark — entrüstet und im Vertrauen auf die sprichwörtlich gerechte deutsche Justiz abgelehnt hatte. Vriesländer lernte rasch, einen zweiten Erpressungsversuch nahm er an. Ein Kriminalsekretär, hinter dem ein höherer Parteiführer stand, suchte ihn eines Abends auf. Der Erpres sungsbetrag war höher, dafür sollte Vriesländer und Familie die Gelegenheit gegeben werden, zu fliehen. An der holländischen Grenze sollte ein Posten eingeweiht werden. Vriesländer glaubte nichts davon, er verfluchte sich jeden Abend. Nachts verfluchte seine Frau ihn. Er unterschrieb alles, was von ihm verlangt wurde. Das Unwahrscheinliche passierte. Vriesländer und seine Familie wurden über die Grenze geschafft. Zuerst seine Frau und seine Tochter. Als er eine Postkarte aus Arnheim erhielt, gab er den Rest seiner Aktien her. Drei Tage später war auch er in Holland. Dann begann der zweite Akt der Tragikomödie. Vriesländers Paß lief ab, eheer um ein amerikanisches Visum nachsuchen konnte. Er versuchte andere Papiere zu bekommen. Umsonst. Es gelang ihm, eine gewisse Geldsumme aus Amerika zu bekommen. Dann hörte auch das auf. Den Rest, und das war der weitaus größte Teil, hatte Vriesländer so festgelegt, daß er ihm nur persönlich ausgehändigt werden durfte. Er hatte erwartet, daß er natürlich selbst rechtzeitig in New York sein würde. Jetzt war sein Paß abgelaufen, und Vriesländer war ein Millionär ohne Geld geworden. Er ging nach Frankreich, die Behörden waren damals schon sehr nervös und behandelten ihn wie einen der vielen Leute, die aus Angst um ihr Leben und um eine Aufenthalts bewilligung zu bekommen, alles mögliche erzählten. Zum Schluß bekam er auf seinen abgelaufenen Paß ein Visum, weil er Verwandte in Amerika hatte, die für ihn bürgten.

Als er den Stoß Aktien aus dem Safe herausholte, küßte er die oberste und beschloß, seinen Namen zu ändern.

Dies war der letzte Tag Vriesländers und der erste Tag Daniel Warwicks. Er hatte von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, bei der Einbürgerung seinen Namen zu ändern. Wir traten in den erleuchteten großen Salon. Man sah sofort, daß Vriesländer die Zeit in Amerika nutzbringend verwendet hatte. Überall war der Reichtum zu spüren. Im Eßzimmer war ein riesenhaftes Büfett aufgebaut. Ein Tisch war mit Kuchen bedeckt, darunter zwei Zuckertorten, rund, mit Aufschriften: >Vriesländer< auf der einen und >Warwick< auf der anderen. Die Vriesländer-Torte hatte einen Schokoladerand, den man mit einiger Phantasie als einen modifizierten Trauerrand betrachten konnte, die mit der Aufschrift >Warwick< dagegen hatte einen rosa Marzipanrand, aus dem Rosen leuchteten.»Ein Gedanke meiner Köchin«, sagte Vriesländer stolz.»Was meinen Sie dazu?«