Sein rotes, breites Gesicht glänzte vor Vergnügen.»Die Vriesländer-Torte wird heute angeschnitten und aufgegessen«, erklärte er.»Die andere bleibt ganz. Es ist eine Art Symbolik.«
«Wie sind Sie auf den Namen Warwick gekommen?«fragte Kahn.»Ist das nicht ein bekanntes Geschlecht aus England?«Vriesländer nickte.»Gerade deshalb! Wenn ich mir schon einen Namen aussuchen kann, dann will ich diesmal etwas Vernünftiges nehmen.«
«Was wollen Sie trinken, Herr Kahn?«
Kahn starrte ihn an.»Champagner! Dom Perignon. Das sind Sie Ihrem Namen schuldig!«
Vriesländer wurde einen Augenblick verlegen.»Den haben wir leider nicht, Herr Kahn. Wir haben aber guten amerikanischen Champagner.«
«Amerikanischen? Dann geben Sie mir lieber ein Glas Bordeaux.«»Kalifornischen. Wir haben da einen guten.«
«Plerr Vriesländer«, erläuterte Kahn geduldig,»Bordeaux ist zwar von den Deutschen besetzt, aber es liegt noch nicht in Kalifornien. So weit brauchen Sie Ihr neues Nationalgefühl doch nicht gleich zu treiben.«
«Das ist es nicht. «Vriesländer wölbte die Smokingbrust. Er trug Hemdenknöpfe aus kleinen Saphiren.»Wir wollen uns an die sem Tage einmal an nichts von früher erinnern. Wir hätten ein wenig holländischen Genever bekommen können, auch deutschen Wein. Wir haben das selbstverständlich abgelehnt, wir haben da zuviel durchgemacht. Auch in Frankreich, deshalb haben wir keine französischen Weine bestellt. Sie schmecken außerdem gar nicht so viel besser. Alles Reklame! Und der Mischwein aus Chile ist erstklassig.«
«Sie führen also einen Rachekrieg in Getränken?«
«Es ist eine Sache des Geschmacks. Aber kommen Sie zu Tisch, meine Herren.«
Er ging uns voraus.
«Es gibt, wie Sie sehen, auch reiche Emigranten«, sagte Kahn,»allerdings sehr wenige. Schon Vriesländer hat alles verloren, was er noch in Deutschland gehabt hatte. Einige andere der >smarten Welle< haben sofort angefangen zu arbeiten und sind schon gut vorwärtsgekommen. Dann ist da das Gros der Unentschlossenen. Sie treten auf der Stelle und wissen nicht recht, ob sie zurückwollen oder nicht. Außerdem die, die zu rück müssen, weil sie hier keine Arbeit finden, die Überwinterer.«
«Zu welcher Welle rechnen Sie mich?«fragte ich und biß tief in ein Hühnerbein mit Gelee in Portweinsauce.
«Zur späten, zu der, die sich, wenn sie an die Reihe kommt, schon kreuzt mit der ersten, die zurückläuft. Man kocht großartig hier, wie?«
«Ist das alles hier im Hause gekocht?«
«Alles. Vriesländer hat in Europa das Glück gehabt, daß seine Köchin eine Ungarin war. Sie ist ihm treu geblieben und einige Jahre später über die Schweiz nach Frankreich gefolgt — den Schmuck von Frau Vriesländer im Magen. Einzelne, sehr schöne, ungefaßte Steine, die Frau Vriesländer ihr rechtzeitig übergeben hatte. Vor dem Grenzübergang schluckte Rosy sie in Kuchenteig hinunter. Es wäre im übrigen nicht notwendig gewesen, niemand kontrollierte sie als Ungarin. Jetzt kocht sie wieder. Eine Perle!«
Ich sah mich um. Am Büfett standen die Leute in zwei Reihen.»Sind das alles Emigranten?«fragte ich.
«Nein, nicht alle. Frau Vriesländer kultiviert amerikanischen Umgang. Wie Sie hören, spricht auch die Familie nur noch englisch. Mit deutschem Akzent, aber englisch.«
«Eine vernünftige Idee. Wie sollen sie es sonst lernen?«
Kahn lachte. Er hatte ein riesiges Stück Schweinebraten auf seinem Teller.»Ich bin Freidenker«, sagte er, als er meinen Blick bemerkte,»und Rotkohl ist eine meiner…«
«Ich weiß«, unterbrach ich ihn.»Eine Ihrer zahllosen Liebhabe reien.«
«Man kann nicht genug haben. Besonders, wenn man gefährlich lebt. Man kommt nie auf die Idee, Selbstmord zu begehen.«»Wollten Sie das je?«
«Ja. Einmal. Der Geruch von gebratener Leber und Zwiebeln hat mich gerettet. Es war eine verzweifelte Situation. Sie wissen, das Leben verläuft in mehreren Schichten, die alle ihre Zäsuren haben. Meistens fallen sie nicht zusammen — so hält die eine Schicht die ändern, die gerade unterbrochen sind. Wenn aber alle Zäsuren einmal gleichzeitig kommen, ist höchste Gefahr. Das ist die Zeit des Selbstmordes ohne ersichtlichen Grund. Damals hat mich der Geruch von gebratener Leber und Zwiebeln gerettet. Ich beschloß, sie noch vorher zu essen. Ich mußte etwas darauf warten, trank ein Glas Bier, geriet in ein Gespräch. So kam eins zum ändern, und ich funktionierte wieder. Sie glauben mir? Es ist keine Anekdote. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, die mir immer einfällt, wenn ich das trostlose Englisch-Quaken unserer Emigranten höre. Es rührt mich sehr und erinnert mich an eine alte Emigrantin, die arm und krank und ohne Hilfe war. Sie wollte sich das Leben nehmen und hätte es auch wohl getan, aber als sie den Gashahn aufdrehen wollte, fiel ihr ein, wie schwer es ihr gefallen war, Englisch zu lernen, und daß sie seit einigen Wochen gespürt hatte, wie sie es besser und besser verstand. Es schien auf einmal schade, das aufzugeben. Das bißchen Englisch war alles, was sie hatte, und sie klammerte sich daran und kam durch. Ich muß oft an sie denken, wenn ich das eifrige, beflissene, scheußliche Anfänger-Englisch höre. Es rührt mich. Sogar bei Vriesländers. Komik schützt vor Tragik nicht und Tragik nicht vor Komik. Sehen Sie das wunderschöne Mädchen, das drüben Apfelkuchen mit Schlagsahne hineinschlingt? Ist es nicht schön?«
Ich blickte hinüber.»Mehr als schön«, sagte ich erstarrt,»tragisch schön. «Ich blickte noch einmal hin.»Sie ist hinreißend. Wenn sie den Apfelkuchen nicht mit solcher Hingebung äße, wäre sie eine der seltenen Frauen, vor denen man niederknien möchte, ohne genau zu wissen, warum. Welch ein herrliches Gesicht! Hat sie einen Buckel? Oder Elefantenknöchel? Irgend etwas muß doch mit ihr nicht in Ordnung sein, wenn diese Göttin sich zu Vries länders verirrt hat.«
«Warten Sie, bis sie aufsteht«, sagte Kahn begeistert.»Sie ist perfekt. Die Knöchel sind die einer Gazelle. Die Knie die der Diana. Der Körper nicht zu dünn. Sie hat feste Brüste. Eine Haut ohne Fehler. Die Füße einwandfrei. Sie hat nicht einmal die Andeutung eines Hühnerauges.«
Ich schoß ihm einen Blick zu.»Sie glauben mir nicht?«sagte er.»Ich weiß es genau. Außerdem heißt sie Carmen. Sie ist Greta Garbo und Dolores del Rio in einem!«
«Und. «sagte ich gespannt.
Kahn reckte sich.»Sie ist dumm«, erwiderte er.»Nicht einfach dumm, sondern unbeschreiblich dumm. Das, was sie jetzt gerade mit dem Apfelkuchen macht, ist bei ihr bereits eine hervorragende geistige Leistung. Es erschöpft sie bereits. Sie müßte danach eigentlich ausruhen. Ein Schlummerchen machen.«
«Schade«, sagte ich ohne Überzeugung.
«Faszinierend!«
«Wieso kann soviel Dummheit faszinierend sein?«
«Weil sie so unerwartet ist.«
«Eine Statue ist noch dümmer.«
«Eine Statue redet nicht. Diese redet.«
«Was redet sie?«
«Das törichteste Zeug, das Sie sich denken können. Nicht wie eine Kleinbürgerin, auch nicht wie eine Hausfrau. Perfekte kuhhafte Dummheit. Ich habe sie gelegentlich in Frankreich gesehen. Ihre Dummheit war so sagenhaft, daß sie sie wie ein Zaubermantel schützte. Irgendwann einmal geriet sie in die Klemme. Es war höchste Zeit für sie zu verschwinden. Ich wollte sie mitnehmen. Sie lehnte ab. Sie wollte erst baden und sich anziehen. Dann wollte sie ihre Kleider mitnehmen und weigerte sich, ohne Kleider mitzukommen. Das alles, während die Gestapo im Anmarsch war. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn sie noch zu einem l 'riseur gewollt hätte. Zum Glück gab es keinen. Aber frühstük- ken wollte sie noch. Ich hätte ihr am liebsten die Brötchen um die herrlichen Ohren geschlagen. Sie bekam ihr Frühstück, doch ich zitterte vor Nervosität. Die Brötchen und die Marmelade, die sie nicht aufaß, wollte sie mitnehmen. Sie suchte so lange nach einem Stück sauberen Papiers, bis wir die Stiefel der Gestapo hörten. Dann stieg sie in meinen Wagen, ohne Eile. An diesem Morgen habe ich mich in sie verliebt.«