«Sofort?«
«Als wir in Sicherheit waren. Sie merkte nichts davon. Sie ist, fürchte ich, sogar zu dumm für die Liebe.«
«Ein großes Wort«, sagte ich.
«Ich hörte manchmal von ihr. Sie ist durch alle Gefahren hin durchgesegelt wie ein schönes, faules Segelschiff. Sie war in unglaublichen Situationen. Nichts ist ihr passiert. Ihre unbeschreibliche Unbefangenheit entwaffnete sogar Mörder. Ich glaube, sie ist nicht einmal vergewaltigt worden. Sie kam natürlich mit einem derletzten Flugzeuge hier an. Als sie in Lissabon einstieg zu einem Haufen zitternder Flüchtlinge, meinte sie gelassen: >Wäre es nicht komisch, wenn das Flugzeug jetzt ins Meer abstürzen würde?< Niemand hat sie gelyncht. Carmen heißt sie auch noch. Nicht Berta, Ruth, Elisabeth — nein, Carmen!«
«Was macht sie jetzt?«
«Mit dem Glück einer heiligen Kuh hat sie sofort eine Stellung als Mannequin bei Saks, Fifth Avenue, bekommen. Nicht gefunden, das wäre zu anstrengend gewesen. Präsentiert bekommen.«»Warum ist sie nicht beim Film?«
«Selbst dazu ist sie zu dumm.«
«Das ist unmöglich!«
«Sie ist nicht nur dumm, auch indolent. Keine Ambition. Keine Komplexe. Eine wunderbare Frau!«
Ich griff nach einem Stück von der Vriesländer-Torte. Die Warwicksche war inzwischen auf einer Anrichte in Sicherheit gebracht worden. Die Vriesländersche war hervorragend — bittere Schokolade mit Mandeln besteckt, möglicherweise auch ein Symbol. Ich konnte verstehen, daß Kahn von Carmen fasziniert war. Sie hatte das, was er durch Kühnheit und Todesverachtung geschafft hatte, von der Natur geschenkt bekommen. Das mußte eine un widerstehliche Anziehungskraft ausüben.
«Ich verstehe Sie, aber wie lange kann man so etwas aushalten?«
Er machte ein schwärmerisches Gesicht.»Für immer!.Es ist das größte Abenteuer, das es gibt.«
«Was?«
«Das größte«, wiederholte er.
«Dummheit? Reine Dummheit? Keine Langeweile?«
«Keine. «Kahn griff ebenfalls nach der Vriesländer-Torte. Er schnitt ein Stück mit den Anfangsbuchstaben von >Vries< ab.»Hätte er sich nicht einfach >Lander< nennen können?«sagte er.»Er wollte ganz neu anfangen«, erwiderte ich.»Nicht einfach mit dem kaum veränderten Hinterteil seines alten Namens. Sehr begreiflich.«
«Wie werden Sie sich nennen, wenn Sie eingebürgert werden?«
«Ich werde einen Witz machen und als Pseudonym meinen früheren Namen annehmen. Meinen wirklichen Namen. Etwas ganz
Neues.«
«Ich traf in Frankreich einen Zahnarzt. Er war am Tage vor seiner Ausreise aus Deutschland, die schon genehmigt war, noch ein mal eilig zur Gestapo gerufen worden. Verzweifelt nahm er Abschied von seinen Angehörigen. Alles nahm an, daß er ins KZ gebracht würde. Aber er wurde nur über seinen Namen verhört. Es wurde ihm gesagt, daß er mit diesem Namen unmöglich als Jude ausreisen könne. Er hieß Adolf Deutschland. Man ließ ihn laufen, als er sich bereit erklärte, unter dem Namen >Land< aus zureisen. Er wäre noch unter ganz anderen Namen ausgereist, meinte er im französischen Internierungslager.«
Wir waren endlich beim Kaffee angelangt. Wir fühlten uns wie die Fresser auf einem Bild Breughels des Älteren.»Glauben Sie, daß sich Vriesländers Prinzipien auch gegen französischen Kognak richten?«
«Er hat Fundador. Portugiesischen oder spanischen. Etwas süß, aber nicht schlecht.«
Frau Vriesländer kam herein.»Es wird getanzt, meine Herren. Eigentlich sollte man ja nicht — wegen des Krieges —, aber es kommt schließlich nur einmal vor, daß man einen soldien Tag feiert. Ein kleines Tänzchen in Ehren tut niemandem weh. Unsere Soldaten hier warten geradezu darauf.«
Wir entdedeten einige amerikanische Soldaten. Sie gehörten zum neuen Bekanntenkreis der Vriesländers. Der Teppich des Wohn zimmers war zusammengerollt worden, und Fräulein Vriesländer, in flammend rotem Kleid, führte einen jungen Leutnant zur Schlachtbank. Der Leutnant trennte sich nur ungern von seinen beiden Kameraden, die noch Eis löffelten. Sie wurden aber gleich von zwei Mädchen zum Tanzen geholt, die sich verblüffend ähnlich sahen. Die Mädchen waren hübsch und sehr lebhaft.
«Es sind die Koller-Zwillinge«, erklärte Kahn,»Ungarinnen. Die eine kam vor zwei Jahren an und ließ sich sofort vom Schiff mit einem Taxi zu einem Arzt fahren, der für seine Schönheits operationen bekannt ist. Sechs Wochen später tauchte sie wieder auf, gefärbt, mit einer geraden, halb so großen Nase und einem prächtigen Busen. Sie hatte die Adresse auf der Überfahrt er fahren und rasch gehandelt. Als die Schwester später nachkam, wurde sie vom Schiff abgeholt und rasch zum selben Arzt gebracht. Böse Zungen behaupteten: verschleiert. Auf jeden Fall tauchte auch sie nach zwei Monaten verschönt auf, und die Karriere begann. Jetzt soll noch eine dritte Schwester angekommen sein, die sich aber nicht operieren lassen will. Dieselben bösen Zungen behaupten, sie sei irgendwo von den Zwillingen einge sperrt, bis sie gefügig ist.«
«Haben die unternehmungslustigen Zwillinge auch ihre Namen operieren lassen?«fragte ich.
«Nein. Sie behaupten, in Budapest Stars gewesen zu sein. Flier sind sie inzwischen kleine Stars für kleine Rollen. Sie werden noch weit kommen. Sie sind witzig und intelligent. Und Ungarinnen. Sie verkörpern das alte Schema: Paprika im Blut.«
«Ich finde das großartig. Ich finde es auch großartig, daß jeder mann hier noch einmal neu anfangen und alles wechseln kann, was er unfreiwillig mitbekommen hat: Gesicht, Busen und Expertise, wie Silvers das bezeichnet. Und sogar den Namen. Es ist, als wären Maskerade und Jungbrunnen vereint. Mißbrauchtes steigt in die Flut und kommt so hervor, wie es sein soll. Ich bin für die Kollers, die Warwicks und das Abenteuer der zweiten Wirklichkeit.«
Vriesländer kam heran.»Nachher gibt es noch Gulasch. So um elf. Tanzen Sie nicht?«
«Wir haben mit dem Magen Tango und den Kaiserwalzer getanzt.«
«War’s gut?«
«Herrlich.«
«Das freut mich. «Vriesländer neigte uns sein feuchtes rotes Gesicht zu. Es ist schwer, sich zu freuen, wissen Sie?«
«Aber Herr Vriesländer!«
«Doch. Da ist immer so ein dunkles Gefühl, das wird man nie los. Nie. Meinen Sie, das war richtig mit meinem Namen, Herr Kahn? Manchmal habe ich auch da ein dunkles Gefühl.«
«Aber das geht doch nur Sie allein an, Herr Vriesländer«, sagte Kahn herzlich. Er haßte Angabe und wurde ironisch, wenn er nur einen Hauch davon merkte — aber er wurde sofort menschlich, wenn er Angst und Unsicherheit spürte.»Und wenn er Ihnen nicht paßt, dann lassen Sie ihn eben noch einmal ändern.«»Kann man das?«
«Es ist in diesem gesegneten Lande leichter als irgendwo anders. Hier hat man fast soviel Gefühl dafür wie in Java. Wenn in Java einem seine eigene Persönlichkeit langweilig oder zuwider wird, nimmt man einen anderen Namen an. Jeder findet das richtig, und viele wiederholen das ein paarmal in ihrem Leben. Warum soll man immer den alten Adam mit sich rumschleppen, wenn man ihm längst entwachsen ist? Der Mensch soll sich ohne hin alle sieben Jahre erneuern, sagen die Mediziner.«
Vriesländer lächelte beruhigt.»Sie sind ein Schatz, Herr Kahn!«Er wackelte davon.
«Da tanzt Carmen«, sagte Kahn.
Ich blickte zu ihr hinüber. Sie bewegte sich kaum. Gelassen und ein Sinnbild aller Träume, lag sie in kosmischer Weltschwermut in den Armen eines langen rothaarigen Sergeanten. Während alle Augen rundum jünger wurden, dachte sie, wenn ich Kahn glauben wollte, über das Rezept des Apfelkuchens nach.