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«Ich bete diese Kuh an«, sagte Kahn heiser.

Ich antwortete nicht. Ich sah Carmen und Frau Vriesländer und die Koller-Zwillinge mit ihren neuen Busen und Herrn Vries- länder-Warwick, dessen Hosen etwas zu kurz waren, und ich fühlte mich so leicht wie seit langem nicht mehr. Vielleicht war dieses wirklich das Gelobte Land, dachte ich, vielleicht hatte Kahn recht und man konnte hier wirklich seine Persönlichkeit wechseln und nicht nur seinen Namen und sein Gesicht, vielleicht gab es das, obschon es unmöglich schien: nichts zu vergessen und doch alles zu erneuern, es zu sublimieren, bis es nicht mehr schmerzte, es umzuschmelzen, ohne Verlust, ohne Verrat und ohne Desertion.

XI

Am folgenden Abend fand ich einen Brief des Anwalts vor: Meine Aufenthaltserlaubnis war um sechs Monate verlängert worden. Es war ein Gefühl wie auf einer Schaukel, einmal war man oben, dann wieder unten. Man konnte sich daran gewöhnen. Der Anwalt schrieb mir, ich solle ihn am nächsten Vormittag anrufen. Ich konnte mir denken, weshalb.

Als ich in das schäbige Hotel kam, saß Natascha Petrowna da.»Warten Sie auf Melikow?«fragte ich etwas befangen.

«Nein, ich warte auf Sie.«

Sie lachte.»Wir kennen uns so wenig und haben uns so vieles zu vergeben, daß es geradezu spannend ist. Wie stehen wir zuein ander?«

«Großartig«, sagte ich.»Zum mindesten scheinen wir uns nicht langweilig zu sein.«

«Haben Sie schon gegessen?«

Ich zählte rasch in Gedanken mein Geld.»Nein, noch nicht. Wollen wir zu Longchamps gehen?«

Sie musterte mich. Ich hatte meinen neuen Anzug an.»Neu!«sagte sie, und ich folgte ihrem Blick. Ich hob meine Schuhe hoch.»Auch neu. Glauben Sie, daß ich Longchamps-reif bin?«

«Ich war gestern abend im Pavillon. Es war ziemlich langweilig. Im Sommer sollte man draußen sitzen können. Man hat das in Amerika noch nicht entdeckt. Hier gibt es ja auch keine Cafes.«

«Konditoreien.«

Sie funkelte mich an.»Ja, für alte Weiber, die sanft nach welkem Laub riechen.«

«Ich habe einen Topf Szegediner Gulasch auf meinem Zimmer«, sagte ich.»Genug für sechs starke Esser, von einer ungarischen Köchin zubereitet. Es war gestern abend schon hervorragend, heute ist es noch besser. Szegediner Gulasch mit Kümmel und Kraut schmeckt aufgewärmt besser als frisch.«

«Wie kommen Sie zu Szegediner Gulasch?«

«Ich war gestern abend bei einer Feier.«

«Ich habe noch nie erlebt, daß man von einer Feier Gulasch für sechs nach Hause bringt. Wo war denn das? Bei…?«

Ich warf ihr einen warnenden Blick zu.»Nein, in keinem deutschen Bierrestaurant. Gulasch ist ungarisch, nicht deutsch. Ich war privat eingeladen. Mit Tanz!«fügte ich hinzu, um mich für ihre Gedanken zu rächen.

«So, mit Tanz! Sie scheinen ja tüchtig herumzukommen.«

Ich hatte keine Lust, weiter verhört zu werden.»Es ist dort so Sitte«, erklärte ich.»Einsame Junggesellen, die in trostlosen Hotellöchern hausen, bekommen von der menschenfreundlichen Wirtin einen Topf übriggebliebenen Gulaschs mit nach Hause. Es war genug da für eine Kompanie. Kriegsstark. Dazu haben ein Freund und ich noch Gurken in Dill und Kirschenstrudel mitbe kommen. Ein Mahl für Götter. Aber leider ist es kalt.«

«Kann man es nicht aufwärmen?«

«Wo?«sagte ich.»Auf meinem Zimmer habe ich einen kleinen elektrischen Kocher für Kaffee, das ist alles.«

Natascha Petrowna lachte.»Ich hoffe, Sie haben nicht auch noch ein paar Radierungen auf Ihrem Zimmer, die Sie Ihren Damen besuchen zeigen wollen!«

«Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Wollen Sie nicht Longchamps versuchen?«

«Nein. Sie haben Ihr Gulasch zu verlockend beschrieben.«»Melikow muß bald kommen«, sagte Natascha Petrowna.»Er kann uns sicher helfen. Spazieren wir eine halbe Stunde in der Stadt umher. Ich war heute noch nicht draußen. Zu Ihrem Gulasch gehört sicher ein gehöriger Appetit.«

«Gut.«

Wir gingen zusammen durch die Straßen. Die Häuser schwammen im rötlichen Licht. In den Geschäften blinkten die Lichter auf. Natascha Petrowna erklärte mir, daß sie einen Schuhkomplex habe. Es sei ihr unmöglich, an einem Laden mit Schuhen vorbeizugehen. Selbst wenn sie ihn eine Stunde vorher angeschaut habe, müsse sie auf dem Rückweg nachschauen, ob sich nichts verändert habe.»Verrückt? Nicht wahr?«

«Warum?«

«Es kann sich doch nichts verändert haben. Ich habe mir doch gerade vorher alles angesehen.«

«Sie könnten etwas übersehen haben. Außerdem könnte der Besitzer auf die Idee gekommen sein, neu zu dekorieren.«

«Nach Geschäftsschluß?«

«Wann sonst? Solange er offen hat, muß er verkaufen.«

Sie sah mich rasch an.»Sie sind…«sie tippte an ihre Schläfe,»halt. Dabei ist es mir ein paarmal passiert, daß tatsächlidi gerade neu dekoriert wurde. Sie wissen, wie: Alles huscht lautlos auf Strümpfen im Fenster umher und tut so, als bemerke es die Passanten nicht, die stehengeblieben sind.«

Sie machte es vor.»Wie ist es mit Modegeschäften?«fragte ich.»Das ist mein Beruf. Davon habe ich tagsüber genug.«

Wir waren in die Nähe von Kahns Geschäft gekommen. Ich hatte inzwischen einen Entschluß gefaßt. Ich wollte Kahn bitten, mir einen elektrischen Kocher zu leihen. Zu meinem Erstaunen war er noch im Laden.»Einen Augenblick«, sagte ich zu Natascha Petrowna,»hier ist die Lösung des Problems, das wir mit unserem Abendessen haben.«

Ich öffnete die Tür.»Sie kommen wie gerufen!«sagte Kahn und sah an mir vorbei auf Natascha Petrowna.»Wollen Sie die Dame nicht hereinbringen?«

«Nichts liegt mir ferner«, erwiderte ich.»Ich wollte mir nur Ihren elektrischen Kocher leihen.«

«Jetzt?«

«Jetzt.«

«Das geht nicht. Ich brauche ihn selbst. Heute abend ist die letzte Ausscheidung der Boxmeisterschaften im Radio. Ich erwarte Carmen zum Essen. Sie muß jeden Augenblick kommen. Sie hat bereits eine dreiviertel Stunde Verspätung. Zum Glück macht das nichts bei aufgewärmtem Gulasch.«

«Carmen«, sagte ich und blickte auf Natascha, die plötzlich so fremd und begehrenswert auf der anderen Seite des Schaufensters stand, als wäre sie hundert Kilometer weit entfernt.»Carmen«, widerholte ich.

«Ja. Warum bleiben Sie nicht hier? Wir können zusammen essen und dann den Boxkampf anhören.«

«Großartig«, sagte ich.»Zu essen ist ja genug da.«

«Es ist sogar fertig.«

«Aber wo essen wir? Ihr Zimmer ist doch für vier Personen viel zu klein!«

«Im Laden.«

«Im Laden?«

Ich ging zu der immer noch so weit entfernten, durch den Licht reflex im Schaufenster grau und silbern schimmernden Natascha Petrowna hinaus. Als ich neben ihr stand, hatte ich das merkwürdige Gefühl, daß sie mir näher war als vorher. Eine Illusion von Licht, Schatten und Spiegelung, dachte ich idiotisch.

«Wir sind zum Abendessen eingeladen«, sagte ich.»Und zum Boxkampf.«

«Und mein Gulasch?«

«Und zum Gulasch«, sagte ich.

«Wie?«

«Das werden Sie sehen.«

«Haben Sie überall in der Stadt Schüsseln mit Gulasch versteckt?«fragte sie überrascht.

«Nur an strategischen Punkten.«

Ich sah Carmen kommen. Sie trug einen hellen Regenmantel ohne Hut. Kahn kam aus dem Laden. Ich sah, wie Natascha Carmen blitzschnell musterte. Carmen tat nichts dergleichen. Sie war auch nicht überrascht. Der rötliche Schein des Abends färbte ihr schwarzes Haar wie eine Hennawolke.»Ich bin etwas spät«, erklärte sie gelassen.»Das macht doch nichts, wie? Bei Gulasch. Haben Sie von dem Kirschenstrudel auch etwas mit gebracht?«

«Kirschenstrudel, Topfenstrudel und Apfelstrudel«, sagte Kahn.»Heute vormittag kam ein Paket aus der unerschöpflichen Vries- länderschen Küche.«

«Sogar Wodka«, erwiderte Natascha Petrowna.»Welch ein Tag der Überraschungen.«