Das Gulasch war tatsächlich noch besser als am Tage vorher. Es war schon deshalb besser, weil wir es umrauscht von Orgelklang aßen. Kahn hatte seinen Radioapparat angestellt, er wollte den Boxkampf auf keinen Fall versäumen, deshalb hörten wir schon das Vorprogramm. Sonderbar genug, ging Johann Sebastian Bach nicht schlecht mit dem Szegediner Gulasch, obschon ich geglaubt hatte, Franz Liszt hätte besser dazu gepaßt. Normales Gulasch mit Bach wäre allerdings unmöglich gewesen. Wir aßen die Dillgurken mit den Fingern und das Gulasch mit Löffeln. Draußen versammelten sich einige Passanten vor dem Fenster, sie wollten die Übertragung des Boxkampfes hören und schauten uns dabei gleichzeitig zu. Sie waren Aquariumsfische für uns und wir wahrscheinlich auch für sie.
Plötzlich klopfte es energisch an der Tür. Kahn und ich glaubten schon, es wäre die Polizei — aber es war nur der Kellner von gegenüber. Er brachte vier doppelte Drinks.»Wer hat die bestellt?«fragte Kahn.
«Ein Herr mit einer Glatze. Er hätte durch das Fenster gesehen, daß Sie Wodka trinken und daß die Flasche fast leer sei.«
«Wo ist er?«
Der Kellner zuckte die Schultern.»Die vier Wodka sind bezahlt. Ich hole die Gläser später.«
«Bringen Sie dann noch vier mit.«
«Gut.«
Wir hoben die Gläser gegen die unbekannten Menschen draußen. Ich zählte im gedämpften Licht der Reklamen mindestens fünf Glatzen. Es war unmöglich, unseren Wohltäter zu erkennen. Wir taten deshalb, was man so selten kann und am liebsten tut: Wir hoben unsere Gläser hoch, für und gegen die anonyme Menschheit. Die Menschheit antwortete mit Fingergeprassel an die Scheibe. Die Orgelmusik brach ab. Kahn drehte das Radio noch lauter und verteilte die verschiedenen Strudel. Er entschuldigte sich, daß er keinen Kaffee machte, er konnte jetzt nicht nach oben laufen und nach der Kaffeebüchse suchen. Die erste Runde begann.
Der Kampf war vorbei. Natascha Petrowna griff nach ihrem Wodkaglas. Kahn schien etwas erschöpft, er hatte sich während der Runden ausgegeben. Carmen schlief, gelöst und friedlich.
«Was habe ich Ihnen gesagt«, sagte Kahn.
«Lassen Sie sie schlafen«, flüsterte Natascha.»Ich muß jetzt gehen. Vielen Dank für alles. Gute Nacht.«
Wir traten auf die feuchte Straße hinaus.»Er will doch sicher mit seiner Freundin allein bleiben.«
«Das weiß ich nicht einmal so genau.«
«Warum sollte er nicht? Sie ist sehr schön. «Sie lachte.»Unbequem schön. So schön, daß man Minderwertigkeitskomplexe bekommen kann.«
«Sind Sie deshalb weggegangen?«
«Nein. Ich bin deshalb geblieben. Ich mag schöne Menschen. Allerdings machen sie mich manchmal traurig.«
«Warum?«
«Weil sie nicht schön bleiben. Den wenigsten bekommt das Alter. Darum braucht man möglicherweise mehr, als nur schön zu sein. «Wir gingen die Straße entlang. Die schlafenden Schaufenster waren voll von billigem Modeschmuck. Ein paar Delikatessen den waren noch offen.»Sonderbar«, sagte ich.»Ich habe noch nie darüber nachgedacht, wie es ist, wenn man alt wird. Wahrscheinlich war ich so sehr mit Überleben beschäftigt, daß ich nie dazu gekommen bin.«
Natascha lachte.»Ich denke über nichts anderes nach.«
«Ich werde es wohl auch noch tun. Melikow sagt, man versteht es nie.«
«Melikow war immer alt.«
«Immer?«
«Immer zu alt für Frauen. Und das ist Alter, oder nicht?«
«Wenn man es sehr einfach auffaßt.«
«Ich glaube, das ist es. Alles andere ist nur Resignation mit schönen Namen. Meinen Sie nicht?«
"Vielleicht. Ich weiß es nicht. Ich kann es mir im Augenblick mich nicht vorstellen."
Sie warf mir einen ihrer raschen Blicke zu.»Bravo«, sagte sie und nahm meinen Arm.
Ich zeigte nach links.»Da ist ein Schuhgeschäft. Noch erleuchtet. Wollen wir es ansehen?«
«Wir müssen.«
Wir gingen hinüber.»Wie groß die Stadt ist!«sagte sie.»Sie hört nie auf. Sind Sie gern in New York?«
«Sehr.«
«Warum?«
«Weil man mich hiersein läßt. Einfach, nicht?«
Sie sah mich grübelnd an.»Wenn es genug ist?«
"Es ist genug für ein kleines Glück. Das Glück des primitiven Menschen, Unterkunft und Nahrung."
«Ist das genug?«wiederholte sie.
«Genug für einen Anfang. Abenteuer sind reichlich langweilig, wenn sie Gewohnheit werden.«
Natascha lachte.»Das Glück im Winkel, wie? Wie gut Sie sich etwas vormachen können. Ich glaube Ihnen nicht ein Wort.«
«Ich mir auch nicht. Aber es beruhigt mich manchmal, mir selbst Nolche Sprüche vorzusagen.«
Sie lachte wieder.»Um nicht zu verzweifeln, wie? Oh, wie ich das kenne!«
«Wo wollen wir jetzt hingehen?«fragte ich.
"Das große Problem der großen Stadt. Alle Lokale werden bald langweilig.«
«Wie ist es mit El Morocco?«
Sie drückte zärtlich meinen Arm.»Sie haben es heute mit den MiIlionärslokalen — als wären Sie ein reicher Schuhfabrikant.«»Ich muß meinen neuen Anzug doch ausführen.«
«Mich nicht?«
Ich werde mich hüten, darauf zu antworten.«
Wir gingen in den kleinen Raum des Morocco, nicht in den großen mit der Sternendecke und den Zebrasofas. Im kleinen spielte Karl Inwald Wiener Lieder.
«Was möchten Sie haben?«fragte ich.
«Einen Moscow Mule.«
«Was ist denn das?«
«Ein Moskauer Maulesel. Wodka, Ingwer-Bier und Lime-Saft. Sehr erfrischend.«
«Das werde ich auch versuchen.«
Natascha zog ihre Füße auf das Sofa. Sie ließ ihre Schuhe auf dem Boden stehen.»Ich bin nicht sehr für Sport«, sagte sie.»Nicht wie die Amerikaner. Ich kann weder reiten noch schwim men noch Tennis spielen. Ich bin eine Sofahockerin und eine Schwätzerin.«
«Was sind Sie noch?«
«Sentimental und romantisch und unausstehlich. Billige Roman tik finde ich unwiderstehlich. Je billiger, um so besser. Wie schmeckt der Moscow Mule?«
«Wunderbar.«
«Und die Wiener Lieder?«
«Auch wunderbar.«
«Gut. «Sie lehnte, sich zufrieden in ihre Sofaecke zurück.»Manchmal ist es absolut nötig, sich von einer Riesenwoge Sentimentalität überfluten zu lassen, in der alle Vorsicht und aller guter Geschmack glorios untergehen. Später kann man sich dann trocken schütteln und sich auslachen. Wollen wir?«
«Ich bin schon dabei.«
Sie hatte etwas von einer verspielten und doch traurigen Katze. Sie sah auch so aus mit dem kleinen Gesicht, dem vielen Haar und den grauen Augen.»Fangen wir gleich an«, sagte sie.»Ich bin unglücklich verliebt, entsetzlich enttäuscht, einsam, trostbedürftig, will von nichts mehr etwas wissen und weiß wirklich nicht, warum ich lebe. Ist das genug?«Sie nahm einen großen Schluck und sah mich erwartungsvoll an.
«Nein«, erwiderte ich.»Das sind unbequeme Details.«
«Auch daß ich nicht weiß, warum ich lebe?«
«Wer weiß das? Und wenn man es weiß, so macht es das Leben nur noch mehr zu einer Heißaufgabe. Wollen Sie das?«
Sie starrte mich an.»Meinen Sie das ehrlich?«
«Natürlich nicht. Wir reden Unsinn. Wollten wir das nicht?«»Nicht ganz. So halb und halb.«
Der Pianist kam an den Tisch und begrüßte Natascha.»Karl«, Mgte Natascha,»bitte spielen Sie doch das Lied aus dem >Graf von Luxemburgs«
«Aber gern.«
Karl begann zu spielen. Er sang sehr gut und war ein ausgezeich neter Pianist.»Lieber Freund, man greift nicht nach den Sternen, die für uns in nebelhaften Fernen. «
Natascha hörte ihm entrückt zu. Es war eine hübsche Melodie. Tingeltangel, aber der Text war blödsinnig, wie immer.
«Wie finden Sie es?«fragte Natascha.
«Kleinbürgerlich.«
Sie überlegte nur eine Sekunde.»Dann müßten Sie es ja lieben. Wie das Glück im Winkel, das Sie doch so sehr schätzen.«
Die Kanaille war schnell, dachte ich.»Müssen Sie denn alles zu lode kritisieren?«sagte sie plötzlich sanft.»Können Sie sich nicht loslassen? Haben Sie so viel Angst?«