Auch eine Frage in einem Nachtklub in New York! Ich ärgerte mich über mich dabei, denn sie hatte recht. Wie ein Götze gab ich, während ich es doch gleichzeitig verabscheute, typisch deutsche Antworten. Es hätte nur noch gefehlt, daß ich einen Vortrag über die Vergnügungsstätten vom grauen Altertum bis in die Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der Dielen und Nachtklubs seit dem ersten Kriege gehalten hätte.»Das Lied erinnert mich eine Zeit lange vor dem Kriege«, sagte ich dann.»Es ist ein sehr altes Lied, ich glaube, mein Vater kannte es schon. Mir ist, aIs hätte er es manchmal gesungen. Er war ein schmaler Mann mit einer Liebe für alte Dinge, alte Gärten. Ich habe das Lied gehört. Es ist ein schmalziges Operettenlied; aber in den ubenddunklen Gärten der Wiener Vorstädte und Dörfer, wo der junge Wein unter Windlichtern, unter hohen Nußbäumen und Kastanien ausgeschenkt wird, ist es nicht mehr schmalzig. Es ist wehmütig, mit den Kerzen, der leisen Schrammelmusik und der weichen Nacht. Nicht mehr kleinbürgerlich, das habe ich nur so gesagt. Ich habe es lange nicht mehr gehört. Und da war noch ein linderes Lied: >Erst wenn’s aus wird sein, mit einer Musik und einem Wein.< Das war das letzte, was man damals hören konnte.«
«Karl kennt es sicher.«
«Ich möchte es lieber nicht mehr hören. Es war das letzte Lied, bevor die Nazis Österreich einnahmen. Danach gab es nur noch Marschlieder.«
Natascha schwieg eine Weile.»Karl wird das andere Lied noch ein paarmal spielen. Wenn Sie wollen, sagen wir ihm, daß er es nicht tut.«
«Er hat es doch gerade gespielt.«
«Wenn ich hier bin, spielt er es öfters.«
«Aber wir waren doch schon einmal hier. Da habe ich es nicht gehört.«
«Da hatte er seinen freien Abend. Jemand anders spielte.«
«Ich höre es ebenso gerne wie Sie.«
«Wirklich? Hat es keine traurigen Erinnerungen für Sie?«
«Das ist, wie man es nimmt. Alle Erinnerungen sind zum Schluß traurig, weil sie mit Vergangenem zu tun haben, wenn man so will.«
Sie betrachtete mich.»Ich glaube, es wird jetzt Zeit für einen neuen Moscow Mule.«
«Unbedingt. «Ich betrachtete sie. Sie hatte wenig von Carmens tragischer Schönheit, dafür wechselte ihr kleines Gesicht sehr rasch zwischen wacher Intelligenz, einem fast spitzbübischen, pfeilschnellen und aggressiven Humor und einer plötzlichen, überraschenden Sanftheit.
«Was sehen Sie mich so an?«fragte sie, mit einemmal hellwach und mißtrauisch.»Glänzt meine Nase?«
«Nein. Ich denke nur darüber nach, warum Sie so freundlich zu Kellnern und Klavierspielern sind und so aggressiv zu Ihren Freunden.«
«Weil die Kellner sich nicht wehren können. «Sie sah mich an.»Bin ich wirklich so aggressiv? Oder sind Sie nur übersensibel?«»Ich glaube, ich bin übertrieben sensibel.«
Sie lachte.»Das glauben Sie gar nicht. Niemand, der es ist, glaubt es. Glauben Sie das?«
«Auch das.«
Karl begann das Lied aus dem >Graf von Luxemburg< zum zweiten Male.»Ich habe Sie gewarnt«, sagte Natascha.
Ein paar Leute kamen herein und winkten ihr zu. Auch vorher hatten andere sie schon begrüßt. Sie kannte sehr viele Leute, das hatte ich schon bemerkt. Gleich darauf kamen zwei Männer an den Tisch und sprachen mit ihr. Ich stand dabei und hatte plötzlich jenes Gefühl, das man hat, wenn ein kleines Flugzeug in ein Luftloch gerät. Nichts war mehr fest, alles schwebte und fiel, die grün- und blaugestreiften Wände, die vielen Köpfe und die ver fluchte Musik schwankten — es war wie eine Gleichgewichtsstörung, die blitzartig auftrat. Es konnte nicht der Wodka sein und auch nicht das Gulasch, dafür war das Gulasch zu gut gewesen und der Wodka zu wenig. Wahrscheinlich war es die Erinnerung an Wien, dachte ich erbittert, an Wien und meinen toten Vater, der nicht rechtzeitig genug geflohen war. Ich starrte auf den Flü gel und auf Karl Inwald, ich sah seine Hände auf den Tasten und hörte kaum etwas. Dann begannen die Wände sich wieder zu beruhigen. Ich atmete tief und hatte das Gefühl, von einer wei ten Reise zurückgekommen zu sein.
«Es wird zu voll«, sagte Natascha Petrowna.»Die Theater sind aus. Wollen wir gehen?«
Die Theater sind aus, dachte ich, und die Nachtklubs füllen sich um Mitternacht mit Millionären und Gigolos, und es ist Krieg, und ich hocke dazwischen. Es war ein lächerlicher und ungerechter Gedanke, denn viele der Männer, die an den Tischen saßen, waren in Uniform, und sicher waren nicht alle Etappenschweine, sondern es waren wohl auch Urlauber von der Front darunter, aber mir lag im Augenblick nichts daran, gerecht zu sein. Ein hilfloser Zorn würgte mich.
Wir drängten uns über den schmalen Gang, an dem die Pissoirs und Garderoben lagen, zwischen Gelächter und Grüßen hinaus. Die Straße war warm und feucht. Eine Reihe von Taxis stand vor der Tür. Der Portier öffnete einen Schlag.
«Wir brauchen keines«, sagte Natascha Petrowna.»Ich wohne nicht weit von hier.«
Die Straße wurde dunkler. Wir kamen zu dem Haus, in dem sie wohnte. Sie räkelte sich wie eine Katze.»Ich liebe solche nächtlichen Gespräche über alles und nichts«, sagte sie.»Natürlich ist alles das, was ich Ihnen gesagt habe, nicht wahr.«
Das Licht der Straßenlampe fiel voll auf ihr Gesicht.»Natürlich nicht«, erwiderte ich, immer noch hilflos und zornig auf mich, weil ich mich bemitleidete. Ich nahm sie und küßte sie und erwartete, daß sie mich ärgerlich als vulgären Plebejer zurückstoßen würde. Sie tat es nicht, sie sah mich nur mit einem sonderbaren, stillen Blick an, blieb noch einen Augenblick stehen und ging dann schweigend ins Haus.
XII
Ich kam vom Anwalt. Betty Stein hatte mir hundert Dollar gegeben, damit ich ihm die erste Rate bezahle. Ich hatte die Kuk- kucksuhr angesehen und versucht zu handeln, aber der Anwalt war hart geblieben wie ein Diamant, von keiner Sentimentalität getrübt. Ich war so weit gegangen, ihm einiges aus den letzten Jahren zu erzählen. Ich wußte, daß er einen Teil davon bereits gehört hatte, hatte all das ja gebraucht, um die Verlängerung meiner Aufenthaltsgenehmigung zu erreichen, aber ich hatte gedacht, ein paar Details würden nicht schaden, um den Mann mit der zu stimmen. Fünfhundert Dollar waren eine sehr große Schuld für mich. Betty Stein hatte mir dazu geraten.»Flennen Sie ihm richtig was vor«, hatte sie gesagt.»Vielleicht hilft es. Und außerdem stimmt es ja. «Es hatte nichts genützt. Der Anwalt erklärte mir, daß er mir bereits ein Geschenk gemacht habe, sein normales Honorar sei bedeutend höher. Auch der Hinweis auf den mittellosen Emigranten schlug fehl. Der Anwalt lachte mich aus.»So wie Sie kommen jedes Jahr über hundertfünfzigtausend Emigranten nach Amerika. Hier sind Sie keine rührende Ausnahme. Was wollen Sie? Sie sind gesund, stark und jung. So haben alle unsere Millionäre angefangen. Und wie ich höre, sind Sie über das Tellerwäscherstadium schon hinaus. Ihre Situation ist nicht schlimm. Wissen Sie, was schlimm ist? Arm zu sein, alt zu sein, krank zu sein und ein Jude in Deutschland zu sein! Das ist schlimm! Und nun good bye! Ich habe Wichtigeres zu tun. Bringen Sie die nächste Rate pünktlich.«
Ich war dankbar gewesen, daß er nicht noch dafür, daß er mich angehört hatte, ein Extrahonorar verlangte. Langsam schlenderte ich durch die Stadt, die in heiterem, geschäftigem Morgendunst lag. Die Sonne schien hinter glänzenden Wolken. Die Autos blitzten frisch geputzt, und der Central Park war voll von Kin dergeschrei. Bei Silvers hatte ich Photographien von Picasso aus Paris gesehen, die ähnlich gewesen waren. Der Ärger über den Anwalt verflog, es war auch nur der Ärger über die ziemlich er bärmliche Rolle gewesen, die ich gespielt hatte. Er hatte mich durchschaut, und er hatte recht gehabt. Ich konnte nicht einmal auf Betty ärgerlich sein, die mir dazu geraten hatte. Es war ja meine Sache gewesen, ihrem Rat zu folgen oder nicht.