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Ich ging am Bassin der Seelöwen vorbei, auch sie glitzerten in der warmen Sonne wie polierte lebendige Bronzen. Die Tiger, Löwen und Gorillas waren in ihren Außenkäfigen. Sie wanderten ruhelos auf und ab mit den durchsichtigen beryllfarbcnen Augen, die nichts und alles sahen. Die Gorillas spielten und warfen mit Bananenschalen. Ich enthielt mich allen sentimentalen Mitleids. Anstatt wie hungrige Beutesucher, die von Mücken und Krankheiten gequält wurden, sahen die Tiere eher aus wie ruhige, satte Rentner auf dem Morgenspaziergang. Wenn Angst und Hunger die Haupttriebfedern der Natur sind — die Tiere hier waren davon frei, allerdings war der Preis dafür eine gewisse Monotonie. Doch wer wußte, wem das eine oder das andere lieber war? Die Tiere haben, wie Menschen, ihre Gewohnheiten, an denen sie festhalten, und von der Gewohnheit ist nur ein Schritt zur Monotonie. Revolutionen sind überall selten. Ich mußte an Natascha Petrowna denken und an meine Theorie vom Glück im Winkel. Sie war keine Revolutionärin, und ich glaubte an das Glück im Winkel nur als Kontrast. Beide gehörten wir aber nirgend wohin. Wir flatterten und machten manchmal irgendwo halt, um auszuruhen. Aber taten das nicht alle Tiere ohne viel Aufhebens?

Ich setzte mich auf die Terrasse und bestellte mir einen Kaffee. Ich hatte fünfhundert Dollar Schulden und vierzig Dollar Vermögen. Aber ich war frei, gesund und, wie der Anwalt mir erklärt hatte, auf der ersten Stufe zum Millionär. Ich trank noch einen Kaffee und kam mir vor wie im Jardin du Luxembourg in Paris an einem Sommervormittag. Damals hatte ich einen Spaziergänger gemimt, damit die Polizei nicht auf mich aufmerksam wurde. Heute bat ich einen vorübergehenden Polizisten um Feuer für meine Zigarette und erhielt es. Der Luxemburg-Garten erinnerte mich an das Lied vom Graf von Luxemburg im Morocco. Aber als ich es dort gehört hatte, war es Nacht gewesen, und jetzt war es heller, winddurchwehter Tag. Am Tag ist alles anders.

* * *

«Wo bleiben Sie nur? Sie waren ja endlos lange weg!«sagte Silvers.»Es kann doch keine solche Ewigkeit dauern, um einen Anwalt zu bezahlen!«

Ich war überrascht. Er war nicht mehr der gepflegte Weltmann, den ich ihm auch nie ganz geglaubt hatte. Er war heute gespannt, nervös, ohne es sehr zu zeigen, er schritt rasch und etwas geduckt durchs Haus. Sogar sein Gesicht hatte sich geändert. Die leicht gepolsterte Weichheit war versdiwunden. Hier war einer, der auf Raub ausging, dachte ich. Eine Art Salonleopard, der Wild gesichtet hatte.

«Es kann schon länger dauern, wenn man nicht bezahlen kann. «Silvers wischte das beiseite.»Kommen Sie jetzt, wir haben wenig Zeit. Wir müssen Bilder umhängen.«

Wir gingen in den Raum mit den Staffeleien. Silvers holte aus dem Nebenraum zwei Bilder hervor und stellte sie auf.»Sagen Sie mir, ohne nachzudenken, welches Sie kaufen würden.«

Es waren wieder die zwei Degas, beides Bilder von Tänzerinnen. Beide ungerahmt.»Los, los!«sagte Silvers.

Ich deutete auf das linke.»Dieses.«

«Warum? Es ist doch weniger ausgeführt.«

Ich zuckte die Achseln.»Es gefällt mir besser. Gründe kann ich Ihnen auf Anhieb nicht sagen. Das wissen Sie doch selbst viel besser als ich.«

«Natürlich weiß ich es besser«, versetzte Silvers ungeduldig.»Kommen Sie, wir müssen beide rahmen, bevor der Kunde erscheint.«

Er zeigte mir eine Anzahl leerer Rahmen im Nebenraum. Ich brachte sie heraus.»Es sind Normalgrößen«, murmelte er.»Diese hier werden passen. Wir haben keine Zeit mehr, Rahmen zurechtzuschneiden.«

Es war überraschend, wie die Bilder sich veränderten, wenn die Rahmen darübergelegt wurden. Das eine, das etwas zerflattert im Raume zu hängen schien, war plötzlich gesammelt. Die Bilder wirkten fertiger.

«Man soll Bilder nur im Rahmen zeigen«, erklärte Silvers.»Nur Kunsthändler können sie ohne Rahmen beurteilen. Nicht einmal Museumsdirektoren verstehen das immer. Welchen Rahmen wür den Sie nehmen?«

«Diesen da.«

Silvers sah mich anerkennend an.»Sie haben keinen schlechten Geschmack. Aber wir werden einen anderen nehmen. Diesen hier.«

Er schob die Tänzerinnen in einen breiten und reichverzierten Rahmen.»Ist der nicht ein wenig zu üppig für ein Bild, das nicht ganz fertig gemalt wurde?«fragte ich.

«Im Gegenteil, er kann gar nicht üppig genug sein, weil das Bild nicht fertig ist. Gerade deshalb.«

«Ich verstehe. Er verdeckt.«

«Er erhöht. Er ist so fertig, daß das Bild auch fertig wirkt. Rahmen sind sehr wichtige Dinge«, dozierte Silvers und setzte sich zurecht. Ich hatte schon öfter gemerkt, daß er es liebte, professo ral zu werden.»Es gibt Kunsthändler, die an Rahmen sparen; sie glauben, der Kunde merke es nicht. Rahmen sind teuer, und Schmokusmalokus, gepreßte und vergoldete Gipsrahmen sehen zwar guten Rahmen auf den ersten Blick etwas ähnlich, aber nur auf den ersten Blick.«

Ich paßte den ersten Degas vorsichtig in den Rahmen. Silvers suchte einen zweiten für das andere Bild aus.»Wollen Sie doch beide zeigen?«fragte ich.

Er lächelte verschmitzt.»Nein. Aber ich will das zweite Bild in Reserve halten. Man weiß nie, was passiert. Beide Bilder sind absolute Jungfrauen. Nie gezeigt. Der Kunde, der heute kommt, wollte erst übermorgen ersdieinen. Wir brauchen die Rückseite nicht zu kleben; wir haben keine Zeit dazu. Biegen Sie nur die Nägel um, damit es fest hält.«

Ich holte den zweiten Rahmen.»Eine Schönheit, wie?«sagte Silvers.»Louis XV., reich und üppig. Macht das Bild um fünf tausend Dollar wertvoller. Mindestens! Selbst van Gogh wollte, daß seine Bilder erstklassig gerahmt sein sollten. Degas hat seine allerdings oft mit weiß angestrichenen Latten gerahmt. Aber vielleicht war er geizig.«

Vielleicht hatte er auch nicht genug Geld, dachte ich. Van Gogh hatte sicher nicht genug, er hat zeit seines Lebens kein Bild verkaufen können und wurde von seinem Bruder dürftig unter stützt. Die Bilder waren gerahmt. Silvers wies mich an, das eine in das Nebenkabinett zurückzubringen.»Das andere hängen Sie in das Schlafzimmer meiner Frau.«

Ich sah ihn erstaunt an.»Sie haben richtig verstanden«, sagte er.»Ich gehe mit, kommen Sie. «Frau Silvers hatte ein hübsches, sehr weibliches Schlafzimmer. Ein paar Zeichnungen und Pastelle hingen zwischen den Möbeln. Silvers betrachtete sie mit Feld herrnblick.»Nehmen wir die Renoir-Zeichnung drüben einmal herunter und hängen wir den Degas hin. Den Renoir dafür nach drüben über den Toilettentisch, die Berthe-Morisot-Zeichnung nehmen wir heraus. Den Vorhang rechts ziehen wir halb zu. Etwas mehr… so, jetzt ist das Licht gut.«

Er hatte recht. Das Gold des halb zugezogenen Vorhangs gab dem Bild Süße und Wärme.»Strategie«, sagte Silvers,»ist der halbe Verkauf. Kommen Sie.«

Er instruierte mich über die Strategie. Ich sollte die Bilder, die er vorzeigen wollte, in das Zimmer mit den Staffeleien bringen. Er würde mich beim vierten oder fünften Bild beauftragen, den Degas aus dem Kabinett zu holen. Ich sollte ihn dann daran erinnern, daß das Bild im Schlafzimmer von Frau Silvers hänge.»Sprechen Sie so viel Französisch, wie Sie wollen«, erklärte er.»Wenn ich Sie nach dem Bild frage, antworten Sie allerdings englisch, damit der Kunde es auch versteht.«

Ich hörte die Hausklingel.»Da ist er«, sagte Silvers.»Warten Sie hier oben, bis ich Ihnen klingle.«

Ich ging in das Kabinett, in dem die Bilder Seite an Seite in Holzgestellen standen, und setzte mich auf einen Stuhl. Silvers ging nach unten, um seinen Gast zu begrüßen. Das Kabinett hatte ein kleines Fenster mit einer Milchglasscheibe, das stark vergittert war. Ich hatte das Gefühl, in einer Gefängniszelle zu sitzen, in der zur Abwechslung für einige hunderttausend Dollar Bilder aufgcspeichert waren, was den Charakter der Zelle veränderte. Das milchige Licht erinnerte mich an eine Zelle, in der ich einmal in der Schweiz vierzehn Tage gesessen hatte — wegen illegalen Aufenthalts ohne Papiere, das übliche Vergehen der Emigranten. Die Zelle war genau so sauber und ordentlich gewesen, und ich hätte gern länger als vierzehn Tage darin gesessen, das Essen war gut und die Zelle geheizt. Aber nach zwei Wochen wurde ich in einer stürmischen Nacht nach Annemasse an die französische Grenze gebracht, erhielt eine Zigarette und einen Knuff in den Rücken:»Marsch nach Frankreich. Und laß dich nie wieder in der Schweiz sehen!«