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Ich mußte eingenickt sein. Plötzlich läutete die Klingel. Nebenan hörte ich Silvers sprechen. Ich ging hinein. Ein schwerer Mann mit großen roten Ohren und kleinen Schweinsaugen saß da.»Monsieur Ross«, flötete Silvers,»bitte bringen Sie einmal die helle Sisley-Landschafl.«

Ich brachte die Landschaft und stellte sie auf. Silvers sagte lange Zeit nichts, sondern beobachtete durch das Fenster die Wolken.»Gefällt sie Ihnen?«fragte er dann gelangweilt.»Ein Sisley aus der besten Zeit. Eine Überschwemmung — das, was jeder haben will.«

«Mist«, sagte der Kunde noch gelangweilter als Silvers.

Der Händler lächelte.»Auch eine Kritik«, erwiderte er ziemlich sarkastisch.»Monsieur Ross«, wandte er sich an mich in französisch,»nehmen Sie diesen herrlichen Sisley fort.«

Ich wartete einen Augenblick darauf, daß Silvers mir sagen würde, was er jetzt hereingebracht haben wolle. Da er es nicht tat, ging ich mit dem Sisley hinaus, hörte aber Silvers noch sagen:»Sie sind heute nicht in Stimmung, Herr Cooper. Verschieben wir es auf ein anderes Mal.«

Ziemlich schlau, dachte ich in dem milchigen Licht meiner Kammer, jetzt mußte Cooper anfangen. Als ich wieder gerufen wurde, nach einiger Zeit, und die ändern Bilder nach und nachher einbrachte, rauchten beide zwei von Silvers’ Kundenzigarren Partagas. Dann fiel mein Stichwort.»Dieser Degas ist nicht hier, Herr Silvers«, sagte ich.

«Aber natürlich ist er hier. Er muß da sein.«

Ich kam heran, beugte mich halb zu ihm herunter und flüsterte vernehmlich:»Das Bild ist oben, bei Frau Silvers…«

«Wo?«

Ich wiederholte auf französisch, daß das Bild bei Frau Silvers im Schlafzimmer hänge.

Silvers schlug sich vor die Stirn.»Ach richtig, daran habe ich ja gar nicht gedacht. Nun, dann geht es eben nicht…«

Ich bewunderte ihn grenzenlos. Er schob die Initiative wieder Cooper zu. Er sagte mir nicht, daß ich das Bild holen solle, er behauptete auch nicht, daß das Bild seiner Frau zugedacht sei oder gar ihr gehörte. Er ließ das Thema ganz einfach fallen und wartete.

Ich wanderte zurück in meine Kemenate und wartete ebenfalls. Mir schien, daß Silvers einen Hai an der Angel habe und ich nicht sagen könne, ob der Hai nicht Silvers verschlucken würde. Allerdings war Silvers’ Position günstiger. Der Hai konnte eigentlich nur die Angel durchbeißen und wegschwimmen. Es war ausgeschlossen, daß Silvers zu billig verkaufte. Der Hai machte immerhin interessante Versuche. Da die Tür einen Spalt offen stand, hörte ich, daß das Gespräch sich wirtschaftlichen Verhältnissen und dem Krieg zuwandte. Der Hai prophezeite das Schlimmste: Börsenpleite, Schulden, neue Ausgaben, neue Schlachten, Krisen, sogar drohenden Kommunismus. Alles würde fallen. Bares Geld würde das einzige sein, das Wert behielte. Er erinnerte nachdrücklich an die schwere Krise Anfang der dreißiger Jahre, wer da bares Geld hatte, war ein König und konnte alles für den halben Preis kaufen, für ein Drittel, ein Viertel. Nachdenklich fügte der Hai hinzu:»Luxussachen wie Möbel, Teppiche und Bilder sogar für ein Zehntel.«

Silvers bot ungerührt Kognak an.»Später sind die Sachen dann wieder gestiegen«, sagte er.»Und das Geld ist gefallen. Sie wissen ja selbst, daß das Geld heute weniger als die Hälfte von damals wert ist. Es ist nicht wieder gestiegen, Bilder dagegen um das Fünffache und mehr. «Er lachte ein sanftes falsches Lachen.»Ja, die Inflation! Sie begann vor zweitausend Jahren und geht weiter und weiter. Sachwerte steigen, Geld fällt, so ist es nun einmal.«

«Darum sollte man nie etwas verkaufen«, parierte der Hai unter fröhlichem Gebrüll.

«Wenn man das könnte«, erwiderte Silvers gelassen.»Ich verkaufe ohnehin so wenig wie möglich. Aber man braucht ja Betriebskapital. Fragen Sie einmal meine Kunden. Für die bin ich ein Wohltäter. Ich habe noch vor kurzem eine Degas-Tänzerin, die ich vor fünf Jahren verkauft habe, für das Doppelte des Preises zurückgekauft.«

«Von wem?«fragte der Hai.

«Das sage ich Ihnen natürlich nicht. Möchten Sie, daß ich herum posaunen würde, zu welchen Preisen Sie bei mir kaufen?«

«Warum nicht?«Der Hai war eine scharfe Nummer.

«Andere mögen es gar nicht. Nach denen muß ich mich richten. «Silvers machte ein Geräusch, als stünde er auf.»Schade, daß Sie hier nichts gefunden haben, Herr Cooper. Nun, vielleicht ein andermal. Die Preise kann ich natürlich nicht lange offenhalten, das verstehen Sie?«

Auch der Hai stand auf.»Hatten Sie nicht noch einen Degas, den Sie mir zeigen wollten?«fragte er nachlässig.

«Ach den, der im Zimmer meiner Frau hängt?«Silvers zögerte. Dann hörte ich die Klingel.»Ist meine Frau in ihrem Zimmer?«»Sie ist vor einer halben Stunde ausgegangen.«

«Dann bringen Sie doch einmal den Degas, der neben dem Spiegel hängt.«

«Es wird einen Augenblick dauern, Herr Silvers«, sagte ich.»Ich habe gestern einen Holzdübel eindrehen müssen, da die Wand nicht sehr fest war. Das Bild ist darauf festgeschraubt. Es dauert nur ein paar Minuten.«

«Lassen Sie nur«, erwiderte Silvers.»Wir gehen einfach hinauf. Was meinen Sie, Herr Cooper?«

«Von mir aus.«

Ich hockte mich wieder wie Fafner zwischen die Schätze des Rheingolds. Nach einiger Zeit kamen die beiden zurück, und ich wurde hinaufgeschickt, das Ding loszumachen und herunter zu bringen. Da nichts loszumachen war, wartete ich einfach ein paar Minuten. Ich sah durch das hintere Fenster, das zum Hof hinaus ging, Frau Silvers im Küchenfenster gegenüber. Sie machte eine fragende Geste. Ich schüttelte heftig den Kopf, die Luft war noch nicht rein, Frau Silvers mußte weiter in der Küche bleiben.

Ich brachte das Bild in den veloursgrauen Staffeleiraum und verließ das Zimmer. Vom Gespräch konnte ich nichts mehr hören, Silvers hatte die Zwischentur geschlossen. Ich hätte ganz gern festgestellt, wie subtiler andeuten würde, daß seine Frau das Bild gerne für die private Sammlung behalten würde, aber ich war sicher, er würde es so machen, daß der Hai nicht mißtrauisch würde. Es dauerte ungefähr noch eine halbe Stunde, dann kam Silvers herein und erlöste mich aus der Luxusgefangenschaft.»Den Degas brauchen wir nicht zurückzuhängen«, sagte er.»Sie müssen ihn morgen zu Herrn Cooper bringen.«»Gratuliere.«

Er zog eine Grimasse.»Was man alles tun muß! Dabei wird der Mann sich in zwei Jahren ins Fäustchen lachen, so werden die Bilder gestiegen sein.«

Ich wiederholte die Frage Coopers.»Warum verkaufen Sie dann wirklich?«

«Weil ich es nicht lassen kann. Ich bin eine Spielernatur. Außerdem muß ich verdienen. Übrigens, die Sache mit dem angeschraubten Bild war nicht schlecht. Sie entwickeln sich.«

«Sollte ich dann nicht besser bezahlt werden?«

Silvers machte schmale Augen.»Sie entwickeln sich etwas zu schnell. Vergessen Sie nicht, daß Sie bei mir einen Gratis unterricht bekommen, um den Sie mancher Museumsdirektor beneiden würde.«

Ich ging abends zu Betty Stein, um mich für das geliehene Geld zu bedanken. Ich fand sie mit verweinten Augen in sehr gedrückter Stimmung. Bei ihr waren einige ihrer Bekannten, die sie an scheinend trösteten.»Ich kann morgen wiederkommen, wenn ich heute störe«, sagte ich.»Ich wollte mich nur bedanken.«

«Was?«

Betty sah mich verstört an.»Für das Geld«, sagte ich,»das ich dem Anwalt brachte. Man hat meine Erlaubnis verlängert. Ich kann einstweilen hierbleiben.«

Sie brach in Tränen aus.»Was ist passiert?«fragte ich den Schauspieler Rabinowitz, der Betty in den Arm nahm und ihr zu sprach.»Wissen Sie es nicht? Möller ist tot. Vorgestern. «Rabinowitz machte mir ein Zeichen, nicht weiterzufragen. Er führte Betty zu einem Sofa und kam zurück. Er spielte die Rollen brutaler Nazis in B-Filmen und war ein sehr sanfter Mann.»Er hat sich erhängt«, sagte er,»Lipschütz hat ihn gefunden. Er muß schon ein oder zwei Tage tot gewesen sein. In seinem Zimmer. Er hing am Kronleuchter. Alle Lampen brannten, auch am Kronleuchter. Vielleicht wollte er nicht allein im Dunkel sterben. Er muß sich wohl nachts erhängt haben.«