Ich wollte gehen.»Bleiben Sie nur hier«, sagte Rabinowitz.»Je mehr Leute bei Betty sind, desto besser ist es für sie. Sie kann nicht allein sein.«
Die Luft im Zimmer war abgestanden und schwül. Betty wollte kein Fenster offen haben. Aus einem rätselhaften, atavistischen Aberglauben heraus glaubte sie, man täte dem Toten etwas an, wenn sich die Trauer in die freie Luft verflüchtigen könne. Ich habe vor vielen Jahren einmal gehört, daß man die Fenster öffne, wenn ein Toter im Hause läge, um die im Zimmer umherirrende Seele zu befreien, aber nie, daß man sie schließe, um die Trauer zu beherbergen.
«Ich bin eine dumme Kuh«, sagte Betty und schneuzte sich energisch.»Ich sollte mich zusammennehmen. «Sie stand auf.»Ich werde euch Kaffee machen. Oder wollt ihr etwas anderes haben?«
«Gar nichts, Betty, wirklich gar nichts.«
«Doch. Ich werde Kaffee machen.«
Sie ging mit ihrem verdrückten raschelnden Kleid in die Küche.»Weiß man irgendeinen Grund?«fragte ich Rabinowitz.
«Braucht man einen Grund?«
Ich erinnerte mich an Kahns Theorie über die Zäsuren im Leben und darüber, daß der Wurzellose besonders gefährdet sei.
«Nein«, sagte ich.
«Er war nicht ganz arm, das kann es nicht gewesen sein. Er war auch nicht krank, vor ungefähr zwei Wochen hat Lipschütz ihn noch gesehen.«
«Konnte er arbeiten?«
«Er konnte schreiben. Aber er konnte nichts veröffentlichen. Er hat seit Jahren nichts veröffentlichen können«, sagte Lipschütz.»Aber so geht es vielen. Das allein kann es auch nicht sein.«
«Hat er etwas hinterlassen?«
«Nichts. Er hing mit dem blauen Gesicht und der dicken Zunge am Kronleuchter, und die Fliegen krochen über seine offenen Augen. Er sah schon entsetzlich aus. In diesen heißen Tagen geht das schnell. Die Augen…«Lipschütz schüttelte sich.»Das Schlimmste ist, daß Betty ihn noch einmal sehen will.«
«Wo ist er jetzt?«
«In einem Unternehmen, das hier Funeral Home genannt wird. Beerdigungsheim. Die Leichen werden da zurechtgemacht. Waren Sie schon einmal in einem solchen Etablissement? Gehen Sie nie hin. Die Amerikaner sind ein junges Volk, sie erkennen den Tod nicht an. Die Verstorbenen werden geschminkt, als schliefen sie nur. Viele werden auch einbalsamiert.«
«Wenn er geschminkt wird…«, sagte ich.
«Das haben wir auch gedacht, aber es ist fast nichts zu machen. So viel Schminke gibt es kaum. Es ist auch zu teuer. Sterben ist furchtbar teuer in Amerika.«
«Nicht nur in Amerika«, sagte Rabinowitz.
«Nicht in Deutschland«, sagte ich.
«In Amerika ist es sehr teuer. Wir haben schon ein einfaches Beerdigungsinstitut ausgesucht. Trotzdem kostet es, aufs Billigste gebracht, einige hundert Dollar.«
«Wenn Möller die gehabt hätte, wäre er vielleicht noch am Leben«, erklärte Lipschütz.
«Vielleicht.«
Ich sah, daß die Reihe der Photographien von Betty gestört war. Möllers Bild hing nicht mehr unter den Lebenden. Es hatte noch keinen schwarzen Rahmen wie die Toten auf der anderen Seite, es war noch in seinem alten Goldrahmen, aber Betty hatte aus einem Stück schwarzen Tülls eine Schleife darum geknüpft. Möller sah lächelnd und fünfzehn Jahre jünger daraus hervor. Es war ein Jugendbild, und es war nichts dazu zu sagen, auch nicht zu der Schleife. Trotzdem war mir einen Augenblick, als könne man das nie verstehen.
Betty kam mit einem Tablett und Kaffeetassen und schenkte aus einer geblümten Kanne ein.»Da ist auch Zucker und Sahne«, sagte sie.
Alle tranken. Ich auch.»Die Trauerfeier ist morgen«, sagte sie.»Kommen Sie auch?«
«Wenn ich kann. Ich habe schon heute ein paar Stunden freineh men müssen.«
«Alle seine Bekannten müssen kommen«, erwiderte Betty, sofort wieder aufgeregt, schrill.»Morgen um halb eins. Es ist extra so gelegt worden, daß alle kommen können.«
«Ich komme auch, selbstverständlich. Wo ist es?«
Lipschütz nannte mir den Namen.»Ascher’s Funeral Home an der Vierzehnten Straße.«
«Wo wird er beerdigt?«fragte Rabinowitz.
«Er wird nicht beerdigt. Er wird verbrannt. Das Krematorium ist billiger.«
«Was?«
«Er wird verbrannt.«
«Verbrannt«, wiederholte ich mechanisch.
«Ja. Das Funeral Home erledigt das.«
Betty kam nach vorn.»Da liegt er nun, allein, unter wildfremden Menschen«, klagte sie.»Wenn er doch wenigstens bei uns aufgebahrt worden wäre, unter Freunden, bis zur Beerdigung. «Sie wandte sich an mich.»Was wollten Sie noch wissen? Wer das Geld für Sie vorgeschossen hat? Vriesländer.«
«Vriesländer?«
«Ja, wer sonst. Aber Sie kommen morgen bestimmt?«
«Bestimmt«, sagte ich. Es gab nichts anderes zu sagen.
Rabinowitz brachte mich zur Tür.»Wir müssen Betty hinhalten«, wisperte er.»Sie darf Möller nicht sehen. Nicht das, was von ihm ubriggeblieben ist. Da war doch eine Obduktion wegen des Selbstmordes. Betty hat keine Ahnung davon. Und Sie wissen ja, daß sie gewohnt ist, ihren Willen stürmisch durchzusetzen. Zum Glück hat sie den Kaffee gebracht. Lipschütz hat in ihre Tasse eine Schlaftablette gegeben. Sie hat nichts gemerkt, deshalb haben wir alle den Kaffee getrunken und gelobt. Betty kann Lob nicht widerstehen; sonst hätte sie nichts getrunken. Wir haben es mit Beruhigungspillen versucht. Sie will keine nehmen, sie glaubt, es wäre Betrug an Möller. Genau wie das mit dem gesdilossenen Fenster. Vielleicht können wir trotzdem noch eine Tablette in ihr Essen schmuggeln. Morgen früh ist die schlimmste Zeit, sie davon abzuhalten. Sie kommen auch?«
«Ja. Zum Funeral Home. Und Möller wird zum Krematorium gebracht?«
Rabinowitz nickte.»Wo ist es?«fragte ich.»Im Funeral Home?«»Das glaube ich nicht. Warum?«
«Was redet ihr denn da so lange?«fragte Betty vom Zimmer her.»Sie ist mißtrauisch«, flüsterte Rabinowitz.»Gute Nacht.«
«Gute Nacht.«
Er ging über den halbdunklen Flur, an dessen Wänden Photos vom Romanischen Cafe in Berlin hingen, zurück in das dumpfe Zimmer.
XIII
Ich schlief schlecht in dieser Nacht und ging früh vom Hotel fort — zu früh für meinen Dienst bei Silvers. Ich fuhr mit dem Fifth- Avenue-Omnibus bis zur Haltestelle an der Kreuzung zur 83. Straße, um ins Metropolitan-Museum zu gehen. Es war noch nicht offen. Ich ging durch den Central Park hinter dem Museum bis zum Shakespeare-Denkmal. Ich ging weiter, den See entlang und kam zu einem Denkmal Schillers, das sich ebenso fremd ausnahm. Vielleicht hatte ein Auslandsdeutscher es vor Jahrzehnten gestiftet. Im Augenblick hatte ein Erotiker es verschönt. Mit roter Farbe war ein üppiger gebückter Frauenhintern darauf gezeichnet, der von einem Mann mit einer Brille von hinten vergewaltigt wurde. Es war nicht einmal eine ungeschickte Zeichnung, aber sie paßte schlecht zum Verfasser der >Jungfrau von Orleans<. Ich wanderte weiter und wurde von einem würdigen Vollbart angesprochen. Ich vermutete zuerst, er sei der Maler, merkte aber, als er fragte, ob ich schon gefrühstückt hätte, daß ich einen lyrischen Homosexuellen vor mir hatte, und schüttelte ihn ab. Inzwischen war es Zeit geworden, ins Museum zu gehen.
Ich war schon mehrere Male dagewesen. Es erinnerte mich an die Zeit, die ich im Museum in Brüssel zugebracht hatte — und merkwürdigerweise am meisten an die Stille darin. Die grenzenlose, gequälte Langeweile der ersten Monate dort, die monotone Spannung, die ständige Angst dieser Zeit, entdeckt zu werden, die erst allmählich in eine Art fatalistische Gewohnheit übergegangen war, alles das schien unter den Horizont gesunken zu sein. Geblieben war nur die unheimliche Stille, dieses Herausgehobensein aus jedem Zusammenhang, dieses Leben in dem stillen Kern eines Tornados, umbraust von den Wirbeln des Sturms, aber immer scheinbar geborgen in einer Windstille, in der kein Segel flatterte oder sich rührte.